Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 16ten Januar 1850

Mein innigst verehrtester Freund! 

Kaum war mein Schreiben vom 9t d. M. zur Post, als ein Schreiben Kömpel’s die so höchst betrübende Nachricht so schwerer Erkrankung Ihrer theuren Frau Gemahlin ausbrachte! u wenngleich ich dem Jünglinge es Dank wußte, diese so schwer sorgenvolle Nachricht erst gegeben zu haben als die Aerzte die Gefahr für überstanden erklärten: bliebe Angst und Sorge und Spannung doch noch groß! u ich empfand sehr lebhaft, wie ich, um einige Posttage früher in diese Sorgenvolle Mitwissenschaft versetzt, durchaus mich außer Stande gefühlt haben würde zu jeder Mitwirkung der Vorbereitung des Gestrigen Abends! – 
Um so mehr aber wurde dessen Genuß uns gesteigert durch die frohe Bestätigung nun vollständiger Beseitigung der so schwer drohenden Gefahr für die theure Kranke wie in so unermesslichen Maaße für Sie, mein innigst verehrtester Freund! – 
Nicht nur Kömpel brachte uns mündlich eine so heiß ersehnte nun völlig beruhigende weitere Nachricht, sondern auch die so gemüthreiche Frau von Malsburg theilte solche in Gestern eingehendem Schreiben in ihrer lebhaften Mitfreude ausführlicher mit. – Möge denn das nun angetretene Jahrzehnt um so ungestört beglückender und froher für Sie und Ihre geniale Frau Gemahlin verlaufen, als so schwer leiden- und sorgenvoll es begann! – 
Und nun dem vor Allem die Wiederholung unseres, und in der That der ganzen Gesellschaft lebhaftester Dankverehrung der dem, zugleich in ganzer Haltung stets liebenswürdiger erscheinenden bescheidenen Jünglinge gegebenen Erlaubniß zu dieser Expedition in unser Rhume-Thal, – was für ihn würklich ein Thal des Ruhmes genannt werden1 darf! – 
Natürlich war die Ausführung des Mendelssohnschen Concertes nur ein Stückwerk des großartigen Alfrecsco-Gemäldes der dortigen Aufführung! – Gleichwohl gewährte auch dieser Reindruck des originell-genialen Werkes bey abermahls sehr gelungener Ausführung der Principale u wenigstens nicht störender Begleitung des unermüdlich fleißigen Corps auch selbst mir wieder einen wahren großen Genuß! – so wie der Ihrer Mittheilung zur verdankende Potpourri2 noch das erhöhte Interesse gänzlicher Neuheit für mich hatte! – und Kömpel executirte auch diese reitzende Pieçe, ohne Pult u Noten so anziehend, u so sprechend in Ihrem Geiste, daß Er sicher auch alldort gelegentlich großen Beyfall damit einerndten u allgemein großen Genuß dadurch gewähren würde; wenn gleich der Jessonda-Potpourri allerdings noch brillanter ist, u in den unterliegenden wundervollen Melodien allerdings auch noch bezaubernder. – 
Diesen hat Er in Nordheim 3 Mahl gespielt, u öfter in Privat-Zirkeln am Piano u dennoch drückte man Gestern Abend allgemein das Verlangen aus, bevor Er zum 2ten Male auftrat, daß das uns allgemein angekündigte „Potpourri für die Violine von Spohr“ – (Er hatte versäumt die zum Grunde liegende Oper mir zu nennen) – doch der Jessonda-Potpourri seyn mögte. – 
Gebe nun nur der Himmel daß solche Excursion Kömpel’s ohne dortigen Unannehmlichkeits-Nachklang vorüberging! – u wir denn umso mehr hoffen dürfen, in etwa 4 Wochen für einen von Ihrer großen Güte Selbst zu bestimmenden Tag ihn wieder3 zu sehen! – Seiner Nacht-Fahrt herwärts hatte ich dringen wiederrathen. Er hatte aber solche Abmahnung nicht mehr erhalten; ich bestand aber darauf, daß Er die Gestern schon wieder zur Nacht-Fahrt gelöste Karte auf Heute Morgen umschreiben lassen mußte. – Das Concert auch erst 7 Uhr angesetzt, wird’s stets 7 ¼ bis zum wirklichen Anfange, u das Ende also stets nach 9 Uhr. Die Post soll aber eigentlich um 9 Uhr durchpassiren, was freylich bey dem Schnee jetzt leicht 10-10½ Uhr wird, aber doch ungewis. – Also sich warm spielen, Umkleiden, Einpacken, zur Post eilen, – u dann die Ungewisheit in dem Kopf, ob nicht der durchpassirende Wagen so besetzt ist, daß Er in einen [???] Beywagen muß, u dann die Nacht hindurch auf jeder Station in einen andern! – von dem Allen war die Erkältungs-Gefahr, mögliche rheumatische Arm-Lähmungen für Lebenszeit! – zu groß, um nicht auf der Tag-Fahrt zu bestehen; – worüber auch Ihrer Billigung nach schon ähnlicher Außerung ich gewis seyn dürfte. – 
