Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Mein innigst verehrtester Freund!
Ihr so eben eingehendes liebes gestriges Schreiben setzt bezüglich des hier allgemein beliebten August’s1 dortiger Anstellung Haus u Hof in Erregung! – streut aber zugleich glühende Kohlen auf mein Haupt, Ihnen noch nicht ein Mahl die herzlichste Dankverehrung Ihres lieben Schreibens vom 5t v.M. u der abermahls so unermüdlich gütigen Saiten-Sendung ausgedrückt zu haben! – an welcher Verspätung dieses Mahl ein recht hartnäckiger Grippe-Anfall einigen Antheil hatte. – Erst seit einigen Tagen bin ich des Stubenarrestes wieder entlassen; was mich denn um so mehr Ihre liebevolle Nachsicht erhoffen lassen würde, wenn auch Ihr jetziges liebes Schreiben nicht Ihre implicite nachsichtsvolle Absolution im voraus mir brächte! –
Wenn gleich auch bey General Halket’s neulicher Anwesenheit unserer Hoffnung noch mehr Boden gewann, dem in Hannover mit so großem Beyfalle am 31st März debütirt habenden Kömpel bey Eröfnung des neuen Opernhauses daselbst als Solo-Spieler angestellt werden zu sehen: so bleibt doch „der Vogel in der Hand“ in jetziger immer doppelt werth zu halten! – wenn auch zunächst um 50 Rth unter Ihrer liebevollen Absicht; – zu Mahl bey dem dagegen großen Vorzuge, so wie weiteren Kunstausbildung unter Ihrer schützenden Flügeln verbleiben zu lassen! – u so haben wir insgesammt, – Er selbst natürlich an der Spitze! – des endlichen Gelingens Ihrer liebevollen Beschützung uns so dankerfüllt als innigst erfreut! – so nahe die Trennung von ihm mir auch geht! – u so schnell als nur seine Abschiedsbesuche u Einsammlung der durch ihn den Schülerinnen geliehenen Musicalien pp zu bewirken steht, wird Er sich einstellen; jeden Falles aber im Laufe dieser Woche; u wird Er nach Ihrer noch weiteren Bestimmung am 14t entweder den Jessonda-Potpourri oder die „Gesang-Scene“ freystehend ohne Pult vortragen können. – Hätte Er nicht die „Gesangs-Scene“ vor 4 Jahren dort schon ein Mahl im Entre-Act gespielt: so würden wir für solche auch noch größere Pieçe noch mehr stimmen, als für den Potpourri allein; weil jene ihm insofern noch etwas mehr Sicherheitsgefühl für ersten Augenblick gewährt, als das begeisternde längere Tutti für ersten Solo-Einsatz mehr kräftigt u ermuthigt; statt daß der Potpourri gleichermaßen Momente des Hervortretens ein ruhiges Pianissimo-Portamento fordert, gesichert gegen etwa etwas zitternden Bogen; desmaßen Er2 den Potpourri immer lieber gespielt hat, wenn der doch etwas beklommene Moment d e s e r s t e n H e r v o r t r e t e n s durch schon vorausgegangenen Vortrag z. B. der Gesang-Scene pp für solchen Abend schon überwunden war. – Gleichwohl wird, ihn beyde Meisterwerke à la Hannover vortragen zu lassen, schwer zu arrangiren stehen? – u so nach wählen Sie wenn das nicht passlich erscheint, immerhin das Ihnen am passlichsten erscheinende solcher beyden Werken.
Das leider nur erst ein Mahl hier zu Stande gebrachten Quartett3 überraschte mich zum höchsten, besonders auch hinsichtlich des Ensembles; dessen tüchtige Vortrefflichkeit August dadurch erwirkt hatte, daß Er die 2t Violin u Bratsche seinem Schüler u dessen Vater4, – unter Zuhülfenahme des Pianoforte’s für die Violincell-Stimme! – möglichst fleißig einstudirt, die letztere aber Krüger in Nordheim ebenfalls zuvor eingeübt hatte. Sie spielten Ihre herrlichen e dur5, a dur6 u h moll-SoloQuartetten7 namentlich auch so Solo-Discant u zehrt bey allem Feuer Kömpel’s, daß diese Ausführung dreist Ihnen Selbst als Morgen-Ständchen hätten gewidmet werden dürfen, wenn unsrer Hütte das Glück geworden wäre Ihnen eine Ruhestätte darzubiethen! –
Auch eröfnete ich ihm andern Morgens, daß, – wenn etwa die Casseler Entscheidung nesatis8 ausfallen sollte, – er hier ruhig noch einige Jahre die zu nahestehende Hannoversche, denn gleich um einen Pas9 vorrückende, Anstellung erwarten möge; u ich ihn alsdann also situiren wolle, daß Er seinem Vater10, ohne eigenes Arrangement, auch von hier aus jährlich 50-60 Rth. Unterstützung fest zusichere, u Extra-Concertirungs-Einnahmen dennoch für Violin-Ankauf-Fonds sammlen11 könne; was ihm denn einige Thränen kindlicher Freude in die Augen presste! – bisher ist solche Kindes-Pflicht ihm noch unerreichbar geblieben, weil alles was Er bis zum 5- May, – als bis wohin ihm alle