Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 27ten Februar 1850

Mein innigst verehrtester Freund! 

Mit unendlicher Freude haben uns der edlen Frau von Malsburg u Kömpel’s briefliche Versicherungen Ihrer wie Ihrer theuren Frau Gemahlin1 nun völlige Wiederherstellung erfreut! – und knüpfen wir darann denn auch die Hoffnung, daß der beygehende Beschluß der berühmten Wurst-Saison Ihnen beyderseitig wieder wohl schmecken und auch wohl bekommen werde! –
Nach Kömpel’s Schreiben vom 24t wird Er Heute die begeisternde „Gesangs-Scene“ vorzutragen haben! – Da Hrn Hilf das erst am 23t d.M. verschriebene Souvenir de Haydn von Léonard leider wohl nicht zeitig genug erhalten haben wird; – ich sage „leider“! – weil mir erwünschter geschienen haben würde, wenn ihm erst in dem zu erwartenden Concerte Ihrer genialen Fräulein Nichte solches Meisterwerk vorzutragen das Glück zu Theil geworden wäre! – wie ich dessen glücklichere Fügung sogleich gar sehr herbey wünschte, als Er unterm 22t die Ihnen eben verdankte Eröfnung meldete, die „Gesangs-Scene“ entweder im nächsten Abonnements-Concertes oder in dem Concerte Ihrer Fräulein Nichte vortragen zu sollen. – 
Abgerechnet, daß das noch etwas mehr Zeit für genügend ausgefeilt auffrischende Wieder-Einstudirung u also muthmaßlich naoh gelungenere Vollführung gewährt haben würde, wäre denn auch wohl eher zu hoffen gewesen, daß ihn dieses Mahl nun der Churfürst höre: der das Concert der jungen Harfen-Virtuosin doch wohl sicherer besuchen würde, als das Abonnements-Concert. – Ueberhaupt aber scheint mir auch fast einigermaßen ungewis, ob nicht unerwartet „Hass“ und „Fluch“ von neuem alldort eine Störung und Verhältnisse hervorgerufen habe, die für diese nächsten Tage wenigstens auf das gelungenste Concertiren zu einer undankbaren wenig Theilnahme genießenden Arbeit herabwürdigen mögte! – u ich sehe deshalb mit großer Spannung auch der noch weiteren bestimmteren Nachricht entgegen, ob das nach Kömpel’s Schreiben vom 24t vorläufig bereits auf Mittwoch den 6t k.M. anstehende Concert Ihres Fräulein Nichte2 nun statt finde, oder etwa um einige Wochen verschoben werden wird, um die unwandelbar hervorgerufenem „Haß“ und „Fluch“ erst etwas wieder verdampfen zu lassen, u des Publicums Lust u Freude an diesen Kunstgenüssen von dem ihm augenblicklich mir nichts dir nichts aufgestülpten muthmaßlichen Dämpfer in etwas befreyter erst wiederum zu erkennen; – es sey durch Abhülfe oder durch unerwartete wahre Ausführung damit! – 
Mein Gedanke war bisher, zu dem Concerte der jungen Künstlerin ein Mahl wieder zu Ihrem Parnasse zu wallfahrten, um die Freude an deren Leiustungen mit Ihnen theilen zu dürfen! – ich bin aber so durch u durch ein Mann des Friedens, daß der Gedanke, dort jetzt den Anblick von Friedensstörung vielleicht plötzlich ertragen zu müssen, mir gar widerwärtig ist! – Doch werde ich Kömpel hieneben bitten, mir, – ergeblich nach bey Ihnen eingezogener noch speciellerer Nachricht, – umgehend zu schreiben, ob das Concert wirklich u bestimmt am 6t Mai stattfinden wird! – 
