Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgeb.
dem Herrn Hofkapellmeister
Dr. Louis Spohr –
Cassel

frei.1


Meiningen d. 2. Febr. 44

Liebster Herr Kapellmeister,

Ich muß Ihnen meinen innigsten Dank bringen, daß Sie mich so vollkommen über meine Verhältniße beruhigt haben u. daß Sie dies so schnell gethan haben; – ich war gerade krank gewesen an der Grippe, wie ich bei Gelegenheit des Prume’schen Concerts meinen Aerger mit dem neuen Intendanten2 hatte, – ich hatte meinen Aerger gegen ihn sehr kräftig genehrt, vielleicht war ich in Folge meiner Krankheit noch etwas reizbar, – jedoch war ich nicht persönlich, sondern vertheidigte nur meine Stellung; – ich habe aber leider bei dieser Gelegenheit die traurige Erfahrung gemacht, daß ich mit einem ganz miserablen Sujet zu thun habe, – erst war er, wie ich mich über meine Rechte als Kapellmeister gegen ihn aussprach, unartig, fast grob. – Da ich aber, wenn auch innerlich empört, äußerlich meine Ruhe behaltend ihm kurz sagte die Sache könne hier nicht entschieden werden, sondern müße dem Herzog vorgelegt werden, da verwandelt sich seinee Grobheit so plötzlich in die edelhafteste, empörendste Kriecherei daß ich ihn verachten mußte, – u. obgleich er nun in denselben 10 Minuten erst zugab halb einverstanden mit mir zu sein, u. gleich darauf ganz einverstanden mit mir zu sein, so glaubte ich doch mir – u mit einem so elenden Character es meiner künftigen Ruhe schuldig zu sein dem Herzog die Sache anzuzeigen u. ihn zu ersuchen die Gränzen meines Wirkungskreises seiner Stellung gegenüber genau zu bestimmen; – nach Empfang Ihres lieben Briefes ist das nun ganz wie ich es nur wünschen kann geschehen, – u. genau so daß ich wie früher ganz freie Hand habe. – Es wird hier auch wie bei Ihnen von oben herab nachtheilig auf das Musikwesen eingewirkt, der beste Rath bleibt unbefolgt u. das traurigste ist, daß die Besoldungen unserer Kapellisten so schlecht geblieben sind wie sie immer waren, während das Leben nun sehr viel theurer geworden ist; – ich bin gottlob davon weniger berührt, aber es ist mir schon etwas Schreckliches mit Leuten im Verkehr zu stehen, denen mit ihren zahlreichen Familien es wirklich jämmerlich geht u. nun gar ihre immerwährenden Klagen anhören zu müssen, ohne ihnen helfen zu können! – um eine bessere Zukunft den armen Leuten vorzubereiten habe ich mich bestrebt die Kapelle mit der Militairmusik zu verschmelzen, – aber bis jetzt immer vergebens, – die großen Herrn haben ihre eigenen, ganz eigenen Köpfe. – doch muß ich unsern noch rühmen, daß er wirklich Gefühl für Musik hat u. namentlich für Ihre. – So liebt er besonders Ihre Weihe der Töne; – in voriger Woche war hier die Festfeier der Einführung der Reformation in der Grafschaft Annaberg u. Abends Concert, in welchem ich mir erlaubt habe von Ihrer Symphonie „die Weihe der Töne“ die 3 ersten Sätze zu machen, den letzten Satz weg zu lassen u. mit dem Te Deum laudamus zu schließen, – wenn der Herzog eine Aenderung des Concertprogramm’s vornimmt, so besteht sie gewöhnlich darin, daß er eine Symphonie von Mozart, Schubert, Mendelssohn streicht u. dafür eine Symphonie von Spohr oder Beethoven hinsetzt; – kurz er ist ein großer Verehrer von Ihnen u. das ist für einen Fürsten ein großes Compliment; – Ihre historische Symphonie hat er auch gern. Ihre Doppelsymphonie3 hat er – noch nicht zu Gehör bekommen4, da unser Concert-Saal zu klein, im Theater aber keine Symphonien gegeben werden; uns Musiker hat sie aber sehr interessirt. – Der junge Bott hat hier mit außerordentlichem Beifall 2 Mal, das einemal im Theater, das andermal bei Hofe gespielt, – leider habe ich nicht gehört, durch die Grippe ans Haus gefesselt; – nach ihm war Prume hier, der recht schöne gespielt, mit mehr Eleganz als Gefühl, – ich finde er spielt mehr heuchlerisch als wahr, – überhaupt muß ich Ihnen gestehn, daß von allen berühmten Virtuosen die ich gehört habe, Paganini, Ole Bull, Baillot, Lafont etc. keiner mich so ergriffen hat als Sie, liebster Kapellmeister: – keiner hat einen Ton, der sich dem Ihrigen vergleichen ließe, keiner die Männlichkeit, keiner das wahre Gefühl, die Innigkeit der Seele, die Ihrem Spiel eigen ist. – Unser Violoncellist Metzner, der wirklich sehr ausgezeichnet ist, hat einen Ruf an’s Theater in Magdeburg erhalten, er hat hier nur 400 fl u. würde mit 600 fl hier bleiben, – aber ich glaube kaum, daß man ihm so viel zugestehen wird obgleich ich mich persönlich bei’m Herzog für ihn verwandt habe; – jetzt habe ich meine Plage mit dem widerwärtigsten Theaterchor, das sich nur denken läßt; – es ist eine Tortur die Leute singen zu hören; – so oft habe ich den Herzog gebeten ein Quartett von Sängern anzustellen, das in der Oper mitzuwirken habe; – unser Herzog ist aber zu eigensinnig um eine Idee ins Leben zu rufen die nicht in seinem Kopf entsprungen. – Ich habe schon oft die Idee gehabt Meiningen zu verlassen u. wie ich den Streit mit dem Intendanten hatte habe ich dem Herzog geradezu erklärt, daß ich vorzöge seinen Dienst zu verlassen, ehe ich mir gefallen ließe, daß man5 nur im Geringsten meine Ehre als Mensch u. als Künstler zu nahe trete. – Ich bin jetzt zu dem Entschluß gekommen für diesen Sommer Urlaub zu nehmen, Sie in Cassel zu besuchen, Ihren Rath zu erbitten u. in Hamburg mich zu bestimmen, ob es rathsam nach Meiningen zurückzukehren, od. nicht. – Es thut mir leid, daß ich meinen Dank so vielen Klagen, die [hier]6 zu hören sind, beifügen muß; – jedoch, wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. – Haben Sie gute Nachrichten von Ihrer Emilie? Herzliche Grüße Ihrer lieben Frau Gemahlin. – Meine Emma, die mir ein sehr gutes Weib ist, freut sich ungemein auf Ihre Bekanntschaft, – so wie auf7 die Ihrer Frau Gemahlin. –

Mit dem freundschaftlichsten Gruß
Ihr Sie 
innigst liebender 
Ed. Grund



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Grund. Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Grund, 30.11.1846.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „MEININGEN / 2 FEB 1844“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags befindet sich der stark verwischte Stempel „4 FEB [1844]“.

[2] Adolph von Minutoli.

[3] Irdisches und Göttliches im Menschenleben.

[4] „en“ über gestrichenem „t“ eingefügt.

[5] „man“ über der Zeile eingefügt.

[6] Textverlust durch Siegelaufdruck bzw. Ausriss.

[7] „auf“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.07.2026).