Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 12ten Januar 1849.
Ihr liebevolles Schreiben vom 19t v.M., mein innigst verehrtester Freund! und die damit verbundenen unendlich gütige MusicalienSendung ist bis jetzt ohne den Ausdruck meiner herzlichesten Dankverehrung geblieben, – was ich freundlich zu entschuldigen bitte! –
Jetzt bitten wir zugleich um die Erlaubniß Ihnen wie Ihrer theuren Frau Gemahlinn den frischestesten, – auch durch keine leidige Mode-Grippen verpönten Apetit für die beygehenden Magen-Prüfer aus Herzensgrunde wünschen zu dürfen! –
Auch kann ich nun referiren, daß Kömpel Ihr 9tes Concert, – ein recht eigentliches Meisterwerk! – am 2t wiederum par coeur1 gar wohl gelungen vorzüglich gut ausgeführt wurde; – namentlich die wirklich bezaubernd benutzten Blas-Instrumente so wohl präcis als glockenrein; – so daß die ganze Ausführung unter billiger Berücksichtigung des Concertsaales eines Provinzial-Städtchens sicherlich Ihnen Selbst wahre Freude gemacht haben würde, wie die immer ausgezeichneteren Leistungen Ihres dankbaren Schützlings; – dem noch in dem so schweren letzten Satze unerwünschte Gelegenheit zu Darlegung großer Besonnenheit u Geistesgegenwart überkam, durch Platzen der Gsaite gerade im letzten Tacte der erstmahlichen „Verzweiflungs-Scene“, – wie ich mit Ihrer Erlaubniß das mächtig ergreifende auf dem tiefen h einsetztende 2te Thema des Rondo’s bezeichnet mögte! – Ungeachtet seines unwillkürlichen Zusammenfahrens bey dem Knall der platzenden Saite blieb ihm Besonnenheit genug, um das Ausfallen des eben angestrichenen ais bey dem Buchstaben F dem Orchester zu überlassen u mit Blitzes Schnelle mittelst zweyer mächtiger Schritte rückwärts zum Orchester Krüger’s Geige gegen die seinige einzutauschen, u damit so rechtzeitig wieder auf seinen erhöhten Piedestal2 zu stehen, daß Er mit der sofort aufschließenden „himmlichen Beruhigungs-Scene“ – (wie ich den wahren Friedens-Bothen dieses so wohl thuend contrastirenden Solo-Satzes nenne mögte) – in ihrer3 ganzen zahrten Mildheit fortfahren konnte, als sey nichts störendes vorgefallen! – Und das in einem so großartig complicirten Werke ohne Noten im 1st Jahre mögte wohl nicht häufig noch gemacht werden! – frappirte allerdings auch allgemein, nachdem bey dem Knall der Saite ein mehrfaches leises „Ach!“ der sich näher für ihn interessirenden Damen zu hören gewesen war. –
Das Concert war wieder sehr besucht, und außer den zahlreichen Abonnenten 56 Billette verkauft, – (zu freylich nur 8 sgr.) – so daß das zu Vermeidung von Kerzenleuchtens-Gefahren um stark 2 Schritte vorgeschobnen erhöhte Piedestal der Solo-Spieler von vorn wie zu beyden Saiten von eleganten Zuhörerinnen der benachbarten Güter ganz umsessen war; was aber alles in seiner musterlich ruhigen Haltung ihn nicht genirte. –
Für das nächste Concert, – am 23st d.M. – haben wir Vorgestern Abend hier Ihr iites Concert für Kömpel, u in 2ter Abtheilung Variationen für 2 Violinen von Kalliwoda für ihn u Krüger hie(?) bestellt(?), welche wenigstens eine ungleich bessere Composition zu seyn scheinen als die am 7t in der Noth gewählten Doppel-Variationen von Maurer; u in ihrem Genre selbst ungleich besser, als des ersteren mich doch arg gelangweilt habende pompös hiezu stellende Cdur-Symphonie endloser Fermaten! –
Zu Eröfnung der beyden Abtheilungen werden am 23st d.M.4 die „Fidelio“- und „Nachtlager“-Ouvertüre zur Aufführung kommen; in dem wir die geneigtest gesandten „Alruna“-Ouvertüre für das folgende Concert, – 6t Februar, – aufzusparen wünschen, vorangehend dem alsdann endlich zuzugestehenden Bériotschen großen hmoll-Concerte, Op. 32; welches, um der Abwechslung willen, mit der Alruna-Ouvertüre schon für den 23t d.M. eigentlich bestimmt war. [Vor allem aber wünscht man allgemein Ihre berühmte Jessonda-Ouverüre herbey! – Krüger hat sie in Hannover mitgespielt, u meint daß sie sie zwingen würden – daher für den Versuch, ob sie ge[???] von der Oper zu erlangen steht, nach Hannover geschrieben ist. –]5 Man ist ja aber von einer Woche zur andern nie mehr sicher, welche stürmende Welt-Ereignisse, – zu Mahl für Militair-Musik-Corps, – plötzlich dazwischen treten können! – u da wollte ich doch vor Allem gern noch Ihr herrliches iites Concert erst in Schönheit bringen; um welches schon im März v. J. die Gesellschaft durch die Einsprache des Nordheimer „patriotischen“ Pöbels geprellt wurde! –
Ihr gar gütig uns gesandtes 1tes Doppel-Concert haben Kömpel u Krüger Vorgestern hier ebenfalls gespielt, u wenn gleich vorzüglich eine sehr schwere Passage des letzten Satzes einstweilen noch viel zu wünschen übrig läßt: so denken sie doch durch Fleiß zu Stande zu bringen. Krüger wünscht aber, es bis zum letzten Concerte – am 6ten März, – verschoben zu sehen; u es fragt sich also, ob Sie, mein verehrtester Freund! so unbescheiden lange es entbehren mögen? – indem entgegengesetzt die beyden Principal-Stimmen zum Fort-Einstudiren rasch abgeschrieben seyn würden, und Sie das sofort zurückzureichende Werk dann etwa 10 Tage vor jener Aufführung behuf(???) auch der Orchester-Proben uns abermahl zugehen zu lassen geneigen mögten – ? –
Ihnen wie Ihrer genialen Frau Gemahlin mit meiner Frau auf das herzlichste mich empfehlend, so innig als dankbar
Ihr wärmster Verehrer
CFLueder.
Der Frau von Malsburg wird ein Wurst-Schachtelchen direct zugehen, wenn gleich nothgedrungen für den Augenblick ohne Begleitschreiben. –
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Kömpel, August Krüger, Friedrich Wilhelm Malsburg, Caroline von der Spohr, Marianne |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Fidelio Bériot, Charles-Auguste : Konzerte, Vl Orch, op. 32 Hesse, Adolph : Sinfonien, op. 55 Kalliwoda, Johann Wenzel : Sinfonien, op. 60 Kalliwoda, Johann Wenzel : Varitationen, Vl 1 2 Orch Kreutzer, Conradin : Das Nachtlager in Granada Spohr, Louis : Alruna Spohr, Louis : Jessonda Spohr, Louis : Konzerte, Vl 1 2 Orch, op. 48 |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1849011235 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollnen Brief Spohr an Lueder, 19.12.1848. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 03.02.1849.
[1] „par cœur“ = hier „auswendig“.
[2] Hier für „Podest“.
[3] „ihrer“ über gestrichenem „früheren“.
[4] „am 23st d.M.“ über der Zeile eingefügt.
[5] Ausdruck in Klammern am unteren Seitenrand eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2026).