Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Wien d. 27t März 1851.
Euer Wohlgeboren
werden staunen über die Ihnen ganz unbekannte Hand – über die Hand einer Frau und vielleicht fürchten daß die beiliegenden Compositionen irgend eine schöngeistige Frau gearbeitet u. geschaffen habe. Dem ist aber nicht so, und ich will mich nun Ihnen erst vorstellen als eine Nichte des vor 4 Jahren verstorbenen, Ihnen gar wohl bekannten und Sie über Alles hoch verehrenden Rath Kellers aus Carlsruhe und des selg Reichgrafs von Rottenburg. Aus dem Nachlaße des Ersteren besitze ich Briefe – von Ihrer Hand an ihn geschrieben – die ich wie ein Heiligthum bewahre; denn – wer würde Sie nicht verehren? wenn ich auch nicht Künstlerin bin, so bin ich doch musikalisch gebildet und verstehe Ihre Composizionen! das will viel sagen – ich weiß es, aber ich bin so unbescheiden es zu sagen um Ihnen auch zugleich die Versicherung geben zu können daß selbe mir stets den höchsten und edelsten Genuß gewähren und daß meine hohe Verehrung für Sie nicht erst von Gestern ist! Seit einem Jahr lebe ich als Wittwe hier mit meinen Lieben um hauptsächlich meinem ältesten Sohn (21 Jahre alt) in der Musik mehr ausbilden zu lassen. Er1 studirt zwar das Jus, hat aber eine wahrhaft leidenschaftliche Neigung zur Musik – er versucht sich in der Composizion und studirt noch den Contrapunkt beim hiesigen HofOrganisten Simon Sechter. Nun da ich auf Ihr Urtheil Allerhöchsten Werth lege, erlaube ich mir, Ihnen, Hochgeschätzter Herr HofCapellmeister! hier einige der Lieder meines Sohnes beizuschließen und ersuche Sie um der Freundschaft willen für meinen verstorbenen Oheim Rath Keller, mir doch ungesäumt Ihr gütiges Urtheil über diese Compositionen zu schreiben. Hier gefallen die Lieder – aber von Ihrer tiefen Weisheit erwarte ich erst das wahre Urtheil! Finden Sie diese Versuche nicht ganz unwürdig – und glauben Sie, daß mein Sohn wahres Talent hat, so bitte ich, diesen Liedern einige Worte der Empfehlung beizuschließen, die man nöthigenfalls auch lesen lassen könnte – denn – unser Vermögen ist klein und meines Sohns Liebe zur Musik überwiegend.
O wären Sie uns näher, und mein Sohn könnte so glücklich seyn nur manchmal Ihren weisen Rath zu hören! Ich bitte inständigst mir diese Lieder, Manuscripte, doch sogleich als es Ihnen möglich vielleicht auch mit gütiger Correktur zurückzusenden – ich sehne mich unbeschreiblich nach Ihrem Urtheil, und meine Dankbarkeit für Ihren Edelmuth wäre unbegränzt. Ein großer Verehrer u. halber Schüler von Ihnen, Graf Laurencin hier, erzählte so viel von Ihrem liebenswürdigen Carakter!
Gott erhalte Sie!!! Mit der größten Verehrung
Ihre ergebene Auguste
von Montlong
Meine Adresse.
An Frau von Montlong
in Wien.
Kärntnerstraße No 968
4t Stiege 4ter Stock
8 Lieder
| Autor(en): |
Montlong, Auguste von |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Keller, Xaver Montlong, Oscar von Sechter, Simon |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Wien |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851032746 |
Diesem Brief folgt ein ebenfalls an Spohr gerichteter Brief des hier erwähnten Sohns Oscar von Montlong, 03.04.1851.
[1] Hier gestrichen: „ist“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.07.2024).