Garderoben-Bedürfnisse statt Gehaltes geliefert wurden, – durch Concertirungen u Unterricht zu erübrigen vermogte, in Musicalien gesteckt werden mußte; – eben für die Concertirungen u etwaige kleine Reisen; so daß Er jetzt doch würklich für ein 60-70 Rth. Musicalien eigenthümlich besitzt; z. B. mit Piano- wie mit Orchester-Stimmen von Ihren herrlichen Concerten das 3t12, 8t13, 9t14, 11115 u 12t16, – (das 15t17 nur erst mit Piano-Stimme) – ferner Ihre 5 Solo-Quartetten, u noch manche andre Ihrer Solo-Sachen mit Orchestern; wie Ihre sämmtl. Salon-Stücke; – sodann Beriots h-moll Concert, 2 große Concerte Vieuxtemps, u dessen wie einige sonstige derartige Salon- u Studien-Sachen; u unmerklich nun auch das Mendelssohnsche Concert mit Piano- wie Orchester-Stimmen, u. s. w.; so daß Er für Reise-Zwecke nun völlig genug hatte, – – drängte jetzt seine Abreise nicht unerwartet so sehr: so würde ich ihn rasch noch ein Abschieds-Concert in Nordheim für schließl. Erübrigung von ein pptc(???) 30 Rth bereitet haben. Nach den bemerkten dortigen Verhältnissen aber, u auch hinsichtlich seines dortigen Auftretens am 14t, ist keines weiteren Säumens Zeit! –
Das Programm solches Ihres ersten Concertes ist allerdings so vielseitig anziehend18, – u Ihr neues Trio dazu!! – daß ich ernstlich darauf denke, Ihrer gar liebevollen Einladung endlich ein Mahl wieder zu folgen! – u wenn nur mein Befinden irgend es zulassen will, werde ich auf den Flügeln mehrer Sehnsucht kommen! –
Vielleicht höre ich von Ihnen noch vor Kömpels Abreise, was Sie für dessen Auftreten am 14t nach obigen Berührungen definitiv bestimmen? – u vielleicht ist auch schon eine Notiz möglich, wenn die letzte General-Probe vorzugsweise Ihrer 3t Symphonie [Hörten wir nicht einst davon erste Aufführung im „Stadt-Bau“? – desselben Abends als im 2t Theile Beethovens 9t Symphonie aufgeführt wurde? und eine Cantate von einem Italienischen Maestro grauer Vorzeit.19 – Ihre Symphonie trug damahls bey mir durchaus entschieden den Sieg davon, von Allem was wir solches interessanten Abendes hörten!]20 u der „Walpurgis-Nacht“ seyn werde; die mindestens beyde ich doch 2 Mahl zu hören gar sehr wünschte.21 – Hoffentlich Mittwoch Morgen! –
Noch erlaube ich mir zu bemerken, daß vielleicht bey der Trio-Gelegenheit eine interessante Diversion22 gewähren könnte, Kömpel das Mendelssohnsche Concert spielen zu lassen? – was auch mir recht interessant seyn würde, da die bisher nur gehörte hiesige über alle Maaßen hölzerne Behandlung der von Mendelssohn selbst geschriebenen nicht leichten Piano-Begleitung bey ihrem Harmonie-Reichthum nur um so mehr Sehnsucht brachte, das originelle Werk ein Mahl von Ihrer genialen Frau Gemahlin, oder Frau von Malsburg, oder Tivendell jun. unterstützt werden zu hören! – Wie mir auch höchst interessant u belehrend seyn würde, das mich einstweilen mannigfach frappirt habende Werk gerade unter Ihrer vertraulicheren Beurtheilungs-Berichtigung ein Mahl zu hören! –
Gebe denn der Himmel nur, daß dieser so lange entbehrten ersehnten Excursion zu Ihrem Parnasse nicht noch ein Hinderniß in den Weg trete!! –
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen u mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlinn auf das herzlichste! – Unwandelbar innig u dankbar
Ihr
wärmster Verehrer
CFLueder.
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 03.11.1849. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 05.11.1849, dessen Postweg sich mit dem des derzeit verschollenen Antwortbrief von Spohr vom 06.11.1849 überschnitt.
[1] August Kömpel.
[2] „Er“ über der Zeile eingefügt.
[3] Vgl. Lueder an Spohr, 30.09.1849.
[4] Vater und Sohn Römermann.
[5] Op. 43.
[6] Op. 68.
[7] Op. 61.
[8] „ne satis“ (lat.) = „ungenügend“.
[9] „Pas“ (fr.) = „Schritt“.
[10] Georg Kömpel.
[11] Sic!
[12] Op. 7.
[13] Op. 47.
[14] Op. 55.
[15] Op. 70.
[16] Op. 79.
[17] Op. 128.
[18] Zum endgültigen Konzertprogramm vgl. Spohr an Adolph Hesse, 19.11.1849.
[19] Miserere von Leonardo Leo (vgl. Spohr an Wilhelm Speyer, 28.03.1828).’
[20] Ausdruck in Klammern am unteren Seitenrand eingefügt.
[21] Zum Konzert vgl. Spohr an Adolph Hesse, 19.11.1849.
[22] „Diversion, die Ablenkung, Abkehrung; Störung, Zerstreuung, Belustigung“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 112).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (05.03.2026).