Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms . Hass. 287
Hochgeehrter Herr General-Musikdirector!
Im Vertrauen auf Ihre bekannte Humanität erlaube ich mir, obschon als ein Ihnen gänzlich Unbekannter, gegenwärtiges Schreiben an Ew. Wohlgeboren zu richten und daran zugleich ganz ergebenst ein Gesuch zu knüpfen und dasselebe Ihrer wohlwollenden berücksichtigung zu empfehlend. Ich habe nämlich in Erfahrung gebracht, daß Herr Musikdirector Fischer zum 1. Septbr seine gegenwärtige Stellung am kürfürstlichen Hoftheter zu Kassel aufgiebt1, u. da alsdann diese Stelle doch jedenfalls wieder besetzt werden wird, son wünschte ich, im falle noch kein anderweitiger Beschluß hierüber von Seiten der kurfürstlichen Intendanz gefaßt wäre, als bewerber für dieselbe aufzutreten. Leider habe ich nicht das Glück Ew. Wohlgeboren bekannt zu sein, u. dieß bestimmt mich 3 Zeugnisse von Fr. Schneider, Reissiger u Jul. Rietz beizulegen welche an der freunschaftlichen Theilnahme dieser Männer für mich zeugen; die vierte Anlage, ein Privatschreiben des Herrn Kapellmeister Reissiger an mich habe ich deshalb beigefügt, weil ein nicht zu öffentlichem Gebrauch bestimmtes Schreiben immer nähere u. fähere(???) Auskunft zu geben pflegt, u. weil es eines ganz ähnlichen falles wegen von demselben an mich gerichtet wurde. Vor 1½ Jahren nämlich bei der Suspension des Md. Rössel bewarb ich mich um die erledigte Stellung hier in Dresden, als Kapellmeister Schindelmeißer den Ruf nach frankfurt a/m vorgezogen hatte. Herr KM. Reissiger interessirte sich sehr dafür, mich als musikdirektor am Königlichen Hoftheater zu placiren – auch hatte ich die besten Aussichten, allein andre Einflüsse gaben später bei Besetzung der erledigten Stelle den Ausschlag. Daß der Grund warum ich dieß Privatschreiben eben so wie die Zeugnisse Ew. Wohlgeboren an geneigter Einsicht empfehle, ohne daß ich glaube fürchten zu müssen Sie, hochgeehrter Herr Generalmusikdirector, würden es indiscret finden, Einem solchen Meister gegenüber kann alles streben am Ende nur des guten Willens wegen, welcher sich darin ausspricht, beachtung finden, u. von diesem Gesichtspunct aus werden Sie, hochgeehrter Herr Generalmusikdirector auch vorgelegte Zeugnisse beurtheilen. Was nun meine practische befähigung zu einer solchen stellung anbelangt, so dürfte schon der brief Reissigers, so wie sein Zeugniß dafür sprechen, ich erlaube mir nur noch eine Kurze Notiz in betreff meiner bisherigen Stellungen. Seit 6 Jahren bin ich bei verschiedenen größern u. auch kleinern Bühnen als Musikdirector thätig gewesen, u. habe mich stets der Zufriedenheit meiner resp. Directionen zu erfreuen gehabt; da ich aber ohne alle persönglichen Connexionen bin, so hat es nur leider noch nicht gelingen wollen, eine Stellung zu erlangen, die wohwohl meinen Kenntnissen, als meinen Wünschen entspricht. Unter Anderm war ich im Winter 1846 in Düsseldorf, 2 mal am Stadttheater zu Halle, u. das letztverflossene Jahr am Stadttheater zu Frankfurt a/o. eine hiesige Stellung habe ich nur als ein refugium für den Sommer, u. hauptsächlich des Privatstudiums wegen, angenommen, wenn es emir auch schwer genug wurde. Was meine Persönlichkeit anbelangt, so bin ich 32 Jahre alt, u. bin energisch u. durchfreifend – daß dieß nicht zur gewöhnlichen Grobheit ausartet, dafür bürgt meine wissenschaftliche bildung. Besondern Fleiß u. Aufmerksamkeit habe ich ja derzeit den Chören u. dem Ensemble überhaupt gewidmet, da ein gutes u. tüchtiges Ensemble vor Allem den Ausschlag gibt, währen dim entgegengesetzten Falle, auch wenn einzelne Solisten noch so brav sind, doch nie ein guter Totaleindruck erzielt werden kann.
Wenn nun Sie, hochgeehrter Herr Generalmusikdirector, meiner projectiven bewerbung günstig sein sollten, so würde ich über den Erfog derselben ziemlich ruhig sein. Denn Ihr Wort giebt, trotz all andre Empfehlungen, doch gewiß den Ausschlag. Glauben Sie nun für mich sprechen zu können, so ersuche ich Ew. Wohlgeboren darum, Sie würden Sich keinen Undankbaren verpflichten, u ich würde gewüß Alles thun, um sowohl Ihnen als der Intendanz nur Anlaß zur Zufriedenheit über die getroffene Wahl zu geben. Wenn Sie, hochgeehrter Herr Generalmusikdirector, es mir erlauben wollen, so werde ich Ihnen bei erster Gelegenheit einige meiner Compositionen zur geneigten Fürsicht vorlegen u. mir Ihr Urtheil darüber erbitten. Und jetzt, hochgeehrter Herr Generalmusikdirector, ersuche ich Sie ergebenst, mir in wenig Worten Ihre Ansicht in betreff dieses meines Schreibens mittheilen zu wollen, wenn es Ihre Zeit erlaubt, so würde recht bald um diese Notiz bitte: auch bitte ich um recht baldige, wenn irgend möglich, umgehende ZurückSendung der beigefügten Zeugnisse in einem rekommandirten, unfrankirten briefe, da mir viel an denselben gelegen sein musß. Diese meine Wünsche so wie mein ergebenstes Gesuch Ihrem geneigten Wohlwollen empfehlend zeichne
Mit Hochachtung
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
K.A. Zwicker Md.2
Reisnitz bei Dresden
d. 8t Juni 1850.
| Autor(en): |
Zwicker, Karl August |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Fischer, Wilhelm (Kassel) Reissiger, Carl Gottlieb Rietz, Julius Rössel (Musikdirektor in Dresden) Schindelmeißer, Louis Schneider, Friedrich |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Dresden> Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Düsseldorf> Theater <Frankfurt an der Oder> Theater <Halle> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850060842 |
[1] Fischer blieb bis 1854 am Hoftheater in Kassel.
[2] Abk. f. „Musikdirektor“.
Kommentar und Verschlagwortung, wenn nicht in den Anmerkungen anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.02.2026).