Autograf: Universitätsbibliothek Kassel-Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel(D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287[Elis:3

Halberstadt, d 6ten Mai 1845.

Den herzlichsten deutschen Sängergruß zuvor!

Endlich ist es mir vergönnt, Ihnen für die Überschickung der herrlich geschriebenen Partitur u einen innigsten, brüderlichsten Dank abzustatten, welches ich schon früher gethan habe1 würde, wenn nicht der Herr Musikdirector Wolff selbst hätte schreiben wollen. Leider ist derselbe aber seit 3 Wochen so krank geworden, daß für sein Aufkommen, wenigstens zum Sängerfeste, welches den 15 u 16ten d. M. Statt findet, keine Hoffnung ist. Am Sonnabend hatten wir die zweite Probe mit vollem Orchester und freuten wir uns recht herzinnig, daß unsere Liedertafel (120 Sänger) recht wacker das schöne Vater-Unser durchführten und alle wieder Hoffnung schöpften, daß wir auch ohne Wolff Ehre damit einlegen würden. Wir wissen nun noch nicht bestimmt, wer dirigiren wird, obgleich der Musikdirector Sörgel in Nordhausen dies thun muß, weil er der Musikdirector des Constantia-Sängerbundes ist. Herr Kapellmeister Dr. Schneider hat uns geschrieben, daß er mit seinen 3 Söhnen zum Sängerfeste kommen wolle und seinen 67ten Psalm dann selbst leiten, worüber wir uns alle herzlich freuen, bedauren aber, daß nicht auch die Eisenbahnverbindung zwischen hier und Cassel stattfindet, damit wir auch auf das Glück, Sie hier zu sehen, hier gastlich und liebevoll aufnehmen zu können, rechnen dürften! Wie leid thut es uns, daß wir nicht Mittel genug besitzen, Ihnen Reisekosten und Honorar anbiete zu können, damit wir Sie so zu belohnen im Stande wäre, wie Sie es verdienten und wie wir es gern möchten.
Über die herrliche, großartige Composition des Vater-Unsers sind alle Sänger entzückt und der eine, laute, innige Wunsch, Sie um die Ehre zu bitten, Sie2 künftig unser Ehrenmitglied nennen zu dürfen, sprach sich allgemein aus und ich, als Organ der Gesellschaft, bitte Sie inständigst, beikommendes Patent gütigst annehmen zu wollen. Unser Sängerkreis wird sich stets bestreben, Ihnen Ehre zu machen, damit Sie sich gern auch als unser Ehrenmitglied nennen. Die goldene Lyra wird bei allen Zusammenkünften, aber vorzüglich bei Sängerfesten getragen, weshalb wir so frei sind, dieselbe Ihnen beizulegen. Nehmen Sie alles in dem Sinn auf, wie wir es geben, dann sind wir überzeugt, daß wir uns Ihre Wohlgewogenheit erhalten.
Mit aller Hochachtung empfehle auch ich mich Ihrer ferneren brüderlichen Liebe und bin durch 3 x 33

Ihr treuergebener Or. Br.4
C. Elis
Ordnungsdirector der Liedertafel.

Autor(en): Elis, Carl
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Schneider, Friedrich
Sörgel, Friedrich Wilhelm
Wolff, Hermann
Erwähnte Kompositionen: Schneider, Friedrich: Psalm 67, op. 102
Spohr, Louis : Vater Unser, WoO 70
Erwähnte Orte: Halberstadt
Erwähnte Institutionen: Liedertafel <Halberstadt>
Sängerfest <Halberstadt>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845050646

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Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Elis an Spohr, 13.01.1845. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Elis an Spohr, 12.06.1845.

[1] Sic!

[2] „Sie“ über der Zeile eingefügt.

[3] Freimaurischer Gruß (vgl. Isaak Salomon Borchardt, Der Weg zum Studium der Freimaurerei und Grundlage zur Vereinigung aller Logensysteme des Freimaurer-Ordens, Berlin 1850, S. 117f. und 132).

[4] Abk. f. „Ordens-Bruder“.
 
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (30.11.2023).