Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 28ten Februar 1849. 

Mein innigst verehrtester Freund! 

Beym letzten Einschlachten haben wir einem jungen Schweinchen die Freuden des Lebens noch für einige Wochen überwiesen, zunächst um am Schlusse der einschlägl. Saison die Freude uns anzueignen Ihnen noch ein Pröbchen Ihrer Lieblingsspeise senden zu können, und kältere Lufttemperatur scheint auch dafür beygestanden zu haben den alten Trost anzubahnen: „Ende gut, Alles gut!“ – Möge durch Wohlgeschmack solches sich völlig bestätigen! –
Kömpel hat mir zuletzt unterm 23t von Quedlinburg aus geschrieben, daß Er als Gestern die Rückreise anzutreten u also heute hier wieder einzutreffen denke; was denn freylich auch für genügende Vorbereitung des letzten Abonnements-Concertes, am nächsten Dienstage die höchste Zeit ist! – 
In Halberstadt war nichts zu machen wegen warmen Kasten-Risico’s – (15 Rth!). In Quedlinburg aber scheint Er in dem Concerte vom 19t sehr gefallen zu haben; indem man nach demselben das verheißene u übliche kleine Honorar extraordinair in rund verdoppelte. – Es war dafür Ihr reitzder Jessonda-Potpourri & Bériots h-moll Concert gewählt. – Außerdem waren in Veranlassung seiner Anwesenheit 3 große Musik-Soiréen resp. bey seinem gastfreyen Wirthe u bey Bürgermeister Dronewolf ebenfalls unter Zuzug aus der Ballenstaedter Capelle; - u unter diesen auch 2 Gebrüder Fischer, ebenfalls Ihre früheren Schüler – in welche Soiréen Er Ihr 11tes Concert, das e dur, u das es dur Solo-Quartett, – letzteres zwey Mahl, – Ihren Quartett-Pot-pourri Op. 5. – (so viel ich mich erinnere: Ueber die Beschwerde dieses Lebens) – Ihren Pot-pourri aus dem „unterbrochenen Opferfeste“, u 3 von Ihren neuesten Salons-Stücken spielte. – (die früheren, u „Elegisch u Humoristisch“ trafen leider vor seiner Abreise nicht mehr ein!) – 
Nach Braunschweig hatte ich an Oberstl. Graebe geschrieben, u eventuell anheim gegeben, Kömpel direct nach Quedlinburg in Kenntniß zu setzen, wenn, und an welchem Tage der dem 19t sich anschließenden 8 Tage man etwas wünschen kann, ihn in einer der Vereins-Soiréen gegen ein nur den Aufenthalt einiger Tage deckendes kleines Honorar auftreten zu lassen. Graebe antwortete mir umgehend mit größter Theilnahme für solchen Ihren Schüler und Schützling; drückte aber gleich einige Zweyfel aus ob ihm gelingen werde allgemeinere Theilnahme für desfallsigen Beschluß zu erreden; da in Braunschweig durch die unglücklichen immer sich erneuernden u erweiternden politischen Ungewißheiten alles eigentliche Musikleben erstickt u erdrückt sey. – 
Vor einigen Tagen erschreckte mich eine Zeitungsnachricht1 aus Frankfurt damit, daß nach Casseler Berichten der Churfürst seine Residenz zunächst nach Fulda zu verlegen denke, u Cassel ein Belagerungsstand werde erklärt werden!! – was mich denn auch besorgt machte, daß Kömpels jetzige dortige Anstellung, wenn so unwahrscheinliches wohl gar sich bestäigen sollte, von neuem zerrinnen könnte? – u was bey seiner so unbeschreiblich sehnsüchtigen Freude an deren nun bestimmter erhofften Realisirung mir unendlich nahe gehen würde! – so gern ich auch ihn hier behielte; da ich fühle, wie mit dem Schwinden bisher dafür anregender Pflichterfüllungen gegen ihn auch bey mir aller Sinn für diese meine sonst höchsten Genüsse dieser erhebensten aller Künste einstweilen gänzlich wird verschlungen werden, von dieser odieusen2, u wenn noch so oft bis auf das innerste Mark mit Ingrimm erfüllende, durch unwiderstehlich fesselnden Cothurn der Himmel weiß welcher Parlaments-Verhandlungen und dahin gehörenden öffentl. Ereignissen! – 
Da aber Frau von Malsburg in einem mannigfach interessanten Schreiben vom 25ten d.M., von jenen Churfürstl. Veraenderungs-Plänen nichts erwähnt, vielmehr die mich ebenfalls auf das herzlichste erfreuende Ernennung des liebenswürdig-genialen Bott zum Concertmeister und des fleißigen braven Knop Gehaltsverbesserung daraus hervorgeht, so hoffe ich um so mehr, daß die dabey auch, – ohne Zweyfel auf Grund Ihres desfallsigen auch neusten Äußerungen, – noch wieder angedeutete Erwartung Kömpel’s alles nächster dortiger Anstellung von Ihrer so liebevollen Beschützung seines Talentes jetzt glücklich zur Erfüllung kommen werde! – 
Da ich auf neuliche Anfrage Ihre Zustimmung zu noch einer März-Reise nach Hannover u Celle pp für ihn nicht erhielt: so erachtete ich der Discretion doch angemessener meine einschläg. Freunden etwa zu schreiben, daß die Ausführbarkeit solcher Reise durch eingegangene Anstellungs-Aussicht sehr zweyfelhaft geworden sey, u bis zu meiner weiteren Benachrichtigung noch nichts für dortige Concerte geschehen möge; – indem ich aus eigner Erfahrung weiß, wie ärgerlich es ist, für dergl. Anbahnungen des Himmel weiß welche Beeiferungen u Bemühungen erst vollbracht zu haben, u dann die Freude, günstige Zuschrift begründet zu haben, durch Recensirung des Künstlers selbst zerrinnen zu sehen! – Auch bewiesen gerade die Cellerer vor 2 Jahren, darauf keinen Spaß zu verstehen! – indem sie, nach scandaleusen damahlichen Zeitungsarticeln, den Concertmeister Lübeck auf Erfüllung seiner von mehreren einschläg. Wortführern passirten Concert-Anmeldung gerichtlich belangten!! – u als Er nun, unter Vewmittlung ni fallon des Hofmarschall-Amts, – nachmahls hinging, ihn denn ganz fürchterlich herunter machten, wie sie in Celle unglich besseres einheimisch gewohnt wären, als seine unter aller Erwartung mittelmäßigen Leistungen, pp!! – 
Und noch weniger dürfte ich3 bey der obwaltenden Ungewißheit für sein Auftreten in einem der März-Concerte in Hannover, durch etwaige Verwendung an die unmittelbarere Umgebung des König’s durchschlagend nachtreieben; – wie solche damahls auch für Bott, noch Hr v. Malortie’s Benachrichtigung, den einschläg. Befehl des König’s von Graf Platen sogleich zur Folge gehabt hatte, und wohl zweyfellos auch jetzt zur Folge haben würde. – Sollten Sie daher, mein innigst verehrtester Freund! jetzt u sonst sehen, daß der März jeden Falles unserem jungen Schützlinge noch zu freyer Disposition verbleiben werde: so mögte ich mir die Bitte desfallsiger umgehender wohlwollender Benachrichtigung erlauben; um solchen Falles ungesäumt jene Reise-Einleitungen noch wieder aufnehmen zu können. – 
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen und mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlinn auf das herzlichste! – So innig als unwandelbar 

