Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 3ten Februar 1849.
Höchst und innigst verehrtester Freund!
Vor ein Paar Monathen ergötzte sich hier Hr Kopp, Gutsbesitzer und Fabrikherr zu Quedlinburg, an Ihres fleißigen Schützlings1 innigem Violinspiel. Derselbe hat jetzt, in Auftrag des einschläg. Comitté, ihn eingeladen in einem zum 19t d.M. unter Mitwirkung der Bernburger Capelle anstehenden Concerte zu Quedlinburg einige Solo-Vorträge zu übernehmen, und dafür schon am 12t sein Gast bey ihm einzutreffen, unter Entgegensendung seiner Equipage zum Halberstädter Bahnhofe, und unter Zusicherung eines mindenstens die übrigen Kosten der hin u zurück 40 Meilen austragenden Reise deckenden kleinen Honorar’s aus der Concert-Casse. –
Schon für einige Erweiterung des Bekanntwerdens ist das dankbar angenommen. Die Reise führt über Braunschweig und Halberstadt; u ich werde versuchen, ob Er gegen kleines Honorar von Seiten des Braunschweiger Musik-Vereins, – (dessen einziges auswärtiges Mitglied zu seyn ich die Ehre habe!) – in dessen wöchentlichen Concerte wird etwas vortragen dürfen; was zunächst davon abhängen wird, ob Er ohne deshalb zu weit auszudehnende Aufenthalts-Kosten dem einschlägl. Wochentag wird treffen können.
Nun lebt meines Wissens in Halberstadt auch einer Ihrer specielleren Verehrer2, ich glaube angestellt beym Ober-Landesgerichte, der unter anderm auch den Sonaten-Compositions-Preis3 ein Mahl gewann, u einst an der Spitze des dasigen Musikfest-Comitté stand.
Wüßte ich dessen Namen gleich aufzuschreiben: so würde ich auch ohne persönliche Bekanntschaft dem Jünglinge ein Paar Zeilen, Ihre liebevolle Beschützung desselben erzählend, mitgeben; – da ja möglich wäre, daß auch allda sein ihm nützliches Auftreten in zufälligen Fügungen dadurch anzubahnen stände, da Er auch rückwärts wieder Halberstadt zu passiren hat. – Würden Sie, mein innigst verehrtester Freund! um vielleicht passlich verachten, dem Jünglinge ein Paar Empfehlungs-Zeilen an jenen Herrn, oder an sonst einen Ihnen näher bekannten einflusreicheren Halberstädter Musikfreund eventuell mitzugeben?4 – Oder auch nur mir einen solchen zu nennen, um dem meiner Seits Ihre5 wohlwollende Theilnahme für diesen Kunstjünger demselben in mitzugebenden Schreiben bemerklich machen zu können. – Kömpel wird hier am 10t oder 11t d.M. abreisen. –
Auch dessen Einladung nach Hannover steht nach einem Schreiben des Grafen Platen-Hallermund Erlaucht halb und halb in Aussicht; – desgl. nach Celle, wo wir ebenfalls mehrere Musik resp. liebende u treibende Verwandte haben.
Am 6t d.M. wird Er erst noch Bériot’s h-moll-Concert, op. 32, und, – statt Ihrer erst beabsichtigten großen Polonaise, – auf mehrfachen Wunsch Ihren bezaubernden Jessonda-Potpourri nochmahls in Nordheim spielen.
