Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287


An Seine Wohlgeboren
Herrn Louis Spohr
Doctor der Musik, Churfürstl. Hessischer
Hofcapellmeister
zu
Cassel1


Hochverehrter Herr und Freund!

Mit dem größten Vergnügen habe ich Ihnen lieben Brief vom 20. März erhalten. Die Zusicherung, daß Sie uns Ihre siebtente Sinfonie2 im künfttigen Jahre zur Ausführung anvertrauen und uns Partitur und Stimmen senden wollen, entzückt mich; ich nehme Ihr gütiges Versprechen mit dem größten Danke an, werde Alles aufbieten, damit die Ausführung des Meisterwerkes würdig sei und kann Ihnen melden, daß der Vereinssaal sich sich an dieser Aufführung ganz besonders eignet, weil über dem Orchester eine Gallerie ist, wo die Soloinstrumente ganz bequem gestellt werden können. Für gute Besetzung kann ich brügen, so wie für sorgfältiges Einüben, und so bleibt mir nur übrig, Sie bestens zu bitten: mir durch Postwagen Partitur und Stimmen bis 15. December d.J. zukommen zu machen. (An Lannoy, Obere Bräuner Straße No 1142 zu Wien.) Wir haben Sie unsern Abonnenten schon versprochen und alle sind darüber entzückt. Der Casselsche Gesandte3 am hiesigen Hofe hat mir neulich sehr viel von Ihnen und von Ihrem neuesten Werke gesprochen und ich rechne diese Unterredung zu den angenehmsten, die ich seit langer Zeit hatte. Wie Schade, daß ich dies Jahr nicht nach Carlsbad komme! So gerne würde ich einige Wochen mit Ihnen verlebt haben! Gestern wurde Rossini‘s stabat mater bei Hofe aufgeführt. Die Italienischen Sänger sangen, Donizetti dirigierte es und zwar ganz nach Rossini’s Angaben, da er es ebenerst vor kurzem zu Bologna in Gegenwart des Verfassers dirigirt hatte. Ich accompagnirte mit und gestehe, daß, so gegeben, mehrere Nummern höchst effectvoll und selbst erhebend sind. Wenn auch nicht nach unsere Begriffen zeigt sich doch da der Mann hat Genie. Indeßen sind, wir wie Donizetti sagt, beide Ausgaben des stabat, das heißt die Hamburger von Cranz und die neuere von Schott, ganz von Rossini; nur hat er fünf Nummern der ersten später verleugnet und dafür 3 neue componirt. Und eben diese neuern sind ganz im Opernstyle. Das alte, wie es für den Canonicus Varela geschrieben worden ist, habe ich aus Paris erhalten, sammt allen Orchesterstimmen und wir geben es vielleicht einmal als Curiosität. Donizetti ist übrig[ens]4 ein wirklich liebenswürdiger Mensch, der seine Fruchtbarkeit nicht höher anschlägt, als sie es verdient. Im Ganzen aber will die Italienische Oper in dieser Stagione dem Publicum nicht munden. Die Concerte dauern aber fort. Meine und unser Aller ergebenste und freundlichste Empfehlung an Sie und Ihre Frau Gemahlin. Ich bin mit herzlicher Verehrung

der Ihrigste
Lannoy

Wien 2. Mai 1842

Autor(en): Lannoy, Eduard von
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Donizetti, Gaetano
Kuefstein, Franz von
Rossini, Gioachino
Varela, Manuel Fernandez
Erwähnte Kompositionen: Rossini, Gioachino : Stabat Mater
Spohr, Louis : Irdisches und Göttliches im Menschenleben
Erwähnte Orte: Bologna
Wien
Erwähnte Institutionen: Cranz <Hamburg>
Schott <Mainz>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1842050245

Spohr



Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Lannoy, 20.03.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist 10.12.1842.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „Grenze Franco“, rechts über dem Adressfeld der stark verwischte Stempel „[2 M]AY [1842]“.

[2] Irdisches und Göttliches im Menschenleben.

[3] Franz von Kuefstein.

[4] Textverlust durch Siegelaufdruck.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (14.12.2021).