Sollte ihn alldort die Uebung öffentlichen Auftretens noch ein Mahl zu Theil werden: so würde ich glauben für die „Gesangs-Scene“ stimmen zu dürfen. Daß sie dort schon öfter zu Aufführung kam, kann für ein solches Werk bey einer Ausführung wie die seinige das Interesse nur erhöhen; wenn Er sich in 8 Tage lang wieder darauf vorbereiten kann. – Ganz neuerlich noch wieder erhielt ich die völlig zweyfellose Bestätigung, wie die ganze Capelle u alle einsichtigeren Kunstfreunde Hannover’s völlig einverstanden darüber waren, daß Er am 31st März v. J. schon, – (geschweige denn jetzt!) – dieses Meisterwerk weit ergreifender u ungleich lebhafteren Enthusiasmus allgemein hervorrufend vortragen habe, als selbst der daselbst vergöttert werdende Ernst! – aller übrigen nahmhaften Vorgänger darinn nicht erst zu gedenken! – Allerdings dürfte mit solchen in seiner Art wohl einzig u unerreichbar dastehenden4 aber wenigen Umfangreichen Meisterwerke denn vielleicht passlich nach einer Ihrer reitzenden Potpourri’s pp wie am 14t November zu verbinden seyn, u dafür ganz vorzugsweise selbst eine Wiederholung des eben so reitzenden als brillanten Jessonda-Potpourri sich eignen; zu Mahl wenn als denn auch die Gegenwart des Hofes nur zu erwarten wäre! – Oder, – diesen zu Ehren etwa auch das Adagio und Rondo-russe des Bériotschen hmoll-Concertes! – 
Von Ihren großen Concerten gelingt ihm der Vortrag des 11ten5 Concertes am feurigsten u brillantesten. Nächst dem aber auch das, – meiner Auffassung nach überall auch wohl noch großartigeren, – 9ten6Concert, dessen Adagio unter seinem Bogen auch die trockensten Nerven erzittern machen muß! – Weniger aber mögte ich für jetzt noch zum 7t7 Concerte rathe, – wenngleich wohl eines der tiefsten u sorgsamsten ausgearbeiteten vor allen! – sein Spiel u Bogenführung mögte wohl selbst jetzt noch nicht gekräftigt8 seyn, um manche der Finger-grotesken Momente dieses merkwürdigen Werkes genügend kräftig u n d w o h l k l i n g e n d zugleich hervorzuschleudern! – u mir scheint, der Künstler muß niemahls ein Werk öffentlich spielen, worinn auch nur 2 Tacte übrig bleiben, die Er wohlklingend u mit dem äußeren Anstriche selbst leichter Ueberwindung seiner größten Schwierigkeiten erst nach Verlauf noch eines ganzen Jahres die Kraft, und die Gewalt über das schwierige Instrument genommen haben wird, einige der mir vorschwebenden harrenden Passagen des 7t Concertes wie vorstehend angedeutet überwinden zu können! – Das Concert ist geschrieben für einen Riesen artistisch-technischer, wie psychischer u selbst physischer Combination! – für einen Giganten Ihrer Ausprägung! – mein verehrter Freund! und Groß-Meister!! – 
Höchst interessant ist mir auch die Mittheilung der darüber ebenfalls hocherfreuten Fr. v. Malsburg – des demnächstigen, dortigen Auftretens Ihrer genialen Fräulein Nichte9, der Harfen-Virtuosin! fals(???) irgend ausführbar: so werde auch ich10 die Freude u Genuß zu theilen suchen! –


Baldige weitere gute Nachricht der völligen Reconvalescenz Ihrer theuren Frau Gemahlinn sehnlich mahnend Ihnen beyderseitig mit meiner Frau so herzlich mich empfehlend als



innig verehrungsvoll 
CFLueder. 

Darf ich die Bitte mir erlauben, die Einlage dem Kömpel beym Zusammentreffen im Orchester geben zu wollen? –



Der letzte erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 09.01.1850. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 08.02.1850.

[1] Hier zwei oder drei Buchstaben gestrichen.

[2] Da Lueder weiter unten erwähnt, dass auch diesem Potpourri eine Oper zugrunde liege, handelt es sich wahrscheinlich um op. 23, in dem Spohr „Wer ein Liebchen hat gefunden“ aus Die Entführung aus dem Serail von Wolfgang Amadeus Mozart verarbeitete.

[3] Am Wortende gestrichen: „sehen“.

[4] Hier gestrichen: „Meisterwerke“.

[5] Op. 70.

[6] Op. 55.

[7] Op. 38.

[8] Hier gestrichen: „genug“.

[9] Rosalie Spohr.

[10] „ich“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.03.2026).