Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 17ten December 1848. 

Erlauben Sie, mein innigst verehrtester Freund! mir Heute eine lediglich musicalische Relation und Bitte! – 
Kömpel hat in dem aus der ganzen Umgegend über aller Erwartung stark besuchten 1st Nordheimer Abonnements-Concerte am 8t d.M. so wohl das Vieuxtempsche große Fis-moll-Concert als Ihren wundervollen Jessonda-Pot-pourri wirklich vortrefflich par cœur1 gespielt. Wenn gleich aber die ihn ebenfalls glücklich gelingenden so zu sagen halb berechnenden Passagen u blendenden Momente jenes Concertes das Erstaunen des überfüllten Saales hervorriefen: so brachte doch Ihre ebenso Melodie- als bravour-reicher Pot-pourri bey weitem mehr Enthusiasmus u eigentlicher Entzücken: u allgemein sprach man laut sich darüber aus, wie diese „Art Musik“ so ohne allen Vergleich viel „wohlthuender u Gemüth-erquickender“ sey; – wenn gleich sie dieses Mahl den Nachtheil zu überwinden hatte, daß ihr bereits 7 zum Theil lange Pieçen, – z.B. die 3 Sätze des Vieuxtemps-Concertes für nun gezählt, – vorhergegangen waren, u also das Publicum weit abgespannter war2 als bey jenem, Nro 2 bildenden Concerte. – 
Dieses hat mich als ein Beweis des mehr u mehr geläuterten Geschmacks dieses unseres Publicums um so mehr erfreut, als wir im vorigen Winter das blinde Drängen nach „modernem Style“, wie sie es nannten, oft nur schwer abzuwehren vermogten; u daß Festhalten an dem Grundsatze, das jedes Concert mindesten eine Ihrer durch u durch gediegenen Compositionen bringe, ganz selbes seinem Antheil an der Läuterung u Fortbildung dieses besseren Geschmackes hatte; was denn um so mehr erleichtert, auch in diesem Winter bey solchem Grundsatz zu beharren. – Für das nächste Concert, Sonntag den 7t k.M., haben wir Gestern für Kömpel in 1sten Abtheilung Ihr grandioses 9tes Concert, u in 2ter Abtheilung für ihn u Krüger Gestern hier probirte recht ansprechende Variationen für 2 Violinen, mit Orchester, von Maurer bestimmt. 
Zunächst erlaube ich mir nun die Frage, ob Kömpels Meinung begründet ist, daß von Ihrem 9ten Concerte eine Pianoforte Begleitung noch nicht vorhanden sey? – Bachmann in Hannover hat eine3 solche gegen Order nicht mit gesandt; u wenn sie wirklich noch nicht existirt: so soll Kömpel sich sofort darann machen, sie aus den Orchesterstimmen zu arrangiren; was ihm auch von dem Bériotschen h-moll-Concerte recht wohl geungen ist. – Da Er öffentlich am liebsten freystehend ohne Noten-Pult spielt, u das Publicum dafür bey ihm nun ein Mahl doch schon verwöhnt ist: so ist mir denn doch beruhigender, zu mehrerer Sicherheit ihn stets erst am Piano die Aufgabe ohne Anstoß wiederholt lösen gehört zu haben! – (Sein Muth, Ruhe u Besonnenheit bey dem übrigen bescheidenen öffentlichen Betreten seines isolirten erhöheten Podestes frey vor dem Orchester, ist wirklich wunderbar! – Er ist nun gewandter, fröhlicher, und unbefangener scherzend, als auf der Fahrt zum Concert!) – 
Da nun die Violine-Doppelsachen hier sehr geliebt werden, u die Cavallerie-Officiere auch für ihren Krüger, die Uebung u Ehre des öffentlichen Spiel’s mit Kömpel sehr zu schätzen wissen: so mögten wir wohl gern ein Mahl versuchen, ob Krüger ‘s großer Fleiß u Talent selbst wohl eines Ihrer prachtvollen Doppel-Concerte mit Kömpel mögte einstudiren können? – u würden Sie daher unendlich verpflichten,4 wenn Sie dasjenige derselben, welches Sie dafür am geeignetesten halten mögten, für solchen Versuch, – NB. ohne irgendwelche Entbehrung für dortige etwaige Zwecke, – ausleihen könnten und wollten? – 
Noch Gestern Abend wieder haben dieselben durch einige Ihrer herrlichen Duetten also gespielt, daß ich auf der vorhandenen Grundlage reiner Intonation bey Krüger‘s rastlosem Fleiße u Bestreben sich fortzubilden, sein erträglich gelingende Lösung auch solcher Aufgaben fest erhoffen mögte. – 
