Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms.Hass. 287

Schlan den 22t Mai 1843

Verehrtester Herr Kapellmeister!

Sie haben meiner Bitte der so großer Güte entsprochen, daß ich mich verpflichtet fühle, Ihnen dafür meinen herlichen Dank zu sagen, und Ihnen zugleich den weiteren Verlauf der fraglichen Angelegenheit mitzutheilen, damit das Endresultat nicht etwa den Verdacht errege, als hätte ich Sie belästigt, ohne von Ihrem Rathe Gebrauch machen zu wollen. Die erledigte Stelle ist nämlich besetzt, u zwar dem Ihnen wohl bekannten Kittl verliehen worden. – So günstig die Meinung ist, die ich in vieler Beziehung, und namentlich, wass seine musikalische Befähigung anbelangt, von Kittl habe, so kann ich doch nicht läugnen, daß es mir leid ist, die Entscheidung gefällt zu haben, ohne daß der Mann, den Sie auf eine so ausgezeichnete Art empfohlen haben, uns näher bekannt geworden ist. Ich habe an H Täglichsbeck geschrieben, u ihn aufgefordert, eine Kunstreise nach Prag zu unternehmen.1 Er war dazu auch nicht abgeneigt, wünschte nur vorher noch verschiedene Auskünfte; nebstbei theilte er mir das Nähere über seine gegenwärtige Stelliung mit, die freilich die Bedingungen, die von2 uns gestellt worden waren, weit überbiethen. Diese in mancher Beziehung höher zzu stellen, wäre zwar nicht unmöglich, eine so gesicherte3 Zukunft, wie die des Herrn T. und seiner Familie in seiner jetzigen Anstellung ist, kann aber freilich ein Verein, dessen Existenz auf jährlichen Beiträgen seiner Mitglieder beruht, nicht biethen. Um so mehr hätten wir es gar nicht wagen können, H T. einen wirklichen Antrag zu machen, ohne wenigstens für die Gegenwart seine Stellung in Prag der in Hechingen gleich zu machen, u besonders ohne ihn, so weit es die Natur des Vereins erlaubt, zugleich lebenslänglich anzustellen. Das konnte wohl die Direktzion nicht ohne ihn persönlich zu kennen; abgesehen davon, daß die jetzige Jahreszeit die ungünstigste ist, um einen Künstler nach Prag einzuladen, hätte das aber nicht geschehen können, ohne die Entscheidung über diejenigen, welche in Folge das Konkurs eingeschritten waren, noch eine Weile hinzuhalten. Dieß alles hat zusammengewirkt, um obige Entscheidung herbei zu führen. – Wenigstens der Vortheil ist hieraus erwachsen, daß meine H Kollegen nun zu der Einsicht gelangt sind, wie unzweckmäßig das System der Besetzung von Lehrkanzeln durch Konkurs ist, – ein System mit welchem uns unsere Regierung ansteckt, obwohl gerade dessen allgemeine Anwendung auf unsere öffentliche Lehranstalten am geeignesten sei sollte, uns von der Verderblichkeit derselben zu überzeugen. – Ich bereue sehr, nicht gleich nach Weber’s Tod, um Ihren gütigen Rath gebeten zu haben; leider fiel es mir nicht ein, ehe in mir eine leise Hoffnung angeregt wurde, daß es möglich sein dürfte, Sie selbst, verehrtester Herr Kapellmeister, für mein Vaterland zu gewinnen. – Freilich wenn das möglich gewesen wäre! –
Als Professor der Violine ist Mildner angestellt worden, ein ausgezeichneter Schüler unseres Institutes, der Ihnen ohne Zweifel in Kleinwächter’s Hause auch vorgestellt worden ist. – Ihrem freundlichen Andenken empfiehlt sich angelegentlichst mit der Versicherung der aufrichtigsten Hochachtung

Ihr
wahrhaft ergebener
Gf Leo Thun.

Autor(en): Thun, Leo von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Kittl, Johann Friedrich
Kleinwächter, Louis
Mildner, Moritz
Täglichsbeck, Thomas
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Prag
Erwähnte Institutionen: Konservatorium <Prag>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1843052243

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf einen derzeit verschollenen Brief von Spohr an Thun.

[1] Diesen Brief gibt Thomas Täglichsbeck in seinem Brief an Spohr, 26.04.1843 wieder.

[2] „von” über gestrichenem „für” eingefügt.

[3] Anfangsbuchstabe über gestrichenes „G” geschrieben.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.09.2021).