Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 30ten Juli 1850.

Mein höchst und innigst verehrtester Freund! 

So sehnsuchtsvoll wir auch seit 6 Wochen Ihrem und Ihrer genialen Frau Gemahlinn erfreulichen Besuche für diese Tage entgegen geharrt hatten: so war mir doch andere gewählte Reiseroute nun fast beruhigender! – Da nicht nur das zu passierende Braunschweig von der odieusen1 Cholera heimgesucht wird, sondern auch selbst in unserem Dörflein dergl. Fälle neurlichst aufgetaucht sind! u ich nicht wußte, wie Sie u besonders Ihre theure Frau Gemahlinn über Ansteckungs-Gefahr denken und empfinden! – 
Um so dankbarer aber bin ich Ihnen bey Entbehrung so großer Freude für die uns Vorgestern unaussprechlich erfreut habende ausführlichere Sätze dieser wieder so außerordentlich interessanten und Ihnen wie so vielen Musik-Kennern u Freunden in so hohem Maaße genußreich gewesenen Reise! – Wer doch auch hätte dabey seyn können!! – 
Auch kommen dabey mir selbst dem Namen nach noch ganz unbekannt gebliebenen Grüßen vor! – Z. B. das Sextett! – Sollte übrigens dieses, – von Ihnen, Jean Bott, August Kömpel, Weidemüller, Dotzauer, u Knop ausgeführt, – hinter der Leipziger Aufführung wohl zurückbleiben? – In abstracte mögte ich das beynahe bezweyfeln; da alsdann die Violinen u Violen noch gleichmäßiger Ihrer unübertreflichen Schule angehören würden! – u ich mögte anheim geben, deßen Vergleichungsprüfung ein Mahl eintreten zu lassen, wenn ich den Hochgenuß einiger dortiger Tage mir endlich ein Mahl wieder werde aneignen dürfen! – 
Mein Freund Gan auf Hambach schrieb mir vor einiger Zeit, wie Ihre „Breslauer Triumphe“ auch mich erfreut haben würden, und vielleicht selbst nochmehr wie Sie Selbst! – was wohl möglich wäre, da schon solche allgemeine Kunde uns größte Freude machte, als man bey dem, was man doch als gewis schon voraussehe, für möglich halten sollten. Ohne Zweyfel hat Freund Gan jene Relationen in der Casseler Zeitung gelesen, die hier nicht aufzutreiben war; u der Preußische Staats-Anzeiger gedachte zwar des am 30t in Breslau gefeyerten Dankfestes erhalten gebliebenen Königs, aber zu meinem Ingrimm mit keiner Sylbe des Spohr’s-Festes desselben Tages! – u sehnsuchtsvoll sehe ich Kömpel’s Sendung der einschlägl. Blätter dortiger Zeitung entgegen! – 
Nun habe ich aber Ihnen besonders noch die anliegende Annonçe zu bekennen, und Ihrer wohlwollenden Nachsicht u gütigen Verzeihung zu empfehlen! – Bey dem unabsehbar schweren Unglücke des armen Gieboldehausen2 glaubte ich Ihre Beyderseitige wohlwollende Billigung solcher verteilten Verheißung, die den Besuch des Concertes so unberechenbar zu erweitern geeignet war, sicher erhoffen zu dürfen! – zu Mahl „eine Finger-Verwundung“ pp ein Hinterthürchen frey gelassen haben würde, wenn die Sache zu lästig geschienen hätte. – 
Leider aber fanden wir, in gemeinsamer Ueberlegung mit der Nordheimer Polizeybehörde pp, Veranlassung in der von dem unglücklichen Gieboldehausen am 22t auch früher verschleppten Cholera, das Concert überhaupt für jetzt aufzugeben trotz der bereits seit 14 Tage hindurch stattgehabten Proben pp! – 
Die Krankheit war in hiesiger Gegend nahend, u um so größer ist nach vom dem 1831r Geschrey hier die Angst davor! – zu Mahl deren Verwüstung in dem über[???]ten, im Frühjahr länger unter Wasser gewesenen, u nun zum 3ten Theile abgebrannten Gieboldehausen, wohin die üble Krankheit von Magdeburg verschleppt wurde, so groß ist, als jene Prämissen das voraussehen ließen! – 
Auch meine Frau flüchtete, bey übertriebener nicht zu beherrschender Aengstlichkeit, auch unseres Arztes u meinen dringenden Rath am 22t einstweilen zu ihrem Bruder, dem General Wyneken I zu Celle; wodurch denn meine Sorge mehr als halbirt wurde, die übrigens in wirthschaftl. Beziehungen, bey mehr als 100 Menschen unter meinem Dach u Fache, und rund 100 noch sonstiger Arbeiter-Familien, allerdings immer kaum geringer ist, so wenig besorgt ich auch für mich selbst bin! – 
