Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Catlenburg am 6ten Juli 1848.
Innigst verehrtester Freund!
Gestern Abend traf ich bey Hrn Engelhard in Albrechtshausen die durch seine verehrte Frau Mutter eben bey ihm eingegangene erfreuliche Nachricht Ihrer glücklichen und mannigfach befriedigten Rückehr von Frankfurt, mit der doppelt erfreulichen Zugabe der freundlichen Absicht, bey Gelegenheit einer Harz-Reise mit Ihrer theuren Frau Gemahlinn auch uns Ihren lieben Besuch schenken zu wollen, wenn ich für dessen Empfang endlich wieder auf den Beinen sey! –
Leider war nach dem Postenlauf nicht mehr möglich, gleich Gestern noch den Ausdruck der herzlichen Freude Ihnen zuzurufen, welche so erwünschter Plan uns schenkt! –
Allerdings muß ich Ihre Beyderseitige freundliche Benachrichtigung meines nothgedrungen noch gar sehr sedentairen1 Verhaltens in allen socialen Beziehungen im voraus in Anspruch nehmen! – indessen habe ich doch während der letzten 8 Tage, mit Ausnahme eines einzigen Tages, bis 9 Uhr Abends aufseyn können, ohne von eintretenden Schmerzen zu schon früherer Stunde – zu Loche(???) getrieben zu werden! – deren etwaige Mahnung ich allerdings stets sofort zu respectiren habe, wenn ich nach üblen Gefahren nicht Gefahr laufen will, vielleicht selbst wochen-lang wiederum ganz von den Beinen zu kommen! –
Mein erster Gedanke war die Proposition, insofern Sie etwa auch nach Braunschweig zu gehen gedächten, die Harz-Bereisung und den uns so herzlich beglückenden Besuch rückwärts eintreten zu lassen; in der Hoffnung, als dann schon wiederum noch weiter vorgerückt zu seyn um Gang- u Marschfertigkeit. – Bey weiterer Ueberlegung muß ich aber leider erkennen, daß nach früheren Verzögern gar leicht durch Recidiren es auch umgekehrt kommen könnte! – u am sichersten ist, schon jetzigen Zustand – als mindestens in weiten intervallen immer vel quasi [???]keit – für die vorangehende Freude dieses Ihres lieben Besuches dankbar zu benutzen! – Welche Richtung Ihrer Hierreise aus dem vielleicht auch noch die verdoppelte Freude gewährt, nach mündlicher weiterer Verabredung 2 auch auf der Rückehr aus unserm heymathlichen Gebirgen noch wieder einige Tage Sie hier in ländlicher Ruhe zu besitzen! –
Als ich von Hr Engelhard bey dessen erstem Besuche hörte, daß eine halb u halb projectirte Harzreise uns vielleicht die Freude Ihres Besuches bringen könnte, erforderte ich von Hannover in eventum Ihre sämmtlichen Duo’s für 2 Violinen; – ich habe sie aber noch nicht erhalten, u wir besitzen davon nur das höchst interessante Heft Op. 67; – u zwar nur geschrieben aber gut geschrieben. – Vielleicht haben Sie von Ihren Meister- und Muster Duetten noch sonst einiges zur Hand, was ein Plätzchen im Wagen fände? –
Auch von Ihren reitzenden Sachen für Piano u Violine ist augenblicklich – wie wohl ich3 mehreres davon selbst mehrere Mahle besessen habe, nur der Potpourri über Mozartsche Thema’s vorhanden; u auch die Piano-Begleitung der Gesang-Scene; – und die des wundervollen Jessonda-Potpourri; welchen Kömpel vielleicht für Prüfung seiner weiteren Tourine Ihnen würde vortragen dürfen, wenn Ihre4 geniale Frau Gemahlin ihn durch dessen Begleitung etwa5 beglücken wollte! –
Hoffentlich bringt denn umgehende Post uns die frohe Verkündung des Tages Ihrer Hierkunft! – deren geneigteste Voransendung unserem gegenseitigen Interesse in einigen Beziehungen ersprießlich erscheint. –
Ihnen beyderseitig mit meiner Frau für Heute mich auf das herzlichste empfehlend, so innig als dankbar
Ihr wärmster Verehrer
CFLueder.
Nachschrift: Eben wir uns die Freude des Einganges Ihres lieben Schreibens vom gestrigen Tage, u ich öffne daher diese Zeilen wieder um hin zu zu setzen: mindestens eine [???] Mahl „Willkommen.“ Dann also zu Montag gegen Mittag!! –
Daß Ihre Weiter-Reise schon zu Dienstag Morgen etwa durch andern bereits feststehende Vorausbestimmungen u etwaige Verabredungen des Zusammentreffens mit Freunden oder Verwandten wirklich unabänderlich: so hoffen wir denn wenigstens auf einige Tage bey Ihrer Rückreise! –
Die Post drängt! – Innigst
der Ihrige
CFLueder.
An das gar anziehend proponirte schon vorwegehende Zusammentreffen in Goettingen darf ich leider nicht denken!! – Herr und Frau MskDrtr. Wehner bitte ich mich herzlich zu empfehlen. –
| Autor(en): |
Lueder, Christian Friedrich |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Engelhard (Katlenburg) Kömpel, August Spohr, Marianne Wehner, Arnold Wehner, Pauline |
| Erwähnte Kompositionen: |
Spohr, Louis : Duos, Vl 1 2, op. 67 Spohr, Louis : Konzert in Form einer Gesangszene, Vl Orch, op. 47 Spohr, Louis : Potpourris, Vl 1 2 Va Vc, op. 24 |
| Erwähnte Orte: |
Braunschweig Göttingen Katlenburg |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1848070635 bitlx |
Dieser Brief beantwortet in der Nachschrift den derzeit verschollenen Brief Spohr an Lueder, 05.07.1848. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Lueder an Spohr, 13.08.1848.
[1] „sedentär oder -tärisch, sitzend, bes. sedentäres Leben, Sitz oder Sessel-Leben“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörtebuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 423).
[2] Hier ein Wort gestrichen.
[3] „ich“ über der Zeile eingefügt.
[4] Hier ein über der Zeile eingefügtes Wort gestrichen.
[5] „etwa“ über der Zeile eingefügt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.05.2025).