Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 4ten December 1848.
Höchst und innigst verehrtester Freund!
Allerdings konnte eine anziehendere Einladung zu Ihrem Parnaß nicht eingehen, als Ihre liebevolle Benachrichtigung vom 1st d.M., daß Ihr „Berggeist“ – Ihr 11tes Concert – die Eroica, – der zur äußersten Seltenheit gewordenen Genuß eines Mozartschen Pianoforte-Concertes in meisterlicher Ausführung, – und einer der über alles reitzenden Quartett-Abende bey den liebenswürdigen von Malsburg’s, – alles innerhalb weniger Tage zu erlangen stehe! –
Wenn aber auch mein ganzes Gemüth durch die endlosen politischen Stürme u die nicht zu verkennende Gefährdung aller Civilisation unseres anscheinend sich überlebt habenden Körpers weniger ergriffen und weniger abgezogen von der Verfolgung derartiger Genüsse wäre: so würde doch die nun ein Mahl wieder übernommene Theilnahme von dem Directorio unserer Nordheimer 5 Abonnements-Concerte mein Davonreisen in dieser Woche, die auch gerade das erste solcher Concerte zu bestehen hat, mehr als unschicklich gegen die einschlägliche Gesellschaft erscheinen lassen! –
Auch hat Kömpel leider einen recht üblen Fall auf unserer Burg-Treppe vor einigen Abenden davon getragen, dessen Knie-Verwundung meine eigne Ueberwachung mir zur Pflicht macht, daß namentlich auch Proben und Concert dieser Woche so wohl hinsichtlich der Fahrten dahin, als hinsichtlich der übrigen Anstrengungen dafür, gegen Verschlimmerung gesichert bleibende Einrichtung und Begränzung inne halten. –
Aufrichtig gestehe ich, daß ich auch der Herbeyführung dieser hiesigen Abonnements-Concerte für jetzt nur mit wahrem inneren Widerstreben mich wieder angeschlossen habe! – Es wirkte dabey aber zunächst die Erkennung meiner Pflichterfüllung gegen solchen unseren derzeitigen Pflegling mit; dem die Uebung des Solo-Spiels in jedem solchen Concerte und deren Proben von zweyfellos wesentlichem Nutzen für seine Fortbildung ist, auf Ihrer so liebevoll ihm gewährten gediegenen Grundlage dafür.
Ich hatte nach Weimar an Liszt geschrieben, um unter Beyfügung meiner Absicht Ihres so umfassend empfohlenden Zeugnisses zu versuchen, ob allda vielleicht eine Anstellung für ihn zu erreichen sey. Liszt schreibt mir aber, daß bey dem besten Willen dafür man unter den eingetretenen Zeitverhältnissen allda wie in jeder anderen Residenz sich schon glücklich zu schätzen habe, wenn man nur die schon vorhandenen Mitglieder der Kunst-Institute beyzubehalten vermöge! – Ein kleiner Anfang denn wenigstens der herrlichen Zustände und der Beförderung von Kunst und Wissenschaft, welche die viel gerühmten und berühmten Volksbeglücker in immer weiterer Entwickelung uns zu bringen in Begriffe sind! –
Die Post drängt! – und doch mögte ich nicht gern auch Heute sie fortlassen ohne meinen herzlichsten Dank für Ihre lieben Schreiben und die abermahls so liebevolle Bemühung der Saiten-Auswahl für Ihren dankbaren Schüler und Schützling, mit gleichzeitiger Erläuterung meiner Versäumniß Ihres seit so lange schon mir ein Mahl wieder herbeygewünschten „Berggeistes“ Ihnen auszusprechen. – Der Eindruck dessen leider nur ein Mahl erreichter Aufführung war ein so tiefer und lebhafter, daß selbst die anziehenden Einzelheiten des herrlichen Werkes auch nach so langen Jahren mir noch unverwischt sich erhalten haben! –
Innigst und unwandelbar
Ihr
wärmster Verehrer
CFLueder.
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Kömpel, August Liszt, Franz Malsburg, Caroline von der Malsburg, Wilhelm von der |
| Erwähnte Kompositionen: |
Beethoven, Ludwig van : Sinfonien, op. 55 Spohr, Louis : Konzerte, Vl Orch, op. 70 Spohr, Louis : Der Berggeist |
| Erwähnte Orte: |
Kassel Northeim |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848120435 |
Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 01.12.1848. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 07.12.1848.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.02.2026).