Kömpel’s Hierseyn hat mich um so mehr erfreut, als die ihn alldort nun wahrhaft in die Presse genommen habenden ununterbrochenen Ansprüche an stets rasche Thätigkeit den glücklichsten Einfluß auf ihn geübt haben! – „Je mehr der Mensch thun muß, desto mehr will er thun“ – u so ist3 Er jetzt nun ein wahres Vorbild rastlosem Fleißes geworden! – in hoffnungsreichster Entwickelung nach jeder Seite hin begreifen. 
Auch haben ihn die hiesigen 6 Wochen, – nun so ganz ungestört mit solchen Fleiß seinen Uebungen angehörend, – wiederum einen fühlbar großen Schritt vorwärts thun lassen in der Virtuosität; u namentlich Ihr wundervolles 7tes Concert4, – wahrlich eigentlich nur für wahre Künstler-Athleten geschrieben, selbst bezüglich der dafür erforderlichen auch körperlichen Kraft, – erschöpft ihn zwar stets noch sehr, aber Er begreift es nun doch also, daß Er allenthalben dreist damit auftreten kann; zu des Werkes und dessen göttlich inspirirten Dichter’s, wie zu seinem eigenen Ruhm und Ehre! – Und sollte, vielleicht thunlich seyn, es ihn gleichermaßen Abonnements-Concerte vortragen zu lassen, wo die Jahreszeit eine derartige Excursion noch am ersten begünstigen würde, so würde ich, wenn nur irgendmöglich, den höchst seltenen Genuß solcher so tief aufgefassten Durchführung der Principale, unterstützt von einer solchen Begleitung unter des genialen Schöpfer’s eigener Direction, theilen zu dürfen erstreben! – 
Auch ist ihr das Einstudiren das fremdartigeren Beethovenschen Concertes wieder zu bemerkbarem Fortschritte in Beherrschung des Instrumentes, – klangreich zu bleiben in wenig dafür geeigneter Composition – förderlich gewesen; – und fast mögte ich glauben, daß dieses eigenthümliche Werk Sie Selbst wohl noch nicht in si tief gemüthvoller Auffassung u zugleich so feuriger Ausführung vortragen hörten! – Wäre es thunlich ihn damit die gegen das Ende der Abonnement-Concerte auch ein Mahl auftreten zu lassen, so würde die gemeiniglich alsdann schon erquickende erste Frühjahrsluft mir vielleicht gestatten, auch das Werk alldort in seinem vollen Glanz mich5 ein Mahl genießen zu lassen. Suchen Sie doch, es wenigstens für ihn zu reserviren! – 
Auch Ihr 12tes Concert6 spielte Er, in Vorbereitung zu dem Nordheimer Concert, so wunderbar ergreifen u hinreissend, daß ich manches Abends es fast noch über die „Gesang-Scene“ zu stellen mich fortgezogen fühlte! – Jeder seiner Töne belebt Seele!7 – 
Ihrer theuren Frau Gemahlin beabsichtigte ich selbst noch für die herzliche Freude zu danken, welche auch ihre Zeilen mir brachten! – ich werde aber durch Besuch abgehalten, u erlaube mir die Bitte, derselben vorläufig meine innigste Dankverehrung ausdrücken zu wollen! – 
So innig als unwandelbar und dankerfüllt 

Ihr 
wärmster Verehrer 
CFLueder. 

G.N.S. Daß uns bey der anbringenden Anzeige die Anfangs-Worte Ihrer berührenden Romanze der Zemire nicht so gegen wärtig waren als deren bezaubernde Melodie es ist, bewiß zunächst, daß ich ein Sänger war! – Aergerliche Verwechslung! –



Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, zwischen 24. und 27.07.1850. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 08.01.1851.

[1] „odiös, l. gehässig, ärgerlich, verhaßt“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 316).

[2] „In dem auf dem hannoverschen Eichsfelde belegenen [sic!] Städchen Gieboldehausen sind am 2 Juli circa 70 Wohn- und über 100 Nebengebäude eingeäschert worden, unter ersteren der Amtshof mit dem größten Theile der Amtsregistratur. Wie man gerüchteweise hört, sollen Anzeichen vorsätzlicher Brandlegung vorhanden gewesen und eine Untersuchung dieserhalb eingeleitet worden sein“ (Staats- und gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten 09.07.1850, S. [3]).

[3] Hier gestrichen: „auch“.

[4] Op. 38.

[5] „mich“ über der Zeile eingefügt.

[6] Op. 79.

[7] Sic! 

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.06.2026).