Ihr 
wärmster Verehrer 
CFLueder. 

G.N.S. dürfen wir noch ein Mahl mit der Bitte belästigen, eine Leber- u eine Weiswurst mit unsern herzlichsten Empfehlungen der Frau von Malsburg geneigtest senden zu wollen - ? - 
Und noch eine Notiz für Ihre u Ihrer4 näheren Freunde Haushaltung! – Versorgen Sie Sich rasch mit dem 1½ jährigen Bedarfe an gereinigtem Oel; – dessen Preis dürfte gegen nächsten Winter fast sich verdoppeln! – Noch ist der Alarm nicht groß, wird es aber werden. – Auch ich verliere leider reichlich 4000 £(???), im Rapssaat-Schlage, der unter der Erde rettungslosen Untergang zeigt, während über der Erde sein munteres Grün das Auge täuschend noch ergötzt! – Mögte ich für dieses nächste Wirthschaftsjahr doch nie im Roulette-Spiele sagen können: „Ich passe!“ –



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 08.02.1849. Spohrs Antwortbrief vom 03.03.1849 ist derzeit verschollen.

[1] Noch nicht ermittelt.

[2]odiös, l. gehässig, ärgerlich, verhaßt“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter, entstellenden fremden Ausdrücke zu deren Verstehen und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 316). 

[3] „mir“ über der Zeile eingefügt.

[4] Hier zwei oder drei Buchstaben gestrichen.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (27.02.2026).