Autograf: letzter Nachweis nach Abschrift „Autograph im Besitz von Frl. Claire v. Glümer in Dresden“
Abschrift: Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohnarchiv (D-B), Sign. Mus. ep. La Mara-Convolut 5, S. 54-60 [Abschrift durch La Mara (d. i. Marie Lipsius)]

Mein hochverehrter Herr Doktor!

Hoffnungslos am Krankenlager meines geliebten Sohnes Robert stehend, gewährten Ihre freundlichen Zeilen u. die darin ausgesprochen theilnehmende Fürsorge für meinen Austin mir eine wahrhafte Freude und den Trost, daß ich doch noch nicht ganz von Gott u. Menschen verlassen bin. Nehmen Sie dafür den aufrichtigsten u. wärmsten Dank eines gebrochenen Vaterherzens, das bald den Verlust des achten Kindes zu beweinen haben wird! – 
Ihrem freundlichen Wunsche gemäß, sende ich Ihnen das Libretto, für dessen etwaige Schwächen ich umso mehr Ihre Nachsicht oder gar Bemäntlung derselben in Anspruch nehme, als ich es einestheils als ein Familienproject betrachte u. liebhabe, anderntheils weis es sich in Szene gesetzt, wirklich effektvoll erwiesen hat. Die Verschiedenheit der Charaktere, die Mannigfaltigkeit der in der Oper sich aussprechenden Gefühle, die Zeit, die Situationen u. s. w. hatten für mich (seit langer Zeit schon) so unendlich viel Anziehendes, daß das Ganze schon lange vorher in mir sich musikalische gebildet hatte, ehe es niedergeschrieben wurde. So auch wurde es mir möglich, die Partitur, trotz meiner vielen Geschäfte, in der kurzen Zeit von etwa drei Monaten zu schreiben. Dem Wunsch Sr. jetzigen Majestät von Hannover zufolge, welche noch als Kronprinz das Werk als Manuskript in Norderney gründlich kennen lernte, brachte ich es (am 25.sten Januar 52) hier zuerst zur Aufführung, obwohl Hannover nicht der Ort ist, von welchem die Welt bedeutende Kunstraritäten zu empfangen gewohnt ist, und ich zitterte, ob sich unser Publikum zu einem selbständigen, von nirgends oktroirten Urtheile erheben lassen würde. Allein meine Furcht war vergebens. Das Publikum richtete, und wie ich sagen darf, sehr gewaltig, denn es nahm die Oper mit einem (hier unbekannten) Enthusiasmus auf, als wäre sie auf Adlersschwingen von Paris herüber geflattert gekommen. Die Begeisterung, mit welcher Sänger u. Chöre ihre Studien gemacht hatten, der Enthusiasmus, mit welchem das Orchester die Musik aufnahm u. beurtheilte, mochte dem Publikum nicht unbekannt geblieben sein, weshalb schon bei den Theaterproben ein Gedrängen von Seiten der Dilettanti sich sehr bemerkbar machte. Kurz, die Oper wurde im Einzelnen wie im Ganzen wahrhaft enthusiastisch aufgenommen, ich u. die Hauptsänger mehrmals gerufen u. ich am Schluß sogar bekränzt, was hier noch niemals geschehen ist.1 Das Alles sind Date, die ich ohne Erröthen mittheilen darf, wiewohl ich gar sehr empfinde, wie mißlich es ist, in derlei Angelegenheiten über sich selbst zu sprechen. Indessen Ihre Aufforderung ermuthig mich mehr als ich geglaubt, u. da ich doch einmal damit angefangen habe, so will ich fortfahren u. Ihnen sagen, welcher Ursache zumeist meine Freude den schönen Erfolg des Werkes (in musikalischer Hinsicht) zuschreiben. Sie meinen der Grund hiervon laße namentlich in den jugendlich-frischen u. kräftigen, überall characteristisch sich geltend machenden Melodien, wodurch die Oper sogleich populär werden müßte, in dem durchweg noblen Styl, in der Prägnanz u. Kürze des Ausdruckes, in der sinnigen Gliederung namentlich der Finale wodurch die Musik sogleich jedem verständlich sein möchte u. was des Lobenden noch mehr sein soll. Was mich selbst betrifft, so meine ich, daß die große Wärme des Gefühls u. die klare Fassung desselben gewiß so augenblicklich gewirkt hat. Ja, Gott war mit mir u. was er thut, ist ja wohlgethan! Erlauben Sie mir im gestern in der Weserzeitung gegebenes Urtheil Ihnen mitzutheilen, was theilweise mein Referat bewahrheiten kann.2 Darf ich Ihnen noch die einzelnen Nummern mittheilen, die vom Publikum besonders enthusiastisch in allen Vorstellungen applaudirt wurden, so nenne ich Ihnen:

I. Akt.
1. Die Arie Austins, Nr. 1.
2. Das Duett zwischen Austin u. Corisanda, Nr. 2.
3. Die Cavatine Blancas Nr. 4.
4. Das große Duett zwischen Corisanda u. Blanca, Nr. 5.
5. Die Partita Lesirs u. das Septett (mit Chor) im Finale des 1. Akts. Nr. 7.

