Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 30ten Sptbr. 1849
Mein innigst verehrtester Freund!
Mit herzlicher Freude hörten wir von Fräulein Wolf1 und später auch von deren verehrtem Hrn. Vater, daß Sie wohl u glücklich mit Ihrer theuren Frau Gemahlinn aus Carlsbad heimkehrten, u auch abermahls recht zufrieden mit dem Resultate dieser Ihnen stets so wohlthuenden Heilquelle; – u nur die den Landwirth so mannigfach beschäftigende Jahres-Epoche, in welcher ich endlich auch zu Pferde unsere Gebirgsfluren selbst wieder2 parcelliren kann, hat bisher verschoben bleiben lassen, Ihnen beyderseitig unsere innigst herzlichsten Glückwünsche dazu auszudrücken! –
Ihr liebes Schreiben vom 14t Juni mit der wiederum herrlich ausgewählten Saiten-Provision3 mußte damahls ohne eine dankbare Erwiderung bleiben, weil ein Schreiben Sie in Cassel nicht mehr getroffen haben würde. – Also noch jetzt meinen herzlichsten Dank dafür! –
Die Saiten haben denn auch bis jetzt ausgehalten. Da aber nun die letzte Saite in Gebrauch genommen ist: so wage ich wieder die Bitte um eine Provision Saiten derselben so vorzüglichen Geltung; u da ich weiß, wie gern Sie Genüße dieser herrlichen Kunst befördern: so wage ich sogar, noch eine Bitte hinzuzufügen! – nämlich von dem auch stets gern gefällichen fleißigen Knoop mit meiner herzlichsten Begrüßung ein Violoncello-G und D geneigtest erfordern und die Quinten hinzufügen zu wollen. – Diese beyden Saiten meines Violoncell’s sind nämlich geplatzt, u wir bedürfen auch dieses Instrument, wie auch meine alte Bratsche, jetzt ab u an für hiesiges Quartett unter Kömpel’s Flügeln; wobey nach Prüfung der übrigen Instrumente nur Violin-Solo-Quartetten zur Aufführung zu bringen stehen, bey denen denn das von Tag zu Tag ergreifendere wahrhaft herrliche Spiel Kömpels genugsam fesselt, um mit der Begleitung ländlich vorlieb zu nehmen; die in seinem 16jährigen Schüler Römermann für 2te Geige, dessen Vater, unser Amts-Musicus, für Bratsche, u schon Ihnen so oft genannten Stabs-Trompeter Krüger für Violoncelle besteht. – Für nächsten Freytag sind von Ihren herrl. Solo-Quartetten das h moll4, e dur5 u a dur6 bestimmt; denen denn auch mahl noch wieder Ihr jugendlich launiges 5tes Opus „Ueber die Beschwerden dieses Lebens“ reitzend sich anschließt. –
Viel Interesse u Genuß hat uns auch in den letzten Wochen Mendelssohn’s Violin-Concert gewährt! – so wie der Fleiß August’s durch dieses mannigfach originelle Novum einen recht erwünschten neuen Sporn erhielt. – Wenngleich die Piano-Begleitung des 16jährigen Sohnes unseres Cantor’s Berner noch gar manches zu wünschen übrige läßt: so genügt7 solche, – wenigstens sehr tactfest und bestimmten Anschlag’s, – doch um auf die Orchester-Begleitung dieses großartigen Solowerkes verdoppelt zu spannen; welchen Genuße wir nun, da8 das Garde-Cürassier-Musik-Corps in das Nordheimer Friedens-Stand-Quartier Gottlob wieder eingerückt ist, nahe bevorstehend entgegen sehen. –
