Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

An
Herrn Hofcapellmeister
Doctor Spohr
zu Cassel

Nebst einer Rolle
Musikalien in weißem
Papier, mit gleicher Adresse.

franco.1


Meiningen, d. 10 April, 50

Lieber Herr Capellmeister, 

Hierbei erhalten Sie Ihre Musik u. Prolog zur Hochzeitsfeier unsers Herzog zurück; – leider ist sie nicht zur Aufführung hier gekommen, da der Herzog nicht genehmigt hat, daß im Theater irgend eine Festlichkeit zu seinem Ehrentag stattfände, ja ursprünglich gar kein Theater an dem Tag gestatten wollte, wie er denn überhaupt seit zwei Jahren vorzieht sehr zurückgezogen u. nur im engsten Kreis seines Hofes zu leben. – Oper war nun doch des Abends, u. zwar Martha u. diesmal sehr gut besetzt, da die Herrn Reer u. Nolden vom Coburger Theater mitwirkten u. wir an unsrer Frau Viala-Mittermayer eine sehr gute Sängerin haben, die seit einigen Jahren bei uns fest engagirt ist, was namentlich auch unsere Concerte intereßanter gemacht hat. Wenn nun auch Ihre Musik nicht aufgeführt wurde, was mir sehr leid war, so bin ich doch Ihnen sehr verbunden für Ihre große Gefälligkeit u. sage Ihnen dafür meinen herlichsten Dank. – Am Morgen des Jubiläums haben wir nur der Herzogin, der Prinzessin Caroline u. dem Erbprinzen (der Herzog hatte einen leichten Anfall von Podagra u. mußte deshalb das Bett hüten) Ihren Festmarsch, worüber die Herzogin als eine liebe Erinnerung sich sehr freute, gemacht. Mit großer Freude habe ich in den Zeitungen gelesen, daß Sie sogar sehr bald wieder die Opernproben dirigirt haben, was mich hoffen läßt, daß Sie jetzt wieder ganz der Alte sind. – Heute schließt unsre Theatersaison mit Aschenbrödel von Isouard, – es ist doch sehr veraltete Musik. – Morgen will ich mit einigen guten Bekannten u. meiner Frau, ohne die ich gar nicht mehr reisen mag, nach Erfurt um den besten guten Menschen von Angesicht zu Angesicht zu sehen u. einigen Setzungen beizumachen. – Neulich haben wir eine Symfonie von Schumann in C dur probirt, – sie hatte mir in der Partitur ganz besonders gefallen, – aber sie klingt nicht so gut, wie sie sich fürs Auge ausnimmt, – Sie haben sie wahrscheinlich auch schon gemacht? – Ich glaube im Mai werden wir eine neue Prinzessin aus Berlin erhalten, die sehr viel Musik treiben u. selbst componiren soll; – ich will wünschen, daß es echte Musik ist. – Wenn ich nur einmal wieder eine neue Symfonie von Ihnen hätte! – ich muß mich2 getäuscht haben, indem ich glaubte, es sei eine neue kürzlich von Ihnen erschienen, da trotz vielfältiger Bestellung ich keine erhalten habe; – sind denn die Doppelsymfonie3 und die Historische die letzten? – Ich muß sagen, ich liebe am meisten Ihre C mol4, Ihre C dur5 und die Weihe der Töne. – Ihr neustes Violinconcert habe ich erhalten, aber noch nicht Gelegenheit gehabt mit Orchester zu hören, da große Concerte hier fast garnicht mehr gegeben werden. – wenn bei Hof etwas ist, sind es Quartette, oder es ennuyirt6 irgend ein reisender Pianist mit Salonmusik, was mir ein Gräuel ist, aber nicht dem vornehmen Volk; – wir machen auch hier ein regelmäßig Quartett u. ist dieß beinahe mein größtes Vergnügen. – 
Machen Sie in Ihren Ferien keine Erholungsreise? auf der Sie Meiningen besuchen? – Ich werde ruhig in loco bleiben, erwarte aber Besuch von meinen Hamburger Verwandten, worauf ich mich sehr freue. – Sagen Sie Ihrer lieben Frau die herzlichsten Grüße von mir u von meinre Frau, so wie auch an Ihre Ida u. Wolf. –
Leben Sie recht, recht wohl! –

Ihr Sie innigst liebender 
Eduard Grund.



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Grund. Der nächste erhaltene Brief dieser Korresondenz ist Spohr an Grund, 10.09.1851.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „MEININGEN / 10 / 4 / 1850“.

[2] „mich“ über der Zeile eingefügt.

[3] Irdisches und Göttliches im Menschenleben.

[4] Op. 78 und/oder op. 102.

[5] Irdisches und Göttliches im Menschenleben steht in C-dur, da Grund zuvor hiervon als „Doppelsinfonie“ spricht, ist vielleicht op. 78 gemeint, bei der der letzte Satz vollständig in C-Dur steht, im Gegensatz zu op. 102, bei der der letzte Satz in Moll beginnt.

[6]ennuyiren, langweilen, Langeweile verursachen“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 172).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.07.2026).