Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
An
den Churfürstl. Hessischen
Hof Kapellmeister
Herrn Dr. L. Spohr
zu
Hessen Cassel
franco
incl. [???]1
Königswinter d 21 October 1842
Wohlgeborner Herr
Hochzuverehrender Herr Hof-Kapellmeister!
Meine unbegränzte Hochachtung und Verehrung für Ew. Wohlgeboren, wovon mein Herz ganz druchdrungen ist, macht es mir zu angenehmen Pflicht Ew. Wohlgeboren die Veranlassung zu meinem hiesigen Aufenthalt ergebenst zu eröffnen.
Als ich nemlich zu Siegen vor einigen Monaten voll Sehnsucht nach meinen guten Eltern die ich in einigen Jahren nicht gesehen hatte, zum Besuch meiner Eltern jedoch mit Vorwissen und Genehmigung von Seiten des dortigen Musik-Verstandes hierhin abging, gab ich das Versprechen nach 14 Tagen wieder nach Siegen zurückzukommen weil alsdann, was ich auch mit dem Direktor abgesprochen hatte ein Concert stattfinden sollte. Vorher muß ich noch bemerken, daß mein Vorgänger nämlich der ehemalige Musikdirektor Köber welcher noch da war, mir versprochen hatte die Proben so lange zu leiten, was derselbe auch gethan hat. Ich reißte ab und gab hier mehrere Concerte. Kurz vor Verlauf meiner 14tägigen Urlaubsfrist wurde ich aufgefordert noch mehrere Concerte in hiesiger Umgegend zu geben. Da es meine Zeit nicht erlaubte so versprach ich nach dem Concerte welches ich in Siegen halten mußte nochmals zurückzukehren. Pünktlich reißte ich ab und kam so frühzeitig nach Siegen um noch die GeneralProbe halten zu können, allein es war keine Probe und kein Concert angekündigt und noch nichts in Ordnung, kurz das Concert konnte nicht stattfinden, es wurde daher 8 Tage später festgesetzt. Um nun meinem Versprechen nachzukommen ham ich mir wieder Urlaub und wollte über 8 Tage wieder da sein. Ich reißte wieder nach Hause und Herr Köber reißte mit mir. Hier angekommen beeilte ich mich die Concerte zu arrangieren, allin ich sah voraus daß die Zeit zu kurz war um die 4 Concerte welche ich zugeben versprochen hatte, zu halten. Meine Eltern und ich baten nun den Hr. Köber statt meiner die GeneralProbe und das Concert2 in Siegen zu halten, was er auch fest versprach, ich gab ihm noch Reisegeld und er reißte ab. Er verspätete sich aber auf der Reise und kam hie nach dahin der Musikdirektor der dortigen Schauspielergesellschaft welche gerade da war, die Probe schon geleitet hatte und derselbe leitete auch das Concert.
Köber hatte wir ich bald erfuhr zu Siegen die völlig undwahre und nur von ihm aus einer wahrscheinlich unedlen Absicht verdichtete Angabe gemacht, ich würde nicht mehr nach Siegen zurückkommen, indem mir anderswo eine bessere Anstellung als Musikdirektor angeboten worden sei.
Dieses veranlaßte aber den Siegenschen Musik-Vorstand in die Cölnische Zeitung eine schonungslos abgefasste bittere Bemerkung über mich einrüken zu lassen, worin es sogar hieß, das nemlich ich angeblich aus Königswinter als wenn ich meinen Geburtsort verläugnet hätte.3
Billig hätte sich der Vorstand zu Siegen bei mir nach dem Grund dieser lügenhaften Aussage vorab erkundigen sollen bevor er so schonungslos durch eine öffentliche Zeitung mich so bitter kränkte. Ich reißte auch zeitig nach Siegen und äußerte dem Vorstand mein Befremden darüber. Der Vorstand ließ nun zwar einen 2ten Aufsatz hinsichtlich zu meiner angeblichen Entschuldigung in ein Beiblatt der Cölnischen Zeitung inferiren. Dieser Aufsatz lautete aber so als wenn ich denselben erbeten hätte.4 Beide Aufsätze hatten auch das Misfallen meiner Eltern erregt, und sie bewogen mich zur Niederlegung meiner Stelle in Siegen und Rückkunft zu Ihnen aufzufordern.
Beides ist nun von mir geschehen, und ich bin seit 1 Monat hier, und erfülle meine brüderliche Pflicht, meinen 4 musikcalischen Brüdern zu ihrer weiteren Ausbildung täglich Unterricht zu ertheilen. Im künftigen Jahr erreiche ich d as Militairdienstpflichtige Alter und hätte deshalb auch zum AushohlungsTermin hier sein müssen.
Indem ich Ew. Wohlgeboren für die mir gütigst ertheilten Unterrichtsstunden nochmals meinen gerührtesten Dank darbringe, habe ich die Ehre mich mit der ausgezeichnetsten Hochachtung und Verehrung zu unterzeichnen
Ew. Wohlgeboren ergebenster Diener
Fritz Wenigmann
| Autor(en): |
Wenigmann, Fritz |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Köber Wenigmann, Joseph Wenigmann, Kunigunde |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Siegen |
| Erwähnte Institutionen: |
Musikverein <Siegen> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840102140 bitlx |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Wenigmann an Spohr, 09.06.1842. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Wenigmann an Spohr, 30.03.1852.
[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der Poststempel „KÖNIGSWINTER / 21 10“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „24OCTO[BER]“.
[2] Hier gestrichen: „zu“.
[3] „Der Musicus Herr Wenigmann, angeblich aus Königswinter, welcher seit einigen Monaten die Direction unserer Concerte vertragsmäßig gegen eine jährliche, feste Besoldung übernommen hatte, von einer, ihm auf bestimmte Zeit gestatteten Urlaubs-Reise aber nicht zurück gekehrt ist, vielmehr ein, auf seine Veranlassung vor der Abreise bestimmtes und öffentlich bekannt gemachtes Concert im Stiche gelassen hat, wird hierdurch freundlich ersucht, seinen jetzigen Aufenthaltsort anzuzeigen, damit der Vorstand des Musikvereins Gewißheit darüber erhalten kann, ob er seinen Dienstvertrag einseitig aufzuheben beabsichtige und außerdem im Stande ist, auf mehrseitige Nachfragen hiesiger Eingesessenen die erforderluche Auskunft zu ertheilen.
Siegen, den 10 Juni 1842.
Der Vorstand des hiesigen Musikvereins.“ (Kölnische Zeitung 14.06.1842, nicht paginiert; dass., in: ebd. 15.06.1842, Beilage, nicht paginiert).
[4] „Auf den Wunsch des Concert-Directors Herrn Wenigmann, welcher in Nr. 165 u. 166 dieses Blattes zur Anzeige seines neuen Aufenthaltsorts von uns aufgefordert worden war, machen wir hiermit bekannt, daß derselbe noch früher, als jene Aufforderung zu seiner Kenntniß gelangen konnte, hierher auf seinen Posten zurückgekehrt ist und seine längere Abwesenheit vollständig entschuldigt hat.
Siegen, den 1. Juli 1842
Der Vorstand des Musik-Vereins“ (Kölnische Zeitung 08.07.1842, Beilage, nicht paginiert).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (21.02.2022).