Es fesselte dieses Werk den August gleich also, daß Er schon nach 5-6 Tagen auch dieses9 so verwickelte u in der Principale allein oft anscheinend so Melodielose Werk ebenfalls von vorn bis hinten hinaus par coeur spielte! – Die Melodie-ergänzende Orchester-Stimme dazu resp. singend oder pfeifend! – Den ersten Satz spielt Er wahrhaft großartig u wundervoll! – In dem Adagio die immer nicht zu meinen Liebhabereyn gehörenden, dieses herrliche Instrument doch mehr oder weniger nothzüchtigende Melodie-Selbstbegleitungen wenigstens nicht kratzend u kreischend, – in allen übrigen Momenten tief aufgefasst u wahrhaft ergreifend. Der letzte Satz läßt aber noch zu wünschen übrig; indem diese Hyper-pikante Grazie in leichtester Bogenführung, die dem genialen Tondichter gleich im Einsatze des Thema’s vorgeschwebt haben dürfte, noch zu seinen schwächsten Parthien gehört; wie denn auch die weiterhin folgende feurigsten Bravour-Momente dieser hie u da in etwas Mendelssohnsch-ausgelassenen Tondichtung noch mehr Vigueur10 wünschen lassen; als seine Jugend u darum selbst körperliche Kräfte sie dem ihm selbst gewis vorschwebendem Ideale mögen11 schon hergeben wollen. – Gerade deshalb aber war und ist ihn dieses zugleich so gediegene u so fesselnde Werke eine höchst nützliche u erwünschte Uebungs-Pieçe. –
Uebrigens hat Er in den pikanteren Bogenführungsarten u namentlich im Staccato – Hrn Hilf’s trostlose Ankündigung, daß solches nur ein „angebornes“ Geiger-Privilegium sey, zum Trotze, – noch ferner so gute Fortschritte gemacht, daß Er z.B. in Vieuxtemp’s Salon-Stücke Nr 2. die etwas unbescheidene Aufgabe eines Staccato von 5 langen Tacten im Herauf- und unmittelbar sich daran schließend wieder 4 Tacte in Herunterstriche, Heraufwärts brillant, u herunterwärts wenigstens recht gut läuft, u nicht mehr meckernd u hölzern; wie dabey sich à la Lipinsky pp sich beruhigen zu wollen, Hilf’s Rodomontade12 ihn verführen wollte! – u wenn angeborner oder anerzogener Fleiß für dergl. rein technische Ueberwindungen ihm allerdings fehlt: so muß ich doch rühmend u selbst dankbar anerkennen, daß durch Erläuterung durch13 dessen Nothwendigkeit in der Kunst, u durch fortlaufende Controlle Er Erfolgreich sich dazu anhalten läßt; – u Er hat in diesem Sommer für Solo-Spiel noch recht bestimmt zu bezeichnende erwünschte Fortschritte gemacht; so daß wir ihn guten Muthes auch wieder in Hannover werden auftreten lassen können; wo Er schon am 30st März durch seinen allgemein hinreißenden Vortrag der göttlichen „Gesangs-Scene“, – höchst vortrefflich erwähnt, – namentlich auch von der tüchtigen Capelle noch über des genialen Jean Bott’s früheres dasiges Concertspiel gestellt würde, so sehr auch dessen Spiel damahls gefallen hatte; u dürfte ich dergl. Reisen gesundheitlich mir nur noch mit genügender Sicherheit biethen, daß ich ihn selbst dahin begleiten dürfte, so würde ich dreist die Garantie übernehmen, daß ein für seine eigene Rechnung zu gebendes dasiges Concert ihm einige Hundert Thaler Ueberschuß zum Fonds für eine aufzutreibende eclatantere14 Virtuosen-Geige liefern solle! –
Soll ich aufrichtig seyn: so würde allerdings jetzt mir fast erwünscht seyn, wenn die Launen Sr K. Hoheit dessen dortige Anstellung nun auch noch bis zum Frühjahr ferner hinhängen ließen! –
