Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 15ten März 1850.

Mein höchst und innigst verehrtester Freund! 

Nur die Unvermeidlichkeit, gleich Sonntag’s, nachdem ich Abends zuvor wohlbehalten hier eingetroffen war, eine kleine Geschäfts-Excursion anzutreten, hat bis Heute verschieben lassen dem Herzensdrange zu genügen, Ihnen nochmahls innigst zu danken für die wieder so vielen Hochgenüsse, welche Ihre stets so liebevolle Güte bey meinem Dortseyn wiederum so bedeutend erweiterte; – am letzten herrlichen Abend selbst mit Aufopferung und unermüdlich kunstinniger Verwandlung meiner ganz anders projectirt gewesenen reinen Erholungs-Parthie! – was, bey innigster Dankverehrung, mich durch wahrlich innerlich gar sehr beschämte! – 
Seit lange hat der stets so durch u durch befriedigende Genuß des dortigen seelenvollen Quartettspieles mich nicht so ergriffen als bey diesem meinem Dortseyn! – worann neben der durchweg vortreflichen Auswahl und begeisternden Ausführung allerdings auch die unaussprechliche Freude großen Antheil hatte, Sie, mein innigst verehrtester Freund! nach so schwerer Gefahr, – nach so schweren Sorgen aller Ihrer zahlreichen Freunde und Verehrer und der ganzen Kunstwelt – wiederum in so völlig ungeschwächter, dieß darf man sagen in selbst jugendlicher Kraft und Fülle des Körpers, Geistes, und Gemüthes auf dem Gipfel des Parnasses zu sehen, zu hören, und zu bewundern! – meine Freude, die im Innersten der Seele sich noch steigerte bey jedem Blicke auf Ihre geniale theure Frau Gemahlin in eben solcher wahrlich kaum begreiflich schnellen Verlöschung jeder Spur deren ebenfalls uns Alle mit so schweren Sorgen erfüllt habenden Erkrankung! – 
Gewis! – Ihre gemeinschaftliche so glückliche Ueberwindung so ungewöhnlich schwerer Gefahren darf mit uns die ganze Kunstwelt zugleich als ein sicheres Pfand des Geschickes für Ihre gemeinschaftliche auch fernenre Beschützung und Beschirmung betrachten und auf das dankbarste verehre! – 
Daß auch das wunderbar ergreifende phantasiereiche Saitenspiel der genialen jungen Künstlerinn1 besonders in der unverwischlichen Morgenstunde in Ihrem lieben Hause alles verehren, das Feuchten der Augen zu unterdrücken, durchbrach, – auch darann hatten wohl gewis die tief aufgeregten Empfindungen ihren Antheil, mit denen ich bey dieser ersten dortigen Wieder-Anwesenheit Ihr theures liebes Haus mit immer sich erneuernden wonniigen Dankgefühlen glücklich überwundener so schwerer Gefahren jedes Mahl betrat! – 
Daß Frau v. Malsburg diese Hochgenüsse nicht mit uns theilte, ging mir recht nahe! – um so mehr, als sie bereits vor längeren Wochen brieflich sich so herzlich auf die Anwesenheit Ihrer genialen jungen NIchte freute, und sie nun nicht nur den Genuß daran so ausgezeichneten Leistungen an sich verliert, sondern – für ein so edles Gemüth auch eine große Hauptsache! – auch die Wonne des Anblickes der Freude des allverehrten Oncle-Großmeister’s darauf – Auch hätte ich2 mit deren tiefen Kunstsinne den Genuß dieser Ausführung Ihrer unerreichbaren Meisterwerkes der „Gesangs-Scene“ so gern getheilt! – Mogte die edle Frau in dem großartigen Berlin in dem Augenblicke auch noch so entzückendes hören, eine edlere, in sich vollendetere, und in der Gesammt-Ausführung zugleich gelungenere Aufführung konnte ihr gewis in keiner Groß-Residenz zu Theil werden! – 
Wenn gleich ich in dem leidigen Bedürfnisse nur gar langsamen Schrittes, neben so manchen anderen schweren Resignationen am Schlusse begeisternder Musik! Genüsse, namentlich auch darauf verzichtet hatte, an dem bekannten Pfeiler Sie zu erwarten und bis an das Pförtchen Ihres friedlichen Gärtchens, – und noch lieber auch hinen, – in der Nachlese eines herrlichen Abends Sie begleiten zu dürfen: so waren die dort erstiegnen vielen Treppen der Morgen-Besuche meinen [???] doch zu viel geworden! – u ich trat die Rückfahrt nicht ohne einige Besorgniß schwereren, Rückfalles an. – Es ist aber so glücklich vorüber gegangen, daß ich die Hoffnung noch fest zu halten vermag, nach 6 Jahren zum ersten Mahle wieder den Hochgenuß meiner dortigen Charfreytag’s-Oratorium-Aufführung, – und einer Oratorium-Aufführung überhaupt, zu Wallfahrten! – u dann das unvergeßliche Spohr’s-Fest zu Braunschweig vom Michaelistage 18443 der letzte dortige Genuß mir war! – und herlich ein solcher, – und die andern Tag’s folgende 5te Symphonie, auch als herrlichste Zugabe! – daß man dem Geschickte nicht murren darf, damit in diesem Genre nicht auf 6 Jahre hinaus abgefunden worden zu seyn! –
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und mit mir Ihre theure Frau Gemahlin auf das herzlichste! – So innig als dankbar 

Ihr 
wärmster Verehrer
CFLueder.

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Malsburg, Caroline von der
Spohr, Rosalie
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
Erwähnte Institutionen: Musikfeste <Braunschweig>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850031535


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 27.02.1850. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Lueder, zwischen 24. und 27.07.1850.

[1] Spohrs Nichte Rosalie. – Zu ihrem Kasseler Konzert vgl. „[Fräulein Rosalie Spohr]“, in: Signale für die musikalische Welt 8 (1850), S. 119

[2] Hier gestrichen: „daran“.

[3] Vgl. Spohr an August Pott, 29.09.1844.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.06.2026).