Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hochgeehrter Herr Hof-Kapellmeister und Doctor!

Nachdem ich es unbekannterweise gewagt Euer Wohlgeboren Herrn Drs weltbekannte Herzensgüte und Menschenfreundlichkeit für mich in Anspruch zu nehmen und Euer Wohlgeboren Herrn Dr durch den Herrn Biberhofer zu bitten für mich die Gefälligkeit zu haben, und mir über die Instrumentirung des Magnificat von Francesco Durante sowie die Jubel-Ouverture, über welche beyde Werke ich in öffentlichen Blättern nicht nur schonungslos, sondern sogar gehässig mitgenommen wurde1 – ein gerechtes und unpartheyliches Urtheil wissen zu lassen; ward mir in Euer Wohlgeboren Auftrage durch Herrn Biberhofer die ausgezeichnete Ehre zu Theil um Einsendung der Orchester-Stimmen der Ouverture zu einer gelegentlichen Aufführung ersucht zu werden. Ohne ruhmsüchtig zu seyn kann ich Euer Wohlgeboren Herr Dr nur versichern daß diese Nachricht mir Thränen der Freude entlockte und ich selig in dem Gefühle berumging, daß ein Mann dessen hohen Geist ich seit Jahren in seinen Schöpfungen mit schwärmrischer Liebe und Bewunderung verehre und anbete, daß sage ich Einem solchen Manne ein Werk von mir nicht zu geringfügig nicht zu schlecht war, um es durchzuschauen, was noch mehr, es aufzuführen. Mit dem innigsten Danke für die mir erwiesene ausgezeichnete Ehre nenne ich nur den Wunsch Euer Wohlgeboren persönlich kennen und bewundern zu lernen und bin mit der Versicherung meiner unbegränzten Ehrfurcht Hochachtung und Verehrung
Euer Wohlgeboren Herr Doctor

ganz devoter Carl v Turány
städt. Musicdirector

Aachen am 16 November 843.

Autor(en): Turányi, Carl von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Biberhofer, Eduard
Rahles, Ferdinand
Erwähnte Kompositionen: Durante, Francesco : Magnificat
Turányi, Carl von : Jubel-Ouvertüre
Erwähnte Orte: Aachen
Erwähnte Institutionen: Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843111644

Spohr



Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Turányi, 15.03.1844.

[1] Beim Rheinischen Musikfest in Aachen kamen 1843 Turányis Jubel-Ouvertüre und Durantes Magnificat in seiner Orchestrierung aufgeführt. Turányis Ärger bezieht sich wohl auf Ferdinand Rahles, „Niederrheinisches Musikfest zu Aachen“, in: Kölnische Zeitung 17.06.1843: „Wir […] können nach der Aufführung seines Meisterwerkes nur bedauern, daß Herr Musikdirektor von Turanyi, der dieses Magnificat aufs Neue instrumentirt, nach unserer Ansicht den Geist dieser Composition nicht richtig erfassend, durch überhäufte Anwendung der Blechinstrumente, die Singstimmen beinahe übertönen ließ, besonders, nachdem wir erfahren, daß von dem einsichtsvollen Festdirigenten, dem es leider an Zeit gebrach, diese Arbeit selbst zu übernehmen, Notizen eben so sinnig als zweckmäßig zur Bearbeitung diesesTonstückes mitgetheilt worden, die ganz unbeachtet geblieben sind. Durch diese unpassende Behandlungsart konnte Vieles, leider, nicht so wirken, wie es wohl bei edlerer Behandlung der Fall gewesen sein würde. Dank müssen wir Herrn Reissiger wissen, daß er gewisse Posaunensätze, wodurch diese ehrwürdige Musik beinahe lächerlich erschinen wäre, strich“ (nicht paginiert). Zur Ouvertüre heißt es: „Wären wir gezwungen, sie näher zu besprechen, so würden wir in große Verlegenheit gerathen, denn loben können wir sie nicht, und tadeln – möchten wir sie nicht gern. Wir erlauben uns nur, den Wunsch auszusprechen, daß sie nicht im Drucke erscheinen möge, damit der fünfundzwanzigjährigen Jubelfeier der rheinischen Musikfeste auch etwas Eigenthümliches, in der Geschichte sich nicht wiederholendes gesichert sei.“ (ebd., nicht paginiert). Turányi reagierte mit einem Leserbrief, in dem er Rahles einleitend als „Kunstidiot“ bezeichnete (Carl von Turányi, „An Herrn Musikdirector Rahles“, in: ebd., 27.06.1843, nicht paginiert), worauf Rahles entgegnete: „Ihre an uns […] gerichtete Epistel ist in einer Weise abgefaßt, daß wir bei keinem gebildeten Menschen verlieren würden, wenn wir die Beantwortung derselben unterließen“ („An den städtischen Musikdirector Herrn von Turanyi in Aachen“, in: ebd., 02.07.1843, nicht paginiert). Nur moderate Kritik an der Ouivertüre äußert ohne Erwährnung des Magnificat „Das rheinische Pfingstfest“, in: Neue Zeitschrift für Musik 19 (1843), S. 25-28, hier S. 26; Die Stadt-Aachener Zeitung erwähnt Magnificat („Aachen, 5. Juni“, in: ebd. 06.06.1843, nicht paginiert) und Jubel-Ouvertüre („Aachen, 6. Juni“, in: ebd. 07.06.1843, nicht paginiert) ohne Wertung.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.02.2023).