Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Albrecht:4
Verehrtester Herr Hofkapellmeister!
Hätt’ ich weiter nichts auf dem Herzen gehabt, hätte ich weiter nichts gegen Sie aussprechen mögen, als Dank, innigen Dank für das erfahrene Wohlwollen, die ehrende Antwort: – schon früher hätte ich denselben zu Ihnen gebracht.
Aber in mir erwachte das Verlangen, abermals vor Ihnen zu erscheinen als Bittender, als um Rath fragender. Da war’s aber wohl am Platze, daß ich mich selbst einige Wochen zurückhielt, und bedachte: darfst du’s auch wagen? – Und dieses Bedenken war ganz besonders angemessen der Beschaffenheit halben dessen, was ich noch bitten wollte, worüber ich noch Rath zu haben wünschte.
„Du willst nicht nur Anliegen, Arbeiten vorweisen, wie du bereits gethan, sondern deine eigene Person willst du bringen, sie empfehlen, für sie bitten. Aber auf welchen Grund kannst du einen Anspruch auf persönlichen Antheil bauen gegenüber dem, welcher dir nicht Vater, nicht Verwandter, dem du nicht einmal ein persönlich Bekannter bist?“
Allerdings fehlt mir solcher Grund gegenüber Ihnen, verehrtester Herr Kapellmeister, aber er würde mir auch gegenüber jedem Anderen fehlen. In solchem Falle ist auch der Bescheidenste und Verständigste gezwungen,etwas zu thun, das nicht ganz nach Bescheidenheit und Verständigkeit aussieht, und man wendet sich dann an denjenigen, zu welchem man das größte Vertrauen hat.
So bitte ich nun: Nehmen Sie das bisher Gesagte und das folgende nicht ungütig auf!
So gern möchte ich meine Dienste, welche und wie große ich eben leisten kann, da und dort anbieten, wo ich selbst auch wieder künstlerische Nahrung und Förderung nehmen könnte, Aber wo, durch wen, überhaupt auf welche Weise? Ich bin ganz rathlos.
Zu lange schon – 7 Jahre – bin ich von Kunst und Künstlern fast ganz abgeschlossen, und noch früher gemachte Bekanntschaften – während meines 4-jährigen Aufenthalts in München von meinem 15ten bis 19ten Lebensjahre – erreichten keinen nachhaltigen Grad des Interesse und Andenkens.
Nun klopfe ich bei Ihnen an, und bitte: Bringen Sie mir irgendwo unter, wo ich etwas lernen kann. Bei Ihnen selbst: – das wäre mir das Liebste. Die Gründe hiezu liegen in Ihrer eigenen Person. Oder Anderswo? Ich lasse mich von Ihnen führen, wenn Sie mich nur führen wollen. Sie selbst, verehrtester Herr Kapellmeister, glauben, daß ich Begeisterung für die Kunst besitze. So ist es wirklich und deßhalb wenigstens bin ich Ihres Schutzes nicht unwürdig, wenn ich mir denselben auch noch in keinerlei Weise verdienen konnte.
Zu was ich zu gebrauchen wäre? – Im Violinspiel habe ich einmal eine gute Schule durchgemacht; vor Ihnen jedoch bin ich noch Schüler. Im Klavierspiel habe ich, was ich erlernt habe, gut erlernt, jedoch im Ganzen wenig. Orgel spiele ich etwa soviel als Klavier. Nicht verschweigen will ich meine mehrjährige Übung in der Leitung musikalischer Vereine, die, eben weil sie blos aus Dilettanten bestanden und dennoch mehrere Oratorien und Cantaten, meistens am Flügel, vollständig eingeübt werden mußten, – nicht eben leicht zu leiten waren, und mich in dieser Thätigkeit zu einer gewißen Fertigkeit brachten. Vielleicht, daß von den mannigfaltigen, mit einer höheren Direktion verbundenen Geschäften irgend ein untergeordneter Theil anvertraut werden könnte.
Meine Ansprüche in geldlicher Beziehung sind bescheiden: sie beschränken sich auf die Befriedigung der einfachen Bedürfnisse meines Haushaltes1.
Aber auch, wenn Sie mich führen wollten, und wüßten, wie und wohin, so würde eine genaue Kenntnißnahme von meiner Persönlichkeit in Hinsicht auf meinen Charakter und meine Vorgangsweise im beruflichen und gesellschaftlichen Leben wahrscheinlich Ihnen eine wichtige Bedingung mit seyn und für Ihre wirkliche Entscheidung und Verwandlung zu meinen Gunsten. Zur Erfüllung dieser Bedingung könnte ich zweierlei anbieten: – erstlich der zu erfragende Vortheil meiner Behörden – Oberamt und Gemeinderath Murten, an welchem ich als Organist, Musiklehrer an der Bezirksschule und Direktor unserer musikalischen Vereine angestellt bin – was dieselben von meinen Leistungen und von meiner sonstigen Umgangsweise halten; dann – mein persönliches Vorstellen bei Ihnen selbst, verehrtester Herr Kapellmeister.
Ihre Geduld aber habe ich schon wieder lange in Anspruch genommen, und will deßhalb zum Schluße eilen. Derselbe soll in nochmaligem aufrichtigen Danke bestehen für die Mühe, welche Sie schon für mich genommen haben, und für die Aufrichtung, welche mir durch Ihre genaue Prüfung meiner Arbeiten und das darüber mitgetheilte Urtheil geworden ist, – – ein Urtheil, welches ich Zug für Zug als ein ganz wahres erkenne, ohne alle Modification bestätige, und welches als Belehrung und Förderung in meine ganze Zukunft hineinwirken soll. –
Ich zeichne mich hochachtungsvoll, verehrtester Herr Hofkapellmeister
Ihren
ganz ergebenen
Moritz Albrecht.
Murten, d. 21. Juni 1852.
| Autor(en): |
Albrecht, Moritz |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Murten |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852062143 bitlx |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Albrecht an Spohr, 29.01.1852. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.
[1] „Haushaltes“ aus „Haushaltung“ korrigiert.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.10.2023).