Offenbar gewährt sein Talent auf Grundlage Ihrer so liebevoll ihm gewordenen gediegenen Schule allen Anspruch auf Solo-Spieler erster Classe; – und für dessen weitere Uebung in concertirendem Auftreten u nothwendig fleißigster Vorbereitung dazu, hat Er hier wohl eigentlich mehr Gelegenheit als in den dortigen Orchester-Fesseln? – Auch wäre ihm für später wohl nützlich, in Hannover und Celle pp in dieser nochungebundenern Lage erst noch bekannter zu werden. Außerdem aber ist auch noch etwas mehr Selbstständigkeit für das gänzliche Sichselbstüberlassen-seyn gewis wünschenswerth für ihn; u die getroffene Einwirkung eines ihm ausgesetzten Fixum’s statt der vorhinnigen Natural-Lieferungen auch all u jeder Garderoben-Erfordernisse pp trägt für etwas mehr Ordnung u Schonung seiner Sachen, u für die Uebung der Selbst-Ueberlegung seiner Ausgaben-Eintheilung bemerkbar gute Früchte; welche Uebung unter hiesiger Rückfalls-Aegide noch etwas mehr in ihm gefestigt zu sehen, mir ebenfalls gewissermaßen beruhigender seyn würde. – Sein einst reichlicher Selbst-Erwerb hat sich seit ein Paar Monathen auch noch wieder um 36 ggl wöchentlich erweitert; indem Er noch einer andern1516jährigen Schülerinn wöchentlich 2 Stunden zu geben hat; d.h. Uebung im Piano-Spiele mit Violin-Begleitung u Vortrag’s-Anleitung. –
Von Ihren herrlichen Concerten sind zu seinem Vortrage – (und alles16 stehts ohne Pult) – zunächst bestimmt das 12t17, das 6t18, das 14t19 u das 15t20; unter diesen wird Er in den 6 Nordheimer Abonnements-Concerten das Mendelssohnsche, u das e mol Concert von Ferd. David vortragen; – außer kleineren Pieçen noch im 2ten Theile jedes dieser 6 Concerte; u sein wahrscheinlichst abermahliges Auftreten in Hannover u Celle, – auch wohl Quedlinburg u Ballenstaedt, – muß dann noch dazwischen geschoben werden; da wir 4 Wochen Zwischenraum von einem Abonnements-Concerte zum andern haben; die dann zugleich als Vorbereitung u velquasi17 Probe der auswärtigen Vorträge mitzutheilen stehen. –
Doch – wenn es auch einen Ihrer ewig dankverpflichtetem Lieblings-Schüler und Schützling geht, – nun doch wohl bereits zu viel darüber! – Verzeihung denn! So innig als unwandelbar
Ihr
dankbarster Verehrer.
CFLueder.
G.N.S. Am 12t Juli bleibe ich in Ihrer Schuld mit 5 gr. Was die Violoncello-Saiten kosten werden, vermag ich nicht zu überschlagen; u ich erlaube mir daher zwey Thaler hier anzulegen, um die geneigtesten Auslagen für diese Saiten-Provision gewogentlichst davon bestreiten zu wollen, wie obiges Restchen. –
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 14.06.1849. Spohrs Antwortbrief vom 05.10.1849 ist derzeit ebenfalls verschollen.
[1] Vermutlich Spohrs Enkelin Mathilde Wolff.
[2] „wieder“ über der Zeile eingefügt.
[3] „Provision, die vorräthige Menge, der Vorrath“ (Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, hrsg. v. Friedrich Erdmann Petri, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 382).
[4] Op. 61.
[5] Op. 43.
[6] Op. 68.
[7] „genügt“ über gestrichenem Wort eingefügt.
[8] Hier am Wortende gestrichen: „s“.
[9] „auch dieses“ über der Zeile eingefügt.
[10] „vigueur“ (fr.) = „Gewalt“.
[11] Hier gestrichen: „noch(?)“.
[12] „Rotomontade, fr. die Großsprecherei, Prahlerei“ (Petri, S. 412).
[13] „durch“ über der Zeile eingefügt.
[14] „eclatant, glänzend, ausgezeichnet, offenbar, laut und öffentlich“ (Petri, S. 163).
[15] „andern“ über der Zeile eingefügt.
[16] „und alles“ über der Zeile eingefügt.
[17] op. 79.
[18] op. 28.
[19] op. 110.
[20] op. 128.
[21] „vel quasi“ (lat.) = „oder sozusagen“.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (04.03.2026).