Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hochverehrter Herr Hofkapelmeister!
Aus weiter Ferne erlaube ich mir Ihnen ein Lebenszeichen zu geben, und hoffe daß diese Zeilen Ihnen und Ihrer theuren Familie in bester Gesundheit antreffen möge. In den musikalischen Zeitungen lesen wir ja mit großen Vergnügen von Ihnen – von Ihrem außerordentlich regen Geiste – von neuen Triumphen Ihrer neuesten Oper „Kreuzfahrer“:
Gewiß auch wir werden dieselbe bekommen!
Meine Hauptabsicht meines Briefchens ist eigentlich: um Ihnen, verehrter Herr Kapelmeister eine jugendliche Sängerin zu empfehlen, die Ihnen angemeldet werden wird: Fräulein Hager (Tochter des H. Regimentsarztes Dr. Hager in Breslau). Selbige ist hier von Mosevius u. später dann in Wien von H. Gentiluomo vorzugsweise zum Theater gebildet worden. Sie hat eine wunderbare tiefe Stimme (bis e kl. Octave) ohne alle Anstrengung – hat aber auch viel Umfang in der [Höh]e. Ihre Rollen in Breslau waren: Irene in Belisar – Pieretto in Linda u. Agathe im Freischutz. In Königsberg. Amine in Sonambula. Elvira i. d. Stummen Isabelle in Robert. Desdemona Othello u. s. w. Amazili in Jessonda.
Sie ist hier mit vielem Glück aufgetreten und ich möcht gar zu sehr wünschen, daß Fr. Hager unter Ihre Aegide käme, wo sie nur lernen kann. Sehr befreundet mit Hagers möchte ich ein gar kräftiges Fürwort bei Ihnen verehrtester Herr Kapelmeister einlegen: – daß dieselbe vielleicht mit Engement1 in Kassel reussire. – Künftigen Sommer hoffe ich endlich – Ihnen meinen Besuch abstatten zu können u freue mich herzlich, Sie von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Hesse empfiehlt sich Ihnen demfalls. Er war ganz trostlos daß die neue Orgel in Paris abgebrannt.2
Die Oper Johanna d’arc von Hoven3 ist hier mehr durchgefallen.
Gar zu mittelmäßig, gar zu wenig Selbständigkeit in der Composition.
Meine ergebenst herzlichen Empfehl. an Ihre verehrte Familie begrüßt Sie in Hochachtung und Anhänglichkeit
Ihr
treu ergebener
Ernst Koehler
Ober-Organist
Breslau den 8ten April
1845.
| Autor(en): |
Köhler, Ernst |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Gentiluomo, Giovanni Hager, Maria Hesse, Adolph Mosewius, Theodor |
| Erwähnte Kompositionen: |
Bellini, Vincenzo : La sonnambula Donizetti, Gaetano : Belisario Meyerbeer, Giacomo : Robert le diable Rossini, Gioachino : Otello Spohr, Louis : Jessonda Spohr, Louis : Die Kreuzfahrer Vesque v. Püttlingen, Johann : Jeanne d'Arc Weber, Carl Maria von : Der Freischütz |
| Erwähnte Orte: |
Breslau Paris |
| Erwähnte Institutionen: |
Stadttheater <Breslau> Stadttheater <Königsberg> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1845040844 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Köhler an Spohr, Mai 1839.
[1] Sic!
[2] Vgl. „[Bei dem neulichen Brand der Kirche St. Eustache]“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 47 (1845), Sp. 78.
[3] „Staatsrath Vesque v. Püttlingen, der sich, die beiden letzten Silben des Namens Beeth-hoven benutzend, als Componist Hoven nennt – (warum nicht ,Beet‘?)“ („Zeichen der Zeit“, in: Repertorium für Musik 2 (1845), S. 123f., hier S. 123; vgl. Johann Vesque von Püttlingen (J. Hoven). Eine Lebensskizze, Wien 1887, S. 60).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.06.2026).