Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 7ten December 1848.
Höchst und innigst verehrtester Freund!
Zufällige wirthschaftliche Fügungen haben ein 2tes Einschlachten also beschleunigen lassen, daß Ihnen ein Pröbchen davon am Ende zu früh kommt, um diesem ländlichen Producte einigen Reitz der Neuheit zu Hülfe bleiben zu lassen, und doch wollten wir Sie nicht gern um eines dieser wirthschaftl. Erz.(???) daher verkürzen; davon nicht wohl zu ändernde unpassliche Folgereihe ich daher freundlicher Nachsicht empfehle! –
Auch Sie, mein verehrtester Freund! werden uns der bisherigen weiteren Entwickelung des im ersten Augenblicke überrascht habenden energischen Einschreitens der Preußischen Regierung mit Befriedigung ersehen haben, daß denselben „Reactions-Gelüste“ einer vermeintlichen „Potsdamer Camarilla“1 (die denn doch auch gar zu kurzsichtig wären um glaubhaft zu seyn) – einstweilen doch nicht zum Grunde liegen, sondern die äußerste Nothwendigkeit würklicher Nothwehr gegen maaßlos verbrecherische Hetzereyen der Theils verblendeten, aber Theils in eigentlichen Kern u Untergrunde auch gewissenlos-selbstsüchtig-böswillige Agitatoren; – eine redliche Nothwehr, deresn energische Entwickelung zu den ernstesten Pflichten der Regierung gegen den eigenen Staat wie selbst gegen ganz Deutschland zu gehören angefangen hatte.
Denn daß die2 dazu geführt habenden Verhältnisse in der Wirklichkeit trotz aller entgegengesetzten Zeitungsschreyereien also vorlagen, ist doch nun genugsam erwiesen durch die Wirkung welche diese Maaßregeln nach Vorübergang der ersten Ueberraschung in Berlin selbst wie durch das ganze Land hervorgerufen haben. – Wollte man auch die mehr als 1500 Beypflichtungs-Adressen mit mehr als 300,000 Unterschriften, – und darunter die Achtungswerthesten Corporationen und Einzelne-Namen selbst vorhinniger Opposition, – wollte man das auch als leere Worte betrachten: so sind denn doch mehr als Worte die von so vielen Gemeinden und ganzen Kreisen eingegangenen Offerten, resp. 3-6 namentlicher u3 vorjähriger Steuer-Vorauszahlungen, – von der Corporation der Schlesischen Gutsbesitzer sogar gesteigert zu Offerte von zwey Millionen Thalern. – Gewis ist das Rechts-Bewußtseyn jetzt zu allgemeinen der ganzen Natur verbreitet u leider zu viel Mißtrauen durch die rastlosen Agitatoren angewandt, als daß dieser Umschwung nun öffentlicher Billigung dieser Regierungs-Maaßregeln aus allen Landestheilen den entgegenstrebenden Hetzereyen zur Antwort durch irgend welche Mittel zu erreichen gewesen wäre, wenn nicht eben das Rechts-Bewußtseyn die allgemeinere Erkenntnis deren endliche Unvermeidlichkeit dem besseren Theile der Nation aufgedrungen hätte. –
Wenn nun aber auch die, von der selbstsüchtigen Speculation äußerster resp. Verblendung u Bosheit in das Land geschleuderte „Brandfackel“ der vermeintlichen Steuer-Erhebungs-Verweigerung an dem gesunden Sinn das tüchtigen Preußen-Volkes auf ein so eclatante Weise verlöscht ist, daß sogar das Gegentheil der verreichten Absicht dadurch bewirkt, u das allgemeinere Vertrauen durch die wieder zu Tage gekommen entschlossenen Festigkeit der Regierung zunächst also gestärkt worden ist, daß die Preußische 3½% Staatsschulscheine innerhalb der letzten 8-10 Tage um 73/8% stiegen: so ist und bleibt die über unserem armen Deutschlande schwebende allgemeine Gefahr, wie ich nur zu sehr fürchte, doch immer deselbe!
Denn das Reich der Lüge u die selbstsüchtige Bereitwilligkeit der gewissenlosesten Benutzung jedesmal so niederträchtigen Mittels für Erreichung des endlichen Zündens der in das Land zu schleudernden „Brandfackeln“ ist um so schwerer zu behaupten, als die Nation und mit ihr wir Alle verlangen, daß der Kampf gegen diese machtlosen Agitationen ein streng maaßvoll gehaltener bleiben, und also die Waffen beyder Lager, – des Lagers des allgemeinen Umstrrzes und des Lagers der Aufrechterhaltung gesetzlicher Ordnung und öffentlicher Sicherheit, – sehr ungleich sind! – nicht zu gedenken der stets obschwebenden Gefahr eines aus dem, allem Hervorgefunden u vorzugsweise gerade unser Deutschland verheerenden Europäischen Krieges! – u wie schwer alle diese Vorahndungen mein Gemüth unbeherrschbar belassen in grauenvoller Reiminiszenz der Kriegsjahre habe ich recht lebhaft u wehmüthig Gestern in einer der Proben des morgenden Concertes empfunden, von selbst die durchweg wundervolle Instrumentirung Ihres Jessonda-Potpourri doch meine Aufmerksamkeit von jenen Zerstörungsbildern menschlichen Wahnwitzes nicht ganz abzuziehen vermogte, so gediegene Grundlage u Anziehung solcher Aufmerksamkeit4 gleich die ersten Tacte der wunderbar reitzend sich verschlingenden canonartigen Pizzicato-Begleitung auch darbiethe! –
Doch – die Post drängt, u die Würstel dürfen nicht altern! – Meine Frau wünscht Ihnen wie Ihrer theuren Frau Gemahlin mit mir den frischesten Apetit dafür! – Innigst
Ihr
wärmster Verehrer
CFLueder.
G.N.S. Absicht war, Ihrer verehrten Frau Tochter5 dort ein Paar Würstel zu adressiren – da fehlt es durch mir unbekannt geblieben andern Verwendung wiederum an der dafür erforderlichen kleineren Schachtel! – Dürfen wir bitten Ihrer lieben Frau Tochter mit unsern herzlichsten Empfehlungen etwas davon zukommen lassen zu wollen? –
Bey gelegentlicher Communication würden Sie mich durch die Erwähnung verpflichten, was ein Maezelsches Metronom kostet, u wo zu haben; – für Kömpel Studium mögte ich auch dessen Akquisition danken. –
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : Potpourris [über Themen aus Jessonda], Vl Orch, op. 66 |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848120735 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 04.12.1848. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 17.12.1848.
[1] Vgl. z. B. Wrangel. Sein Armee-Befehl und die enthüllte Kabinets-Politik von Sansouci, Berlin 1848, S. 9.
[2] Hier gestrichen: „dazu“.
[3] „u“ über der Zeile eingefügt.
[4] Hier gestrichen: „auch“.
[5] Ida Wolff.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.02.2026).