In dem Verzeichnisse des Russen, dessen interessantes Schreiben zu übersetzen Sie mir erlaubten5, war auch ein „Double-Rondo concertant. Op. 88“ aufgeführt. Ist das etwa eine 3te Pieçe für 2 Violinen: so wäre dessen Ihnen vielleicht convenirende geneigteste Mittheilung uns um so willkommener, als Kömpel in einem der Concerte das Beriotsche h-moll-Concert wird spielen müssen, für welchen Abend dann eine solche Rondo-Form für 2 Violinen recht passlich seyn würde. – 
Sodann bemerkte ich über die jetzigen einschlägl. Orchester-Kräfte, daß z.B. im letzten Concerte Weber’s Oberon-Ouvertüre, und ferner Reissiger’s Ihnen gewidmete Concert-Ouvertüre recht rein, präcis, u mit Geschmack excecutirt wurden, besonders die ersteren zu großem allgemeinem Wohlgefallen. – Darann mögte ich nun die Frage knüpfen, ob ein dieses gut vollbracht habendes Orchester auch Ihre „Concert-Ouvertüre im ernsten Style“, – die ich eine Ouvertüre zur „Braut von Messina“ hätte nennen mögen,6 – gemachte zu erachten seyn mögte? – Oder ob Sie eine Ihrer herrlichen Opern-Ouverturen dafür geeignet erachten u solchen Falles uns zu leihen geneigen mögten. Für nächstes Concert ist Kalliwoda’s C-dur Symphonie mit bestimmt worden. 
An Ihre Orchester-Compositionen hat man sich aber bisher noch nicht gewagt! – 
Wir haben 4 ganz tüchtige 1ste Geigen, drey 2te, 2 Bratschen, 2 Violoncell u 1 Contra-Baß, u dann noch 11 Personen, ziehmlich ein jeder mehrseitig zu gebrauchen, für Holz- u Blech-Blasinstrumente. – Darnach mußten um z.B. in der Oberon-Ouverture die Alt- u Tenor-Posaunen unbesetzt bleiben, deren einige Mahle unentbehrliche Einstöße Krüger in die dabey gerade unbeschäftigen beyden Trompeten gelegt hatte, u.s.w.; – allerdings aber fürchte ich, daß dergl. Auswege bey Ihren Compositionen, in denen auch jede Begleitungs-Stimme zugleich meistens Eigen-Melodie-führend ist, etwaiger thunlich seyn werden; u doch mögten wir den Versuche um des herrlichen Zieles willen gern ein Mahl wagen! – 
Die Orchester-Begleitung Ihres Jessonda-Pot-pourri war durchaus gelungen zu nennen; u wie gesagt diese herrliche Pieçe von Machtvollem Effecte auf die ganze Versammlung. – Wohl mögte ich anheim geben, die selbe alldort doch zunächst nicht zum Vortrag bringen zu lassen; um sie für Kömpel’s etwa gelegentliches dortiges Wieder-Auftreten aufzusparen! – Er spielte sie sehr schön. 
Und endlich erlaube ich mir, auch wieder um vier a-Saiten, zu den erhaltenen Stücken passend, Ihre große Gefälligkeit anzurufen! – So quintenrein und haltbar wie die durch Ihre liebevolle Auswahl erhaltenen Saiten, sind solche anderweit gar nicht zu treffen! – ich erlaube mir zu derartigen Abrechnungen um so mehr itzt hier anzulegen, als es Sie vielleicht ergötzt, solches unser neuestes Gepräge zu schenken; auch welchem das sonst übliche „v. G. G.“ (von Gottes-Gnaden!) – vor dem „König von Hannover“ ohne Verneigung über die Maaßen lächerlicher [???] darüber kurz und gut weggelassen ist! – Auch ist die Aehnlichkeit des martialischen Kopfes frappant. – 
Unter den besten Wünschen Ihnen wie Ihrer theuren Frau Gemahlin uns herzlichst empfehlend 

Ihr 
dankbarster Verehrer 
CFLueder.



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 07.12.1848. Spohr beantwortete diesen Brief am 19.12.1848.

[1] „par cœur“ = hier „auswendig“.

[2] „war“ über der Zeile eingefügt.

[3] „eine“ über der Zeile eingefügt.

[4] Hier fünf Wörter gestrichen.

[5] Demnach reichte Lueder den Brief Grigory Stepanovich Tarnovsky an Spohr, 29.03.1846 zur Publikation ein (vgl. -d-, „Ein Brief an Spohr aus dem Inneren Russlands“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 49 (1847), Sp. 131ff.).

[6] So Lueder bereits in seinem Brief an Spohr, 05. und 06.02.1844.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.02.2026).