Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Coburg,1 den 25 October 1849.

Hochgeehrtester Herr
Capellmeister!

Mit dem herzlichsten Wunsche daß Sie und dero werthe Familie sich bei Empfange dieses Briefes recht wohl befinden mögen, wage ich, im Vertrauen auf Ihr mir erwiesenes Wohlwollen mich nochmals mit einer Bitte an Sie zu wenden. 
Sie betrifft meinen Schwager Selmar Bagge (jetzt Musiklehrer in Wien) denselben den Sie, wenn Ew. Wohlgeboren sich beliebigst erinnern wollen, vor mehreren Jahren auf mein Ersuchen mit Ihrer gewohnten Menschenfreundlichkeit dem Herrn Capellmeister Grund als Celloist anempfahlen2, welcher mir jedoch sein Bedauern, daß er für den Augenblick für Bagge nichts thun könne, baldigst wissen ließ.3
Da fügte es sich daß er als Schüler des Prager Conservators4 als 1ter Celloist nach Lemberg in Galizien kam, fühlte jedoch bald daß das kein günstiger Platz für ihn sei, weil keine größeren Meister da waren, die seinem iefrigen aufwärtsstrebenden Geiste als Vorbilder hätten dienen können. Er gab deshalb seine Stellung da baldigst wieder auf, und ging nach Wien, wo er sich, ohne eine feste Anstellung finden zu können, durch seinen Clavier und Compositions-Unterricht seinen Lebensunterhalt sicherte, und beim Sechter noch den doppelten Contrapunct, Canon und Fuge studirte, dessen väterliches Wohlwollen er sich bald in dem Grade erwarb, daß er ihn bald für einen seiner besten Schüler erklärte. Seit 7 Jahren hat er dort in musicalischer Hinsicht alle Mittel zu seiner höheren Ausbildung mit regem Eifer benutzt und ist auch dabei der bescheidene, sittlich-strenge Jüngling geblieben der er immer war. 
Obgleich für jetzt es ihm zu Wien als Privatmann ganz gut ergeht, so schmerzt es mich doch in der Seele, ihn, als kenntnisreichen jungen Menschen, nicht bei irgend einer fürstlichen Capelle als Dirigend oder in irgend einer bedeutenden Stadt, wo es große Musicvereine giebt welche sich Musicdirectoren definitiv anstellen oder bei einem Conservatorium als dichtiger Harmonielehrer fest angestellt zu wissen. 
Ich wende mich deshalb mit der ergebensten Bitte an Sie geehrtester Herr, Sie mögten meinen Schwager gütigst erlauben sich selbst an Sie wenden zu dürfen um Ihnen eine seiner Compositionen zur Ansicht zu zuschicken, woraus Sie seine geistigen Fähigkeiten ersehen können, damit Sie, Herr Capellmeister, wenn man Ihren Rath und Ihre Empfehlung bei irgend einer vacanden Stelle nachsuchte, ihn gefälligst mit berücksichtigen könnten. 
Er selbst, hat aber von dieser meiner Bitte noch keine Ahndung, denn seine Bescheidenheit würde nicht zugegeben haben, daß ich ihn so rühme. Obgleich ich Ihre kostbare Zeit schon zu lange in Anspruch genommen habe, so kann ich doch nicht umhin Ihnen wenigstens5 einige seiner Compositionen noch anzudeuten: Eine Sonate für Clavier und Violine aus Fdur; 2 Quartetten, 1tes aus F, 2tes aus fmoll; den 139ten Psalm; eine Messe und ein Clavierconcert. Er ist guter Cellospieler, noch fertigerer Clavierspieler und trägt vortrefflich vor. 
Seinen Psalm6 und seine Emoll Sinfonie, als sie im Concert spirituel aufgeführt wurden, ließ man ihn dirigiren. 
Die überraschende Mittheilung in einem früheren Briefe meines Bruders zu Oldenburg, daß er die Ehre gehabt habe mit dem berühmtesten Capellmeister unserer Zeit: dem Herrn Spohr, daselbst Gevatter zu stehen, hat mir ein ganz besonderes Vergnügen gemacht. Ehe ich aber den Brief förmlich schließe, kann ich Ew. Wohlgeboren doch nicht verschweigen, daß die Herrn Zeitungsschreiber Sie durchaus todt machen wollen, worüber mein Herz in herbem Schmerz versunken wäre; doch müssen sie Sie zu meiner innigen Freude gewöhnlich am dritten Tage wieder auferstehen lassen. 
Mit der schönen Hoffnung daß Sie mir meine Bitte in Erfüllung gehen lassen wollen verbleibe ich mit innigster Hochachtung 

Ihr ergebenster 
Friedrich Möricke. 

Ihre gefällige Antwort schicken Sie mir aber ja unfankirt.

Autor(en): Möricke, Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Bagge, Selmar
Möricke (Oldenburg)
Sechter, Simon
Erwähnte Kompositionen: Bagge, Selmar : Konzerte, Kl Orch
Bagge, Selmar : Messen
Bagge, Selmar : Psalm 139
Bagge, Selmar : Quartette, Vl 1 2 Va Vc, op. 1
Bagge, Selmar : Sonaten, Vl Kl
Erwähnte Orte: Lemberg
Wien
Erwähnte Institutionen: Konservatorium <Prag>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849102544


[1] Bis hier auf dem Briefpapier vorgedruckt.

[2] Spohr an Eduard Grund, 24.08.1841.

[3] Vgl. Eduard Grund an Spohr, 09.09.1841.

[4] Sic!

[5] „n“ über der Zeile eingefügt.

[6] Vgl. „Zweites Concert spirituel“, in: Wiener allgemeine Musik-Zeitung 8 (1848), S. 157f., hier S. 158.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (06.07.2026).