In diesem Augenblicke wird Er muthmaßlich also die „Gesangs-Scene“ vortragen! wozu ich mögte hinüber fliegen können! – wenn gleich ich einige Sorge nicht unterdrücken kann, daß bey den vielen ihn dort umfangenden sonstigen Beschäftigungen die Zeit etwas zu kurz war; um das herrliche Werk bis zu vorhinniger wirklich vollendet zu nennender Ausführung sich wieder zu eigen zu machen; – und besorge das um so mehr, als ich auch bey unserem letzten Zusammentreffen in Nordheim nicht unbemerkt lassen konnte, daß die Wieder-Einfingerung der vorzutragenden Pieçe doch so etwas über’s Knie gebrochen war; – allerdings immer die so unendlich wohlthuende höchste Reinheit der Intonation wie die gemüthvolle tief ergreifende Innigkeit des Vortrag’s; aber, – in den rapiden schwierigeren Passagen weniger Sauberkeit und Klarheit, – mehr über ein u anderes Tönchen ganz oder halb verschluckend, oder ungenügend accentuirt hinweggehuschelt, und dadurch des genaueren Zuhörer’s Bedürfniß selbst3 des stets klaren Rhythmus nicht immer ganz erfüllt; – das treue Bild ungenügend genauer Wiederauffrischung früher sorgfältig einstudirter u gelungen vorgetragener Werke, u zu großem Vertrauen auch solche schon früher einmal gelungenen Vortrag, – Auch mag das fast gänzlich verwallende(???) Orchester-Spiel dem nur seltener zu erreichenden Solo-Spiele wohl weniger förderlich seyn, als sein vorhinniges Hierseyns fast ausschlüßliches Solo-Spieles war; in welcher Beziehung mir doppelt nahe geht, daß sein hiesiges Solo-Spiel für diese Saison, wie er schreibt, nun nicht wieder erreichbar wird; – wodurch mir auch der Genuß von neuem vorbehalten bleibt, auch Ihr herrliches 12tes Concert endlich ein Mahl mit Orchester zu hören! – was durch allerley Zufälligeiten immer verhindert geblieben ist, u um zum nächsten Concerte bestimmt war. – Nun! – bey Ihrer stets nach Thunlichkeit so große Güte wird auch dieses aufgeschoben nicht aufgehoben seyn! – u kommen wir schon für die genossenen zwey Beurlaubungen u deren so große Freuden unserm Dank Ihnen nicht herzlich genug aussprechen! – 
Sein Spiel rief auch dieses Mahl wieder allgemein den lebhaftesten Beyfall hervor, u entzückte mich besonders durch das so durch den ganzen Saal frappant gesteigerte eigentlichere Entzücken bey Ihrem reitzenden Jessonda-Potpourri, u dessen vollständiger Sieg noch über das durch sein bereden Schwierigkeiten u kühnen Vollgriffe gleichwohl richtig ungenirt u lautesten Appalus hervorgerufen habende Davidsche E-moll-Concert; u die dem engeren Kreise gemachte Proposition, für Kömpel’s nächte etwaige Ueberkunft Ihr 12tes Concert um endlich zu erbitten, fand darauf um so enthusiasmirteren Beyfall. 
Erlauben Sie denn noch die gehorsamste Bitte, Ihrer verehrten Frau Tochter4 ein Paar der Würstel mit unseren herzlichsten Empfehlungen zukommen lassen zu wollen; und sollten Ihre lieben Braunschweiger etwa dort davon kosten: so mögten wir doch bitten, solcher für diesen Articul wohl etwas scharf critisirenden Nationalität doch bemerklich zu machen, daß auch das hiesige Fabricat in vollem Winter allerdings fester, u dadurch appetitlicher und wohlschmeckender ist, als diese Nachzügler! 
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen wie mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlin auf das herzlichste! – So innig als unwandelbar dankbar 

Ihr
wärmster Verehrer 
CFLueder.

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Hilf, Christoph Wolfgang
Kömpel, August
Malsburg, Caroline von der
Erwähnte Kompositionen: Léonard, Hubert : Souvenir de Haydn, op. 2
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1850022735


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 08.02.1850. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 15.03.1850.

[1] Marianne Spohr.

[2] Rosalie Spohr.

[3] Hier gestrichen: „st“.

[4] Ida Wolff.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.03.2026).