Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 66 (teilweise)
Inhaltsangabe 1: Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 474 
Inhaltsangabe 2: Moser, Bd. 2, S. 93

Triest, am 10. Juni. 843.

Hochverehrtester Herr Doktor!

Empfangen Sie aus dem Süden meine schönsten und wärmsten Grüße! Kein Erdbeben hat mich herabgeschleudert, sondern der Wunsch mir selbst zu leben, was ich bei meinem halbpolitischen Journal nicht konnte. Eine alte Lieblingsidee, in Italien mir eine kritische musikalische Wochenschrift ins Leben treten zu lassen, wird vielleicht hier eher grün, als in unserm Norden, und so bin ich ganz hier als [???]beamter im Schlepptau der obersten Regierung1, jetzt mit genug Muße versehen, um dem Schönen in der Kunst mein Athemholen zu weihen.
Eben bereite ich den dritten Jahrgang des Albums vor. Das Resultat des Unternehmens war, daß der Verleger in Leipzig2 den gegenwärtigen Jahrgang nicht mehr will. Ich will ihn daher in Wien suchen, denn eingehen lassen mag ich das Album nicht, und sollte ich Schulden machen, um die Auflage zu besorgen! Was will nun unser Publikum? Sehn Sie auch den 2ten Jahrgang an? Die Besten meist mit ihrem besten! und doch keine Käufer! Es gilt durchzudringen, und dem Bäumchen eine Rinde zu verschaffen, d. h. ein gewisses Alter. Am Ende läßt sich das Publikum herbei, an etwas zu glauben, eben weil es Jahre zählt. Zudem haben mich mehrer der stärksten Kräfte Deutschland so ermuthigt, daß ich auch diesmal weder Lust noch Wunsch, auch mein eigenes Metall – so wenig mir auch disponibel zusteht – schonen will, um ein erwünschtes Resultat zu erzielen. Bei diesen Anlaß nun, mein Hochverehrter Herr und Gönner! rufe ich abermals Ihren mächtigen Beistand um Beitrag für das Album auf. Diesmal aber bäte ich Sie um die möglichst beschleunigte Anhersendung des Manuscripts, weil ich erst in Wien meinen ganzen Einfluß geltend machen muß, um irgend jemanden zum Verlag zu stimmen, sollte dies nicht zu Stande gebracht werden, so übernehme ich die ganze Last. –
Mit wahrem Vergnügen gedenke ich das mir unvergeßlichen Tages in Carlsbad, der mich so glücklich machte3, Ihre persönliiche Nähe zu genießen. An diese Erinnerung knüpft sich aber nauch jedesmal der lebendigste Wunsch, solchen Tag erneuern zu können. Wann wird dies möglich werden? – Bei diesem Anlaße bitte ich auch recht sehr, mich Ihrer Frau Gemalin und Fräulein Nichte4 ergebenst zu empfehlen und in gewiße Erinnerung zu bringen.
Schlüßlich wiederhole ich noch meine dringende Bitte, auch Heuer mir Ihre Theilnahme an dem äußerst difficilen Unternehmen liebevoll [???]5, und wo möglich im Lauf der nächsten 2 Wochen post restante Ihre Sendung anhier gelangen zu lassen.
Mit der ausgezeichnetsten Verehrung zeichnet

Euer Hochwohlgeboren
treu ergebener
Dr Rudolf Hirsch

Autor(en): Hirsch, Rudolf
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Wehner, Pauline
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843061045


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Hirsch, 28.08.1842. Da Spohr diesen Brief nicht beantwortete, sandte Hirsch am 10.08.1843 den nächsten Brief.

[1] Vgl. Joseph Weil, „Rudolph Johann Hirsch“, in: Album österreichischer Dichter, Wien 1858, S. 317-330, hier S. 324; auch als Separatdruck: Joseph Weil, Dr. R. Hirsch. Biographisch-kritische Skizze, Wien 1858, S. 10.

[2] „in Leipzig“ über der Zeile eingefügt.

[3] „machte“ über der Zeile eingefügt.

[4] Pauline Pfeiffer, später verh. Wehner.

[5] Hier gestrichen: „zu lassen“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.11.2025).