Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 8ten Januar 1851.
Mein innigst verehrtester Freund!
Wenngleich ich leider auch noch heute nur dictirend unter Benutzung fremder Feder Ihnen zu schreiben vermag: so drängt es mich doch, eben dem herzlichen Wunsche, daß die beigehenden Würstel Ihnen und Ihrer theuren Frau Gemahlin wohl schenken mögen, Ihnen Beiderseitig zugleich untern theilnehmendsten und innigsten Wunsche aus vollem Herzen zuzurufen, daß doch der eben beschrittnen neue Zeitabschnitt Ihnen reiche Entschädigung bringen möge für die schweren und alle Ihre Freunde und Verehrer mit so sorgenvoller Bekümmerniß erfüllt habenden Leiden, welche der vergangene Winter Ihnen Beiderseitig auferlegte, so wie für die auch weiterhin in dem verlaufenden Jahre alldort herbeigeführten eben so ausnehmlichen als schweren Sorgen und mancherlei Widerwärtigkeiten! –
Unendlich erfreute mich von Kömpel zu hören, daß Sie, wie verehrtester Freund! die Mit- und Nachwelt wiederum mit einem neuen Meisterwerke beschenkt haben, – mit einem abermals ein geehrter Weise bezaubernden neuen Quintette für Streich-Instrumente!1 welche hocherfreuliche Nachricht der herrlichen Beweis brachte, wie Ihr göttlicher Genius sich unbeirrt hierauf schwang in seine himmlische Heimath, all den jämmerlichen vergnüglichen irdischen2 Wirrsaal tief unter sich lassend! –
Auch freut es mich sehr, daß Sie jetzt nun auch die ganze Capelle wiederum zu Ihrer Disposition haben.3
Wie Kömpel mir schreibt ist Hr Hilf aus solcher geschieden; was mich veranlaßt hat, Hrn Ober-Hof-Marschall von Heeringen wie die frühern wohlwollende Verheißung zu erinnern, dem genialen Kömpel thunlichst bald eine seiner erinnerten Leistungen angemessenen Dotirung zu verschaffen, wozu nun der Abgang des Hrn. Hilf doch wohl Gelegenheit darbieten dürfte.
Sie äußerten früher, – bei dem unerwünschesten Umstande, daß der übrigens sehr brave T.4 ohne Ihr Vor- und Mitwissen damals gleichzeitig eventuell und als älter vor Jahren Kömpel vorgesetzt war, – wie letzterer weiterhin durch sein eminentes Talent sich schon bald empor arbeiten werde; was mich in der Hoffnung bestärkt, daß, wenn bei der ersten Anstellung auch das Alter die Rangirung bestimme, hinsichtlich des weiteren Avancements das Talent und seine Leistungen doch mehr werde berücksichtigt werden als die älteren und jüngeren Lebensjahre.
Zugleich habe ich bei Hrn. von Heeringen angeregt, ob Er nicht mögte geneigen wollen, durch eine wohlwollende Rücksprache mit dem Fürsten von Thurn und Taxis Kömpels kostenfreie Befreiung von seiner nun mehr bevorstehenden Militairpflichtigkeit anzubahnen; und ich hoffe nun um so mehr, daß der Hr. Intendant darauf eingehen werde, da, wie Kömpel mir schreibt, auch Sie Selbst die Gewogenheit haben wollen, mit demselben darüber zu sprechen. – Auch habe ich in jenem Schreiben berührt, wie bei einer solchen Gelegenheit vielleicht der Wunsch des Fürsten hervorgelockt werde, die Leistungen seines jungen Landmannes in einem der nächsten nun doch auch wohl wieder zu erhoffenden Abonnements-Concerte Selbst zu hören; welche etwaigen Anforderung dem zugleich auch wohl sichern würde, daß auch der Kurfürst und die Gräfin Schauenburg das geniale Solo-Spiel Ihres Schützlings und Schülers endlich nun höre; was Hr. v. Heeringen schon im vorigen Winter durch eine von ihm zu bewirkende Anforderung der Frau Gräfin Schauenburg herbeizuführen beabsichtigte. – Damals war dessen Absicht, unter Mitwirkung des von Kömpel’s erstem Auftreten sehr befriedigten Hessischen Prinzen den noch specielleren Wunsch einer Wiederholung der damals allgemein so viel Beifall erhalten habenden beiden Vorträge hervor zu rufen, – das Mendelssohnsche Concert und Ihr über alles treitzender Jessonda-Potpourri. – Sollte bei einer etwaigen Anforderung auch jetzt noch auf das Mendelssohnsche Concert zurück gegriffen werden: so gebe ich unvorgreiflich anheim, die Eintheilung im Interesse Kömpel’s wie des Publicums vor allem doch ja so zu treffen, daß auch der so überaus preziöse und auch das galanteste Publicum unfehlbar entzückende Jessonda-Potpourri wieder mit zur Aufführung kommen! –
Sollte aber, wie wohl wahrscheinlich, die etwaige Aufforderung ohne specielle Beziehung des gewünscht werdenden Vortrags erfolgen: so mögte ich, – da Kömpel die Gesangs-Scene erst im vorigen März und Tivendell das sich sonst auch sehr dafür eignende herrliche Zwölfte Concert5 kurz zuvor erst vortrug, – ganz vorzugsreiche auch das 11te Concert6 aufmerksam machen, welches eben seiner tiefen Gediegenheit nach hiesigen Beobachtungen bei seiner großen Vielseitigkeit doch auch ein nur oberflächlicheres Publicum ganz vorzugsweise zu fesseln und zu bezaubern geeignet ist, und in seinen drei Sätzen den genialen Künstler reiche Gelegenheit sowohl für glühend-feurig-heroisches Spiel darbietet, als für tief einigen Gesang, und ebenso für den eleganteren gemüthlich fröhlichen Styl im letzen7 Satze.
