Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochverehrter Herr Hofkapellmeister!

Das Gerücht verbreitet sich in Wien allgemein, daß Sie in diesem Herbste hierherkommen und sogar ein größeres Werk Ihrer Composition zur Aufführung bringen werden. Es ist mir in meiner Stellung sehr wünscheswerth darüber Gewißheit zu erhalten, um so mehr, als ich bereits schon von vielen Seiten darum gefragt furde, und zulezt doch der hiesigen Musikwelt eine zuverläßige Nachricht schuldig bin, die ich jedoch erst dann in meiner Zeitung bekanntgeben werde, wenn ich Gewißheit, und zwar von Ihnen selbst Hochverehrtester Hr Hofkapellmeister erhalten habe. Bei der Gelegenheit kann ich nicht umhin Sie zu benachrichtigen, wie sehr man sich, falls sich das Gerücht in der That bestätigt, mit Ihrer Auskunft freut. Wir wollen Sie nicht nun als einem hochberühmten Tondichter, wie wollen Sie als einem alten lieben Freund aus früherer Zeit bewillkommnen; sind Sie ja doch einmal Einer der Unsrigen gewesen.
Zum Schluß erlaube ich mir noch eine Frage welche eine Angelegenheit berüht, die für das hiesige Publikum ja auch selbst für Sie nicht so ganz unwichtig ist. Vor länger als einem Jahre ist ein junger Mensch Namens Conrad Löffler aus Berlin nach Wien gekommen, der sich für einen preuß. Pensionär ausgab. derselbe ist als musikal. Journalist u endlich als Componist hier aufgetreten. Als ersterer zeigte er sich bald als unverschämter Plagiator1, und da und hier als Musikus sich noch niemals gezeigt, sondern nur die2 Compositionen von Andern aufführen ließ, so erheben sich nunmehr von verschiedenen Seiten schwere Zweifel, daß er diese Compositionen endlich selbst gar3 geschrieben habe4, Zweifel, die beinahe zur Gewißheit geworden. Man wäre übrigens diesem Subjekte längst auf den Leib gerückt, wenn nicht jedeer ausgesprochene Zweifel, von ihm sogleich mit einer Copie eines ihm von Ihnen ausgestellten Zeugnisses niedergeschlagen würde; denn Sie können sich wohl vorstellen, daß es hier Niemand wagen wird eines Ausspruch von Ihnen Hochverehrtester Hr Hofkapellmeister offent entgegen zu treten. Den Umstand jedoch daß Löffler immer nur eine Copie des Zeugnisses vorweist, und die Form des Zeugnisses selbst, das in einem so unbedingt lobenden Weise abgefaßt ist, wie man sie sonst in Ihren Zeugnissen nicht findet, gibt der Vermuthung Raum, daß es auch mit diesem Zeugnisse nicht so ganz richtig seyn möchte. Ich kam daher dem Wunsche vieler hiesiger Künstler und Wahrheitsfreund nach, wenn ich Sie ersuche mir in Bälde gütigst bekanntgeben zu wollen; ob Sie überhaupt je Hrn L. ein Zeugniß ausgestellt, und wenn, in welcher Form dieses geschehen.5
Entschuldigen Sie Hr Hofkapellmeister, daß ich Sie mit einer solchen Bitte belästige, allein die Wahrheit und die durch solche Umtriebe beeinträchtigte Kunst, vor allen aber die Ehre des Publikums von Wien das durch einen solchen Eindringling aufs gröblichste mystifizirt worden machen mir diesen Schritt zur unabweislichen Pflicht.
Indem ich mich Ihrem geneigten Wohlwollen empfehle verharre ich achtungsvoll

ergebenst
Dr August Schmidt Rdkt. d. Allg Wr Musikztg

Wien am 29 August 1846.

Autor(en): Schmidt, August (Wien)
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Löffler, Conrad
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1846082947


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Schmidt an Spohr, 24.05.1839. Spohr beantwortete diesen Brief am 05.09.1846.

[1] Vgl. Franz Gernerth, „Wie Herr Konrad Löffler seine musikalischen Ausflüge unternimmt. Eine sinnige Betrachtung“, in: Wiener allgemeine Musik-Zeitung 6 (1846), S. 385f.

[2] „die“ über der Zeile eingefügt.

[3] Hier ein Wort gestrichen („wohl“?).

[4] Vgl. August Conradi, „Wie Hr. Conrad Löffler das gesammte Wiener Publikum durch die öffentliche Aufführung einer fremden Symphonie zu mystificiren versuchte“, in: Wiener allgemeine Musik-Zeitung 6 (1846), S. 437f.

[5] Dieses Zeugnis ist auch erwähnt in einem Brief von Schmidt vom gleichen Tag, abgedruckt in: Ferdinand Gumbert, „Eine geraubte Symphonie. Erinnerung an August Conradi“, in: Neue Berliner Musikzeitung 30 (1876), S. 226-229, hier S. 227 sowie „Kapellmeister Wahrlieb’s Wiener Opernbriefe“, in: Allgemeine Theater-Chronik 15 (1846), S. 386f., hier S. 387; zu Löffler als angeblichen Schüler Spohrs und Mendelssohns vgl. „Hr. Konrad Löffler“, in: Allgemeine Theaterzeitung 38 (1845), S. 1140).

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.08.2022).