Autograf: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg Frankfurt am Main (D-F), Sign. Na Mus V03 [Archiv Frankfurter Liederkranz / Mozart-Stiftung], 1 Akten, 3. Stip. Bewerbung Lotzgesell
Cassel den 19ten August
1851.
Geehrter Freund,
Der einliegende Brief wurde mir vom Schreiber desselben Herrn Lotzgesell, Musiklehrer in Bern, zugesandt mit der Bitte, ihn, mit einer Empfehlung begleitet, an die Adresse abzugeben.1 Da mir die2 jetzigen Directoren der Mozart-Stiftung unbekannt sind, so bin ich so frei mich wegen der Übergabe an Sie zu wenden, und Sie darum zu bitten. Als Empfehlung für den Petenten kann ich hinzufügen, daß er von früherster Jugend an (– er ist von3 hier, von armen und ungebildeten Eltern, –) ein unermüdliches Streben zeigt sich auszubilden und auszuzeichnen. Zuerst, als Chorist bey unserem Hoftheater4, war er bemüht sich als Solosänger auszubilden, wobei er aber mit einer rauhen und unbiegsamen Stimme zu kämpfen hatte. Dann erregte er im Jahr 48 großes Aufsehen durch seine politischen Lieder5 Aufsätze und öffentlichen Reden, in denen er große Begabung zeigte.6 Dann verschwand er von hier und tauchte nun in Bern wieder auf, wo er sich als Musiklehrer auszeichnen soll. Er spielt Violine und Pianoforte; wie gut, kann ich nicht sagen, da ich ihn nie hörte. Von seinen Kompositionen sind mir einige Lieder zu Gesicht gekommen, die sehr originell in der Erfindung sind7 und sich durch verständige Behandlung des Textes auszeichnen. Dieß ist, was ich von ihm weiß. Wollen Sie es den Herren Directoren bey Übergabe des Briefs gefälligst mittheilen.
Mit herzlicher Freundschaft stets ganz der
Ihrige
Louis S[pohr]8
NS. Ein Photograph, Herr Vogel aus Frankfurt, jetzt in Mailand, hat dort ein Bild gemacht und wollte einen Abdruck davon an Sie senden. Darf ich bitten, ihn mir zukommen zu lassen, sobald er angelangt seyn wird?
| Autor(en): |
Spohr, Louis |
| Adressat(en): |
Speyer, Wilhelm |
| Erwähnte Personen: |
Lotzgesell, Georg Vogel, Friedrich |
| Erwähnte Kompositionen: |
Lotzgesell, Georg : Lieder |
| Erwähnte Orte: |
Bern |
| Erwähnte Institutionen: |
Mozartstiftung <Frankfurt am Main> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851081902 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 29.11.1849. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Speyer, 14.07.1855.
Die Identifikation von Wilhelm Speyer als Empfänger dieses Briefs folgt aus der Nachschrift in Verbindung des Briefs Friedrich Vogel an Spohr, ab 4. Juli 1851. Für einen Brief an Wilhelm Speyer irritiert allerdings die förmliche Anrede, während Spohr Speyer sonst meist mit „Geliebter Freund“ anschrieb. Hier ist diese Anrede möglicherweise gewählt, weil Spohr bereits daran dachte, dass der Brief zu den Akten der Mozartstiftung genommen würde.
Der letzte überlieferte Brief aus der Korrespondenz mit der Mozartstiftung ist Spohr, 22. oder 23.11.1843. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Gustav Friedrich Martin an Spohr, zwischen 11. und 17.10.1852.
[1] Lotzgesells Brief an Spohr ist derzeit verschollen.
[2] Hier gestrichen: „d(?)“.
[3] „von“ über der Zeile eingefügt.
[4] Vgl. Kurfürstlich Hessisches Hof- und Staatshandbuch (1843), S. 54; ebd. (1847), S. 54.
[5] Hier gestrichen: „und“.
[6] Zu Lotzgesells Aktivitäten während der Märzrevolution vgl. Karl Geisel, Die Hanauer Turnerwehr. Ihr Einsatz in der badischen Mairevolution von 1849 und der Turnerprozeß (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen 32,1), Marburg 1974, S. 239f.
[7] „sind“ über gestrichenem Wort eingefügt.
[8] Textverlust durch Siegelausriss.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (11.02.2025).