Am Schlusse der letzten Ferien beabsichtigten wir eigentlich Sie zu bitten, ihn mit Ihrem 7ten Concerte8 zu Anfang des Winters und an dessen Schlusse mit Bethoven’s Concerte auftreten zu lassen, und die trügerische Famtasie gaukelte gar erheiternd mir vor, bei Gewährung solcher Bitte die Hochgenüsse beider Abende theilen zu dürfen! – Für den Zweck seines etwaigen jetzigen Auftretens rathe ich aber unvorgreiflich nicht zu den ungleich ernsteren 7ten Concerte; in welchem wahrhaft riesigere Meisterwerke auch der Mangel einer besseren Violine noch fühlbarer und der Effect seines genialen Spieles schwelender(?) sein würde, als in dem freundlicher ansprechenden 11ten Concerte; welches Er auch schon vor 2 Jahren in Northeim höchst gelungen und den ganzen Saal wahrhaft electrificirend par coeur vortrug.
Doch, – es erscheint am Ende wohl recht anmaßend, hier gleichsam zu einer ventuellen Rathertheilung von dem lebhaften Interesse an der Sache unwillkürlich mich fortgezogen zu fühlen! was ich denn Ihrer freundlichen Beurtheilung, so wie meine Frau und mich Ihrem Beiderseitigen fereneren Wohlwollen so einig verehrungsvoll empfehlen, als
dankerfüllt und treu gehorsamst
CFLueder.
G.N.S. Da tritt plötzlich wieder der unbemerkt gebliebene Mangel an einigen kleineren Schachteln hervor! – dürfen wir ohne zu große Unbescheidenheit die Bitte wogegen, Ihrer verehrten Frau Tochter9 so wie der Frau von Malsburg ein Pröbchen der Würstel mit unseren herzlichsten Empfehlungen praesentiren lassen zu wollen – ? –
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Gertrude Hessen-Kassel, Kurfürstin Heeringen, Josias von Hilf, Christoph Wolfgang Kömpel, August Malsburg, Caroline von der Spohr, Marianne Thurn und Taxis, Maximilian Karl von Tivendell, Henry Wolff, Ida |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Konzerte, Vl Orch, op. 61 Mendelssohn Bartholdy, Felix : Konzerte, Vl Orch, op. 64 Spohr, Louis : Konzert in Form einer Gesangszene, Vl Orch, op. 47 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 38 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 70 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 79 Spohr, Louis : Potpourris [über Themen aus Jessonda], Vl Orch, op. 66 Spohr, Louis : Quintette, Vl 1 2 Va 1 2 Vc, op. 144 |
| Erwähnte Orte: |
Northeim |
| Erwähnte Institutionen: |
Hofkapelle <Kassel> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1851010835 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 30.07.1850. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Lueder, 07.02.1851.
[1] Op. 144.
[2] „irdischen“ über der Zeile eingefügt.
[3] Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte im Oktober seine Leibgarde nach Hanau nachkommen lassen, der etwa zwei Drittel der Hofkapelle angehörten (vgl. Spohr an Adolph Hesse, 24.10.1850). Der Hof kehrte Ende des Jahres zurück (vgl. Spohr an Moritz Hauptmann, 08.12.1850).
[4] Henry Tivendell.
[5] Op. 79.
[6] Op. 70.
[7] Sic!
[8] Op. 38.
[9] Ida Wolff.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.06.2026).