Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Catlenburg am 22ten November 1848. 

Indem, mein innigst verehrtester Freund! Ihre so liebevoll beschleunigte Sendung der Saiten seit 16t August unerhörter Weise noch ohne Dankverehrung geblieben ist: so wollen Sie freundlich das, theilweise wenigstens, den überhaupt unerhörten Zeitverhältnißen in Rechnung stellen; die immer von neuem wieder sehnlich wünschen ließen, vor Ergreifung der Feder in Freundes-Correspondenz täglich erwartete weitere Entwicklung eben eingetretener unerhörter Catastrophen erst noch eintreten zu sehen u beruhigter berühren zu können! – Es ist aber leider von Stufe zu Stufe nur schlimmer u schlimmer, verwickelter u verwickelter, wilder u wilder geworden! – u es bleibt kaum noch etwas anderes übrig, als sich in Verwirklichung der Voraussicht mehr und mehr zu ergeben, die gleich bey der ersten Kunde Februar-Aufjähung des Pariser Höllen-Rachens mir klar vor Augen trat, – teuflische Zurückschleuderung um ein Paar Jahrhunderte ganz vorzugsweise unseres armen Deutschland‘s in Kunst und Wissenschaft aller Civilisation überhaupt! –
Heute nun durchbricht dieses unwillkürliche Verstummen die lang entbehrte Freude, Ihren, mein höchst verehrter Freund! ein Pröbchen der Hinterlassenschaft des ersten erstochenen Wurst-Schweinchens dieser Saison mit unserem sehnlichen Wunsche präsentiren zu dürfen, daß Ihnen und Ihrer theuren Frau Gemahlinn frischer Apetit dafür „der beste Koch“ seyn möge! – 
Auch meine Herstellung ist nun, – nach Verbannung aller äußerlicher Einwirkungen – so weit vorgeschritten, daß mir doppelte Ueberwindung kostet, solche Niedersächsische Lieblings-Speise mir noch zu versagen! – Und dennoch fehlt aller Muth die nun wieder erträglich gangbaren Beine zu einer Wallfahrt nach Ihrem heiteren Parnaß zu benutzen! – 
Ohne daß ich’s beherrschen kann, mögte ich in der nicht zu verscheuchenden Vergegenwärtigung so vielen Jammer’s unmittelbar hinter uns, u noch so viel unabsehbar größeren Unglückes nahe voraus, mehrtägige Erheiterungs u Vergnügung-Reisen selbst als eine leichtsinnige Versündigung empfinden! – und Einsamkeit ist mir mehr Bedürfniß als in irgend einem Stadio meines ganzen Lebens! – 
Selbst für die Wiederbelebung der Nordheimer Abonnements-Concerte irgendwie mich mit zu interessiren, habe ich nicht ohne innern Kampf u Ueberwindung endlich nachmahlicher Gestriger Deputation einstweilen zugestanden. – Da das so fleißige Garde-Cürassier-Musikcorps auf 22 Mann erhöht ist, und unter den jetzt anwesenden Officiren u deren Familien mehrere wirklich ausgezeichnete resp. Gesangs- Violine- u Pianoforte-Dilettanten und Dilettantinnen hinzutreten: so wären für ein so kleines Städtchen, unter auch Kömpel’s Mitwirkung, allerdings ungewöhnlichere Mittel für diese Concerte augenblicklich beyeinander, wenn man nur innerlichen rechten Muthe Lust für deren Benutzung haben u so allgemeine Zuhörer-Theilnahme, wie vor dem unheilvollen 22sten Februar, dafür herbeyzaubern könnte! – das erste derselben ist Gestern dann auf 6t k. M. festgestellt, u wird Kömpel darinn im 1st Theile das Fis-moll-Concert von Vieuxtemps, u im 2t Theile Ihren wundervollen Jessonda-Potpouri par coeur vortragen. – Doch dürfte vor Allem solche seine Uebungen nicht unberücksichtigt lassen! – Vielleicht bestätigt das aber das aus Nebenrücksichten gleichsam zwangsweise1 zu besuchende Concert u dessen schon jetzt beginnende Probleme bey mir u anderen das alte Sprüchwort: „L’appétit vient en mangeant!“2 – denn wenngleich in dieser fortwährend sich steigernden politischen Spannungen der Gedanke an Musik u ihre auch socialen Freuden mir fast wehmüthig-widerwärtig3 geworden ist: so gewährte mir doch Gestern hier in aller Stille der Vorgestern von Kömpel u Krüger fleißig einstudirte u recht gelungene Vortrag Ihrer wahrhaft großartigen Duetten Op. 67, – ich möchte sagen wider meinen Willen! – so fesselnden als großen Genuß! – u rief von neuem den sehnlichen Wunsch in uns allen hervor, daß Sie, großer Meister! doch noch einige Meisterwerke dieser Gattung der Welt vermachen möchten! –
Kömpel’s Fleiß erfordert schon wieder neue Saiten! – u verwöhnt durch Ihre unbegränzte Gefälligkeit, wage ich, von neuem Ihre wohlwollende Vermittelung wiederum gleich vortreflicher Auswahl von 8 Stück E-Saiten zu erbitten, welche nach letzten Preis-Verhältnisse = 1 x(?)4 kosten würden; den ich daher zu Ersparung der Ihnen doch wohl etwas unbequemen Erholung durch Postvorschuß gleich hier anzulegen mir erlaube. Wäre aber etwa deren Preis gesteigen: so bitte ich den Mehrbetrag von der Post entnehmen zu wollen. 
Meine Frau empfiehlt sich Ihnen u mit mir Ihrer theuren Frau Gemahlin unter den besten Wünschen auf das Herzichste! – 
Innigst und unwandelbar 

Ihr 
wärmster Verehrer 
CFLueder. 

Sind Herr und Frau von Malsburg jetzt wiederum dort heimisch und in erwünschtem Wohlbefinden? – In diesem zu erhoffenden Falle, dürfen wir vielleicht noch die alte Bitte hinzufügen, der liebenswürdigen Kunstbeschützerinn ein Päckchen der beygehenden Winter-Erstlinge mit unseren herzlichsten Empfehlungen überreichen lassen zu wollen! –

Autor(en): Lueder, Christian Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Kömpel, August
Krüger, Friedrich Wilhelm
Malsburg, Caroline von der
Malsburg, Wilhelm von der
Spohr, Marianne
Erwähnte Kompositionen: Vieuxtemps, Henri : Konzerte, Vl Orch, op. 19
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Musikkorps des Garde-Kürassier-Regiments <Northeim>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848112235


Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief 16.08.1848. Spohrs Antwortbrief vom 01.12.1848 ist derzeit ebenfalls verschollen.

[1] Hier drei oder vier Buchstaben gestrichen.

[2] „Der Apetit kommt beim Essen“ (frz.).

[3] Hier gestrichen: „ist“.

[4] Falls richtig transkribiert, Abk. f. „Kreuzer“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.03.2026).