Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hochzuverehrender Herr Kapellmeister!
Seit 1838. glänzt Ihr hochgefeierter Name in dem Verzeichnisse der Ehrenmitglieder des hiesigen Musikvereins Euterpe. Die sehr freundliche und wohlwollende wie für den Verein sehr ehrenvolle Weise, mit welcher Sie damals das Diplom der Gesellschaft entgegengenommen haben, ermuthigt mich, der ich die Ehre habe dem Verein als dessen Director vorzustehen, Sie mit einer künstlerischen Angelegenheit zu behelligen, welche mit dem interesse der Euterpe im Zusammenhang steht.
Vor zwei jahren trat zuerst in den Concerten der Euterpe die 13jährige Tochter des hiesigen Buchhändler Herrn Zirges öffentlich mit einem Violin-Solo auf.1 Sie lenkte dadurch so sehr die Aufmerksamkeit auf ihr Talent, daß ihr seitdem noch mehrmals die Gelegenheit gegeben wurde, sich hören zu lassen2, namentlich spielte sich auch im Dresdner Theater und in Präsenz vor den allerhöchsten Herrschaften mit Beifall.3 – Das junge Mädchen bekundet durch ihre Leistungen, nach meiner innigsten Ueberzeugung und der Aller, welche an ihrem Streben Interesse nehmen, eine wahren künstlerischen Beruf. Aus ihrem Spiele spricht eine tiefinnige4 Seele, welche in aller Hörer Herzen An- und Widerklang findet. Demungeachtet ist sie noch keine Concertspielerin im Sinne der neusten Zeit, wo die unerhörtesten Kunststückchen das Wesen der Virtuosität ausmachen sollen, sie ist auch wohl weniger berufen in dieser Art Virtuosität manchen Andern gleich zu thun. Aber ihr musikalischer Fonds ist wohl ein tüchtigerer, es muß sich der Gedanke aufdringen, daß sie eine Theilhaberin der edlen und allein wahren Virtuosität, deren Repräsentant Sie, verehrtester Mann, sind, werden könnte, wenn Sie selbst sich entschließen könnten, sich des talentvollen Mädchens lehrend und berathend anzunehmen.
Das ist denn auch der Gegenstand des gegenwärtigen Vorwortes, welches mit mir gewiß viele Künstler und Kunstfreunde an Sie zu richten bereit sein werden. Freilich ist die Erfüllung der Bitte des Mädchens und ihres Vaters mit großen Schwierigkeiten verbunden. H. Zirges ist ein in jeder Beziehung sehr achtbarer hiesiger Bürger, aber selbst seine tüchtigsten und vielfachsten Bestrebungen haben ihn nicht eine bürgerliche Lage erlangen lassen, welche ihm möglich machen würde,5 die Ausbildung seiner Tochter die Mittel aufzuwenden, welche namentlich zu Erlangung vorzüglicher Lehrer erforderlich sind. Der Lehrer, welcher bisher Hortensia unterricht und geleitet hat, mit Eifer und Liebe, H. Hartung ist zwar ein recht tüchtiger hiesiger Violinist; allein daß er den höheren Anforderungen an das Violinspiel irgend zu genügen vermöge, läßt sich nicht behaupten. So würde am Ende das Mädchen ungeachtet ihres hervorstehenden Berufes für die Kusnt verloren gehen müssen, wenn nicht ein Künstler, wie Sie es sind, sich ihrer Ausbildung in uneigennütziger Absicht annimmt. Geschehe aber dieß, – und der Ruf Ihrer Humanität rechtfertig die Hoffnung, daß Sie Ihre Hülfe nicht versagen werden – so dürfte auch in Hortensia Ihnen eine dankbare Schülerin erwachsen, die sich gewiß dieses Vereins in jeder Beziehung würdig zu machen bestreben würde.
Ihrem Danke und den ihres würdigen Vaters würde ich auch den meinigen hinzufügen, der ich mit größter Verehrung verharre
Ihr
gehorsamster
Eduard Hermsdorf Advocat,
Director des Musikvereins Euterpe.
Leipzig,
den 2 August
1844.
| Autor(en): |
Hermsdorf, Eduard |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Zirges, Hortensia Zirges, Wilhelm |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Dresden Leipzig |
| Erwähnte Institutionen: |
Euterpe <Leipzig> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1844080247 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Hermsdorf an Spohr, 14.04.1838. Spohr beantwortete diesen Brief am 10.08.1844.
[1] Zu den Konzerten am 28.11.1842 und 23.01.1843 vgl. Bert Hagels, Konzerte in Leipzig 1779/80-1847/48, Berlin 2009, Anhang (Pdf-Datei auf CDRom), S. 1090 und 1096; „[Die Concerte der Gesellschaft Euterpe]”, in: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 178.
[2] Zu einem eigenen Konzert in Leipzig am 22.05.1843 vgl. Hagels, S. 1106f.; [„Hortensia Zirges”], in: Neue Zeitschrift für Musik 18 (1843), S. 210; „[Das Kind Hortensia Zirges]”, in: Signale für die musikalische Welt 1 (1843), S. 165; [„Wir haben auch in Leipzig”], in: Zeitung für die elegante Welt 43 (1843), S. 539.
[3] Vgl. [Wilhelm Zirges], 1793-1851. Skizzen aus einem vielbewegten Leben, Leipzig 1859, S. 97.
[4] Sic!
[5] Hier gestrichen: „für”.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.04.2023).