Am 23t v.M. hat Er Ihr prachtvolles 11tes Concert wahrhaft meisterhaft, – ebenfalls par coeur6, - gespielt; u ich mußte mit dem [trotz argem Unwetters wiederum sehr zahlreichen]7 Publico übereinstimmend bey mir selbst anerkennen, so gut noch keinen Vortrag von ihm gehört zu haben! –
Auch erdreisten mich dessen jetzt immer raschern weiteren Fortschritte in wohlklingender Behandlung dieser Königinn aller Instrumente zu der vertraulichen Anfrage, ob für ihn nicht vielleicht auch alldort ein Concert im Theater durch Ihre liebevolle Vermittelung, etwa im April, herbeyzuführen stehen mögte? – was Er allerdings sehr wünscht! u ich um so mehr mit ihm, als die Idee durch meine Begleitung dabey für Verminderung seiner Kosten und in manchen andern Beziehungen wohl in etwas ihm zu Hülfe zu kommen, noch am ersten Muth und Lust für eine solche endlich ein Mahl wieder zu bestehende Kunstwallfahrt mir werden würde! – So gewähren wir Ihre Meisterwerke auch in Nordheim, wenn ich erst im Saale bin, wahrhaft großen innigen Genuß; – aber ich bekenne frey u offen, – führte mich nicht diese Art von Pflichterfüllung gegen unseren gemeinsamen Schützling dahin, es würde meiner ganzen Stimmung die für ein auswärtiges Aufführen solcher Genüsse erforderliche Plasticität des Gemüths einstweilen gänzlich fehle!! –
Fänden Sie die Idee eines für Kömpel alldort zu arrangirenden Concertes ausführbar: so könnte etwa für sein Spiel brillanteres als das 11te Concert8 nicht gewählt werden, wenn nicht im Wege steht, daß Hilf solches in diesem Winter bereits gespielt hat. – In eventum würde solchen Falles auch das 9te Concert9 sich sehr dafür empfehlen, wiewohl Er dessen Rondo noch nicht ganz also bewältigt, als auch den letzten Satz des 10ten Concertes10. – Aber das erste Allegro u Adagio so eclatant als mit tiefster Innigkeit! –
Sodann würde der Jessonda-Pot-pourri vor Allem nicht auszulassen seyn; u sollte für den jungen Concertgeber auch eine 3te kürzere Pieçe passlich erscheinen: so dürfte dazu in der Mitte zwischen Ihren beyden Meisterwerken das fertig allein gespielt werdende Adagio u Rondo-russe des Bériotschen h-moll-Concertes sehr passlich seyn; u zugleich beweisen, wie Ihre gediegene Schule auch dergl. frz. modernsten Styl leicht sich anzueignen vermag!! – (Gewis aber nicht umgekehrt) – Er spielt es wunderlieblich, graziös, u piquant, mit allen verschiedlichen Pflichten und Künsten! – Und eben so wirklich großartig das prätensieus [???] erste Allegro. –
Vielleicht wären denn Tivendell u Bott so freundlich gefällich, einen solchen Abend durch Mozart‘s alldort wahrscheinlich noch nie gespieltes herrliches Doppel-Concert für 2 Piano’s zu verherrlichen, welches ich dafür würde mittheilen können. – Doch – am Ende nur Luftschlösser! – wie heutiges Tages gar viele, und leider nicht gleich unschädliche!! –
Daß Sie und Ihre geniale Frau Gemahlin jetzt alle 14 Tage die interessanten Trio-Nachmittage der Frau von Malsburg verherrlichen, habe ich aus dessen dankbarster Erwähnung in gar sehr mich erfreut habenden mannigfach interessanten Schreiben dieser geistvollen Kunstfreundinn mit großer Theilahme ersehen! – Vielliecht geneigen Sie gelegentlich zu entschuldigen, daß mancherley Zufälligkeiten u kleine Geschäftsreisen, – deren ich auch Morgen wieder wie vor 8 Meilen rasch abzumachen habe, – mich noch nicht zu dessen dankbarster Erwiderung habe gelangen lassen! – Eben sagt mir11 Oberstl. v. Hammerstein, daß die Pariser Academie Sie zu ihrem Mitgliede ernannt12; was ich in meinen Zeitungen noch nicht fand, tausend innigste Glückwünsche zu dieser neuen gerechtesten Anerkennung Ihrer unsterblichen Verdienste! – Solcher Besuch veranlaßt aber, daß ich nicht mehr frankiren kann! – was ich zu entschuldigen bitte – So innig als unwandelbar Ihr dankbarster Verehrer
CFLueder.
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Augustin, Luther Bott, Jean Joseph Hammerstein, (Oberstleutnant) von Kopp, Philipp Malsburg, Caroline von der Platen, Julius von Spohr, Marianne Tivendell, Frederik |
| Erwähnte Kompositionen: |
Bériot, Charles-Auguste : Konzerte, Vl Orch, op. 32 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 55 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 62 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 70 Spohr, Louis : Potpourris [über Themen aus Jessonda], Vl Orch, op. 66 |
| Erwähnte Orte: |
Braunschweig Halberstadt Northeim Quedlinburg |
| Erwähnte Institutionen: |
Académie des Beaux-Arts <Paris> Elbe-Musikfeste <wechselnde Orte> Verein für Konzertmusik <Braunschweig> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849020335 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 12.01.1849. Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.
[1] August Kömpel. – Hier ein Wort gestrichen.
[2] Luther Augustin.
[3] Noch nicht ermittelt.
[4] Dieser Brief ist derzeit verschollen.
[5] Hier zwei Buchstaben gestrichen.
[6] „par cœur“ = hier „auswendig“.
[7] Ausdruck in Klammern über der Zeile eingefügt.
[8] Op. 70.
[9] Op. 55.
[10] Op. 62.
[11] Hier drei Buchstaben gestrichen.
[12] Vgl. Spohr an die Académie des Beaux-Arts, 11.02.1849.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (24.02.2026).