Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Monsieur
Monsieur Spohr
Maitre de Chapelle de S.A.R.1
L’Electeur de Hesse-Cassel
Cassel.


Baden-Baden den 20t July 1845

Hochgeschätzter Herr Kapellmeister
werthester Herr und Freund!

Erlauben Sie mir die Freyheit den Überbringer dieß H. Malibran, Neffe der unvergeßlichen berühmten Sängerin, nebst dessen Frau Ihrer gütigen Aufnahme bestens zu empfehlen.2 – Es sind junge angehende Künstler auf Violin und forte piano, die mir von Strasburg zugewiesen werden, wo3 sie ebenso wie hier4 Concerte gegeben und mit Interesse und Wohlwollen aufgenommen worden sind.
Ihre Reise zu Ihnen geschieht nicht sowohl, um auch in Ihrer Residenzstadt sich hören zu lassen, was in der jetzigen Jahreszeit in jedem Falle wenig Erfolg versprechen dürfte, als vielmehr um Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen und dem großen Meister, der so viele schöne musikalische Werke zu Tage gefördert, ihre Bewunderung und Verehrung zu bezeigen. –
Dieses Bewegungsgrundes wegen glaubte ich auch nicht verstehen zu dürfen den jungen Künstlern dieses Schreiben einzuhändigen, um Ihnen dadurch Gelegenheit zu verschaffen, väterlichen Rath zu ihrem weiteren Fortkommen in der Kunst von Ihnen zu erhalten.
H. Malibran ist ein Abkömmling der Kreutzerischen Schule. Ein gewisser Graf von Saushay5, ein Schüler dieses Meisters, den Sie vielleicht in Paris gesehen, und der allda als einer der ersten Liebhaber auf der Violine bekannt ist, war sein Lehrer. – Er ist ihm von ganzer Seele zugethan, und hat ihm dieser Tage wieder einen schlagenden Beweis davon gegeben, indem er auf einer in Deutschland unternommenen Reise, einen bedeutenden Umwege machte um dem von seinem Schüler hier gegebenen Concert beyzuwohnen. – Dies spricht sowohl für den Meister, wie für den Schüler –
Letzterer hat sich auch schon in der Composition versucht, und uns unter anderm ein ganz niedliches varirtes Schweizerliedchen vorgespielt.
Sie sehen, verehrtester Freund, daß ich alles von dem jungen Manne sage, was ich weiß. Sehr angenehm soll es mir seyn einmal von Ihnen zu erfahren, wie Sie ihn gefunden haben? – Inzwischen empfangen Sie im Voraus meinen innigsten Dank für das was Sie für die beiden jungen Künstler thun werden, nebst der angelegenen Bitte mir meine Freyheit zu verzeihen.
Wie gern möchte ich Sie auch einmal wieder sehen und hören! Wäre nur das Alter nicht da und die Gebrechlichkit nicht schon durch die Thüre gedrungen. Eine große Kluft ist zwischen der Zeit wo wir das Glück hatten Sie in Strasburg zu besitzen6, und den jetzigen Tag ist die Erinnerung noch immer frisch, und keiner der angenehmen Augenblicke, die wir in Ihrer Gesellschaft zubrachten ist uns aus der Seele gekommen. – Manchmal wurde mir sowohl in Paris als Strasburg der Genuß eines Ihrer schönen musikalischen Produkte aufgeführt zu hören! Schon7 öfters fehlte aber bey der Ausführung der seelenvolle Ausdruck der in Ihren Compositionen allgemein herrscht, und ich muß mir Ihren Vportrag dazu denken um das Fehlende zu ersetzen. –
Vieles Gute, aber auch manches Böse haben wir [hier]8 seit dieser langen Zeit erlebt. Sie haben Ihre lie[be Gattin] verloren, was uns sehr wehe that, und sollen sich, [wie] man uns versicherte wieder verehlicht haben. –
Unser Häuflein ist leider sehr zusammen gescmolzen. Meine Mutter starb schon vor 25 jahren. Mein Bruder folgte ihr im 37t Jahre und meine älteste Schwester in 1841! – Nun bleibt mir noch ein Bruder der Major in Hessen-Homburgischen Diensten ist, den Sie aber nicht gesehen haben, und meine letzte Schwester, welche bey mir wohnt. – Seit ein paar Jahren habe ich mich ganz von den Geschäften zurückgezogen, und lebe nun so lange Gott will in dem schönen Bade – Sagen Sie mir nun auch, wie es mit Ihrer Familie steht. Es soll uns alles was Sie betrifft innigst interessiren und mit Begierde gelesen werden. Empfangen Sie und Ihre liebe Familie die erneuerte Zusicherung unserer ausgezeichneten Achtung und warmen Zuneigung

Fried. Rollé

Autor(en): Rollé, Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Malibran, Alexandre
Malibran, Marie Louise
Sauzay, Eugène
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Baden-Baden
Paris
Straßburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845072044


Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rollé an Spohr, 24.01.1847.

[1] Hier gestrichen: „L’”.

[2] Der Empfohlene erwähnt diesen Brief in: Alexander Malibran, Louis Spohr. Sein Leben und Wirken, Frankfurt am Main 1860, S. 174.und 176.

[3] Vgl. „Strassburg”, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 762-765, hier Sp. 764f.

[4] Vgl. „Baden-Baden im August 1845”, in: Wiener-Zeitschrift für Kunst, Literatur, Theater und Mode 30 (1845), S. 767.

[5] Wohl Eugène Sauzay, der als Lehrer Malibrans belegt ist (vgl. „Malibran (Alexandre)”, in: F[rançois] J[oseph] Fétis, Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique, 2. Aufl., Bd. 5, Paris 1863, S. 421), allerdings weder Graf noch Schüler von Rudolph Kreutzer, sondern von Pierre Baillot war (vgl. „Sauzay (Eugène)”, in: ebd., Bd. 7, Paris 1864, S. 407).

[6] Vgl. Malibran, Spohr, S. 25.

[7] „Schon” über der Zeile eingefügt.

[8] Textverlust durch Siegelausriss.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.03.2023).