Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Sr. Hochwohlgeb.
dem Herrn Hofkappelmeister
Dr Louis Spohr
in
Kassel.
franco.
Kitzingen am 11ten Sept. 1847
Hochzuverehrender Herr Kappelmeister!
Vor Allem muß ich Ihre gütige Verzeihung, hochverehrtester Herr Doktor, für mich in Anspruch nehmen, daß ich mir die Freiheit nehme, an Sie zu schreiben. Ich würde dieses nicht gewagt haben, wenn es nicht das Wohl u das Fortkommen einer äußerst wackern Jünglings, eines sehr talentvollen, eifrig strebsamen, jungen Künstlers, Ihres trefflichen Schülers, August Kömpel, beträfe. Derselbe hat nun, seit er Ihre väterliche Leitung entbehrt, des Lebens Ernst u Ungemach schon1 bitter empfinden müssen. Im Bad Brückenau gab er Konzert mit schlechter Begleitungm zwar von Sr. Majestät aber sonst schlecht besucht. Sein Vater, der ihm überhaupt schon manchen Querstreich gemacht hat, glaubte die Concert Angelegenheit fördern zu können u. ließ zu diesem Behuf das von Ihnen austeltte Zeugniß2 von Hand zu Hand gehen – an Ende war das Dokument, wahrscheinlich durch einen Autographen-Sammler, verschwunden u kam auch nicht wieder zum Vorschein. Über diesen Verlust ist der gute Mensch untröstlich u. doch untersteht er sich nicht, selbst an Sie zu schreiben, da er die unbegränzteste Pietät gegen Sie hegt, durch ein Geständniß zu betrüben glaubt. Ich unternah, es nun, da er schon mehrere Wochen bei mir auf Besuch ist u auch noch länger bleibt, mir überdieß sein Schiksal sehr am Herzen liegt, seine Stelle zu vertreten u Sie in Kömpels Namen ergebenst zu bitten, ihm ein zweites Zeugniß über seine Tüchtigkeit auszustellen u solches unter meiner Adresse gefälligt hierher senden zu wollen. Kömpel hat nach dem Brückenauer Konzert in Würzburg eines gegeben u da3 mit äußerst großen Beifall gespielt4 – aber kaum die Kosten herausbringen können, denn man empfahl ihm einen Bänder, der Musikdirektor dort ist, an mich – wir konnten ihm zu einigen Louisd’or verhelfen – die aber bald darauf wieder darauf gingen da er mit Vater reiste – am Ende mußte er sogar in einem Landstädtchen Frack u Hose im Stich lassen – das ich aber, nachdem ich ihn drang, mir sein Anliegen zu eröffnen, sogleich wieder auslöste. Sein Vater ist nun nach Hause – er ist bei mir, spielt Klavier, Violin, komponirt u arrangirt und Abends werden5 nun 8-10 Uhr Spohrsche oder Beethovensche Quartetten gemacht. In der nächsten Woche wird sein Conzert seyn u ich hoffe es wird gut ausfallen. Er spielt mit leidenschaftlicher Liebe Ihre Kompositionen. Ich begleite gewöhnlich mit Piano. Heute Abends erste Probe über das Doppel-Quatuor Op 65, das wir hier noch nicht zur Aufführung brachten –. Mit Nächstem wird August nach Werthheim zum Fürsten Löwenstein gehen. Ich erwarte noch von dorther Briefe. –
Indem ich schlüßlich nochmals um gütige V[er]zeihung6 bitte u Ihnen ein herzliches Lebewoh[l] zum Segen und Heil der göttlichen Tonkunst zu zu rufen mir erlaube, bin ich mit tiefgefühltester Hochachtung
Ihr
Sie über Alles verehrender
Christian Hamm,
Stadtorganist an d. ev. Kirche
dahier.
Kitzingen bei Würzburg.
./.7
| Autor(en): |
Hamm, Christian |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Bänder (Würzburg) Kömpel, August Kömpel, Georg |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Brückenau Kitzingen Würzburg |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1847091143 |
Vermutlich handelt es sich bei dem Zeugnis vom 13.09.1847 um das in diesem Brief erbetene neue Zeugnis für August Kömpel.
[1] „schon“ über der Zeile eingefügt.
[2] Vermutlich Zeugnis von Spohr für August Kömpel, 13.05.1845.
[3] „da“ über gestrichenem Wort eingefügt.
[4] Vgl. „Würzburg, 12. August“, in: Neue Würzburger Zeitung 13.08.1847, nicht paginiert.
[5] „werden“ über der Zeile eingefügt.
[6] Textverlust durch Siegelausriss.
[7] Bei dem Zeichen „./..“ handelt es sich um einen freimaurerischen Zusatz zur Unterschrift (vgl. Philippe A. Autexier, Lyra Latomorum. Das erste Freimaurerliederbuch. Masonica über Haydn Mozart Spohr Liszt, pdf-Version nach dem Typoskript im Deutschen Freimaurermuseum Bayreuth, S. 339f. und 348).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (26.07.2024).