Autograf: Universitätsbibliothek Kassel-Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel(D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Elis:4
Halberstadt, d 12ten Juni 1845.
Verehrtester und geliebter O. Br.1
Verzeihung, wenn ich erst heute die Feder ergreife, um Ihnen den wärmsten und tiefgefühltesten Dank abzustatten, daß wir Ihr schönes gelungenes Werk, das Vater Unser, haben zur Aufführung bringen dürfen. Die Ursache, weshalb ich erst jetzt schreibe, ist mir die, daß Herr Musikdirector Wolff von Tage zu Tage glaubte selbst so viel Kraft zu besitzen, Ihnen schreiben zu können. Leider geht es mit seiner Besserung sehr langsam vorwärts und noch hüthet er das Bette. Der Arzt hat indeß Hoffnung, daß er noch einmal wieder durchkommt, obgleich er fürchtet, daß das Singen vorbei sein möchte.
Über das Musikfest selbst sprechen beikommende Drucksachen2, deshalb sage ich nur davon, daß es in jeder Hinsicht gelungen zu nennen ist. Der Herr Musikdirector Sörgel hat das Vater-Unser dirigirt und des Herrn Kapellmeisters Schneider vollkommensten Beifall eingeerndtet. Der Letztere wollte Ihr Werk aus dem Grunde nicht dirigiren, weil er dasselbe nicht so genau als Sörgel kannte und weil er fürchtete, es würde nicht gut durchzuführen sein. Er war in der Probe sehr thätig, ließ einzelne Sätze vielmals wiederholen, wanderte durch die Reihen der Sänger und bat die Herrn, welche Ihr Werk nicht recht fest eingeübt hätten, lieber zuzuhören und brachte es dahin, daß endlich er selbst recht zufrieden war. Die Probezeit am 16ten wurde auf pp. Schneiders Wunsch verlängert bis zum Dunkelwerden und am 17ten früh um 7 Uhr wurde die Symphonie und der 67ste Psalm probirt. Schneiders Freude bei der Aufführung über das glückliche Gelingen war sehr gewiß und vielfacht beklagte er, daß Sie diese gelungene Aufführung nicht selbst hätten leiten und hören können, und wir alle bedauern es gleichfalls, daß wir Sie nicht hier haben konnten. Die Soloparthien waren recht gut durch die fürstlich Sondershäuser Kammersänger besetzt und der H. Kapellmeister hatte mit diesen die Sachen vor der Probe recht tüchtig durchgenommen. – Das Publikum ist von der kirchlichen Aufführung sowohl, als auch vom ganzen Feste entzückt, und vielfache Dankadressen und Herzergießungen in öffentlichen Blättern bestätigen dies.3 Nehmen Sie also nochmals den wärmsten Dank aus so vielfach bewiesenen Liebe, darum bittet ganz besonders durch 3 x 34
Ihr
treu verbundener Or. Br.
C. Elis
Ordnungsdirector der Liedertafel.
| Autor(en): |
Elis, Carl |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Schneider, Hermann Sörgel, Friedrich Wilhelm Wolff, Hermann |
| Erwähnte Kompositionen: |
Schneider, Friedrich: Psalm 67, op. 102 Spohr, Louis : Vater Unser, WoO 70 |
| Erwähnte Orte: |
Halberstadt |
| Erwähnte Institutionen: |
Liedertafel <Halberstadt> Sängerfest <Halberstadt> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845061246 bitlx |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Elis an Spohr, 06.05.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Elis an Spohr, 16.09.1853.
[1] Abk. f. „Ordens-Bruder“.
[2] Noch nicht ermittelt. Vermutlich nicht mitgeschickt, weil bei Spohr als bekannt vorauszusetzen:
H. Sattler, „Großes Gesangfest in Halberstadt“, in: Neue Zeitschrift für Musik 23 (1845), S. 7f. und 15f. Vgl. außerdem „[Am 16. Mai war großes Sängerfest in Halberstadt]“, in: Kölnische Zeitung 24.05.1845, S. [3].
[3] Hier gestrichen: „vielfach.“.
[4] Freimaurischer Gruß (vgl. Isaak Salomon Borchardt, Der Weg zum Studium der Freimaurerei und Grundlage zur Vereinigung aller Logensysteme des Freimaurer-Ordens, Berlin 1850, S. 117f. und 132).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.11.2023).