Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 25sten Februar 1851.
Mein innigst verehrtester Freund!
Wenngleich in näher befreundeter Correspondenz die Beschränkung welche die Benutz fremder Feder mannigfach auferlegt, jetzt verdoppelt unbefriedigend ist; so darf ich doch Ihr so ausführliches und mir so mannigfach interessantes liebes Schreiben vom 7ten d. M. bei dem Abgange des, dem Schlusse der einschlägl. Saison bereits angehörenden vaterländischen Fabrikates nicht noch länger ohne den Ausdruck herzlichster Dankverehrung lassen, – der nur noch immer verschoben blieb eben in der Hoffnung, ihn eigenhändig mir gönnen zu dürfen; – was aber ohne üble Reaction in der zu erstrebenden Reconvalescenz immer noch nicht geschehen darf; wiewohl diese weit über Herbst-Erwartung hinaus ferner bis jetzt ununterbrochen vorschreitet.
Das hatte mich im letzten Schreiben an Kömpel die Hoffnung aussprechen lassen, beim Frühlings-Eintritte vielleicht endlich einmahl wieder eine Wallfahrt zum dortigen Parnasse wagen zu dürfen! – und das hat seinen Wunsch hervorgerufen, Sie zu bitten, seiner ihm zugestandenen Vortrage Ihres wahrhaft überragend großartigen herrlichen 9ten Concertes1 für das letzte Abonnements-Concert zu bestimmen, um damit dem Frühlings-Anfange thunlichst nahe zu kommen. – Verhehlen aber kann ich doch nicht, daß das mir zu gestaltene Wagniß solcher Excursion am Ende mir doch zu unwahrscheinlich bleibt, um dessen wohlwollende Berücksichtigung für die übrigens Ihnen am zweckmäßigsten erscheinende Eintheilung der Concerte erbitten zu dürfen! –
Von Kompel2, wie auch von des Hr Ober-Hof-Marschall’s v.d. Malsburg Excellenz weiß ich, daß Ihre geniale Fräulein Nichte Rosalie die dortigen Kunstfreunde wiederum mannigfach bezauberte; an welcher Ihnen, anscheinend ganz unerwartet, wieder zu Theil3 gewordenen großen Freude und Erheiterung ich jetzt verdoppelten Antheil mache! –
Je mehr der aus Kömpel’s Mittheilungen und Kraushaar’s Recensionen ersehene starke Besuch der auch alldort nun abgebahnten öffentlichen Quartett-Soiréen und deren glänzender Erfolg mich interessirte und erfreuete, als eines der sichersten Probiersteine der Ihnen consequenten Wirksamkeit zu verdankenden Fortschritte des auch größeren dortigen Publicums in der Befähigung der Würdigung dieser so ernsten Musik-Gattung, um so mehr hat Ihre Erwähnung eingetretenen Verbotes dieser Soiréen mich überrascht, und im Interesse der herrlichen Kunst an sich schon mich wahrhaft betrübt! – Den Grund davon vermag ich einstweilen nicht heraus zu lügeln, oder auch nur zu ahnden! –
Auch daß die Bayerschen hohen Herrschaften durch Sau-Jagden abgehalten blieben, vor der Abreise ihren talentreichen jungen Landsmann zu hören und einige Ihrer neuesten Meisterwerke in dortiger vortrefflicher Ausführung unter des genialen Schöpfers eigener Leitung kennen zu lernen, ist mir ebenfalls sehr nahe gegangen! – Freilich aber auch noch vieles Andere! –
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen, wie mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlin unter unseren theilnehmend besten Wünschen auf das Innigste.
Unwandelbar dankbar
Ihr wärmster Verehrer
CFLueder
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Kömpel, August Kraushaar, Otto Malsburg, Wilhelm von der Spohr, Rosalie |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 55 |
| Erwähnte Orte: |
Kassel |
| Erwähnte Institutionen: |
Hofkapelle <Kassel> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851022535 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief von Spohr an Lueder, 07.02.1851. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 18.12.1851.
Nur Grußformel und Unterschrift sind autograf.
[1] Op. 55.
[2] Sic!
[3] Hier gestrichen: „großen“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.06.2026).