II. Akt.
6. Das große Duett zwischen Lesir u. Bermudez (Bariton u. Baß) Nr. 8.
7. Der große Krönungsmarsch.
8. Das Gebet für gemischten Chor (ohne Begleitung) 2. Finale. Nr. 9.

III. Akt.
9. Der Kunstgesang des Königs mit Männerchor Nr. 10.
10. Die ganze Ballettmusik Nr. 11.
11. Ein Terzettino im Finale des 3. Aktes, so wie das ganze Finale Nr. 12.

IV. Akt.
12. Die große Kavatine der Corisanda.
13. Das Duett zwischen dieser u. Bermudez, u.
14. Quintett im letzten Finale. „O, Gott, dein Wesen fühl ich.“

Sie sehen, es summirt sich eine hübsche Anzahl von Stimmen, welche das Publikum sogleich liebgewonnen u. auch bei der zweiten Aufführung mit gleicher Auszeichnung geehrt hat, und ich glaube selbst, doch (in musikalischer Beziehung) in dieser Oper sich genug Beifallsstoff für zwei3 Opern befindet. Wer weiß aber, ob ich jemals noch einmal für die Bühne arbeite, u. so will ich mich denn ob solcher Verschwendung nicht selbst anklagen, zumal es mir bei etwaigen Ausstellungen (die bei weiterer Verbreitung des Werkes u. der Verschiedenheit der Ansichten wohl schwerlich ausbleiben werden, denn die gute deutsche sogenannte4 Kritik ruht ja nicht, als bis die Vernichtung des Werks u. seines Schöpfers vollkommen gelungen ist), die mir vielleicht noch zu gute kommen kann. 
Da die Oper ohne Dialog ist, so kann es nicht fehlen, daß bei der schlechten Aussprache unserer Sänger manches u. sogar Vieles in der Handlung unverständlich bleiben kann, obwohl mir die Handlung klar u. deutlich scheint. Das ist mir aber bei andern Opern ähnlicher Art ebenfalls vorgekommen, und da möchten die Textbücher aushelfen, so wie auch überhaupt die Annahme, daß ein Operndichter doch immer nur mehr skizziren als ausführen darf, um der Musik den zur Ausbreitung so nöthigen Raum zu gestatten.
Unsere Damenwelt besonders hat das Sujet und das Schwesternpaar angesprochen u. viele Thränen sind (affektiv) geflossen. Einige masculini aber wollten oder konnten Corisandens Aufopferung für die Schwester weder begreifen noch gut heißen. Es schien ihnen unwahr, die eigene Liebe zu verrathen u. die Schwester dadurch vom Wahnsinn zu retten. Denke ich mir aber ein junges Mädchen von festem u. großen Charakter u. Jugend, von solch schwärmerischen Gewühl wie Corisande, so kann ich mir in einer so aufregenden Situation wohl einen ausgenblicklichen, schnell auflodernden Edelmuth denken, der sich momentan ganz selbst vergißt u. – aufopfert.
Doch genug u. vielleicht mehr als zuviel für Ihren freundlichen Zweck. Entschuldigen Sie das Zerfahrene u. wenig Zusammenhängende dieser Zeilen u. bedenken Sie, in welcher Gemüthsstimmung ich Ihre Zeilen erhielt u. beantwortete. Aber sein Sie überzeugt, daß Sie für diesen Lichtschein in trüber Nacht sich ein dankbares Herz erworben haben


in 
Ihrem
Ihnen treu ergebenen Verehrer
Dr. H. Marschner.


Hannover d. 1. Febr. 1852.


Bedürfen Sie das Libretto nicht mehr, so haben Sie wohl die Güte, es mir zu remithiren.

Autor(en): Marschner, Heinrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Marschner, Robert
Erwähnte Kompositionen: Marschner, Heinrich : Austin
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hoftheater <Hannover>
Hoftheater <Kassel>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1852020145


Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Marschner.

[1] Vgl. „Marschner’s neue Oper ,Austin‘“, in: Signale für die musikalische Welt 10 (1852), S. 65ff., „Austin. Neue Oper von Heinrich Marschner“, in: Rheinische Musik-Zeitung 2 (1852), S. 675f.; „Austin, große romantische Oper von Dr. H. Marschner“, in: Illustrirte Zeitung 18 (1852), S. 203-207.

[2] Noch nicht ermittelt; zitiert in: „[Ueber Heinrich Marschners neue Oper]“, in: Leipziger Zeitung (1852), S. 531.

[3] „zwei“ über gestrichenem „2“ eingefügt.

[4] „annte“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.12.2025).