Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner Herr!
Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Ew. Wohlgeboren waren so gütig, mir unterm 4ten März v. J. die Erlaubniß zu ertheilen, Ihnen meine Sinfonie dediciren zu dürfen. Ich habe dazu einen Verleger gefunden und ist dieselbe vor einigen Tagen erschienen1, weshalb ich mich beehre Ew. Wohlgeboren beikommend ein Exemplar mit der ergebenen Bitte zu überreichen, solches als einen geringen Beweis meienr innigsten Dankbarkeit, die ich für Sie fühle, gütigst anzunehmen. Meine größte Belohnung werde ich darin finden, wenn das Werk auch noch späterhin sich des Beifalls Ew. Wohlgeboren zu erfreuen hat, den Sie schont früher die Gewogenheit hatten, auszusprechen.
Ich fühle so ganz wie schwer es fält, sich auch nur eine kleine Bahn zu brechen, es soll mich indeß nicht abschrecken mit Lust u Liebe weiter zu arbeiten. Im hoffnungsvollen Vertrauen, was ich zu Ew. Wohlgeboren hege, wage ich es schon wieder, Ihren gütigen Rath in Anspruch zu nehmen u bitte ich, meine Zudringlichkeit nicht übel zu denken. Ich habe den kühnen Vorsatz gefasst, mich an die Arbeit einer Oper zu machen u bereits den größten Theil2 des 1ten Acts an beiliegendem Texte ausgeführt. Meine Besorgniß, ob die Wahl des Sujet u überhaupt die ganze Anlage des Textes dem Zwecke wohl entsprechen könnte, ist auf einmal so groß gheworden, daß ich mich nicht entschließen kann, weiter zu arbeiten, bevor ich Ihre gütigen Winke hierüber besitze. Der Schluß des Textes ist aus dem Grunde noch nicht fertig, da der Dichter3 desselben tragisch enden will, u was ich so gern vermeinden wüßte. Es scheint mir sonst noch4 manches, namentlich bei den Recitativsätzen in der Dichtung so breit getreten, daß ich glaube, der Musik dadurch nur etwas Langweiliges geben zu können. Es gefällt mir ferner nicht, daß nur eine weibliche Solostimme vorhanden, u meine ich, es könnte der Ulla noch eine Freundin zur Seite gestellt werden. Ob wohl die Scenerie u überhaupt die Decorationen nach Angabe des Dichters so leicht auszuführen seien, weiß ich nicht genau zu beurtheilen u bezweifle solches. Wenn es Ew. Wohlgeboren deshalb einigermaßen sonstige Geschäfte erlauben, mir gelegentlich Ihre Anschrift u einige Winke darüber mittheilen zu können, so würden Sie mich außerordentlich beglücken.
Sehr leid hat es mir gethan, der Einladung zum Aachener Musikfest nicht folgen zu können, indem ich so gerne unter Ihrer Leitung Theil genommen hätte. Meine Hochzeitsreise, welche einige Wochen vorher ging, hatte mich in meinen Arbeiten so zurück gesetzt, daß ich es nicht gerne wagen mochte, bei meinem Fürsten um nochmaligen Urlaub zu bitten.
Ich hoffe übrigens im künftigen Jahre mit meiner Frau auf 8 Tage in Cassel zu zubringen, wo ich denn hoffentlich das Glück haben werde, Ihnen meine gehorsamste Aufwartung machen zu dürfen. Mit der ergebensten Bitte, daß Ew. Wohlgeboren über den fraglichen Text mich späterhin mit einer Anwort5 beehren wollen, verharrt mit der vorzüglichsten Hochachtung

Ew. Wohlgeboren
gehorsamster Diener
W. Attern.

Rheda d 16t August 1840.
bei Wiedenbrück.

Autor(en): Attern, Wilhelm
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Attern (Ehefrau von Wilhelm Attern)
Erwähnte Kompositionen: Attern, Wilhelm : Oper
Attern, Wilhelm : Sinfonien, op. 14
Erwähnte Orte: Aachen
Erwähnte Institutionen: Niederrheinische Musikfeste <verschiedene Orte>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840081640

bitlx


Dieser Brief ist die Antwort auf den derzeit verschollenen Brief Spohr an Attern, 04.03.1839. Spohrs Antwort ist derzeit ebenfall verschollen.

[1] Vgl. O.L., Rez. „W. Attern: Erste Symphonie. Für d. Pfte. zu 4 Händen eingerichtet. Op. 14“, in: Neue Zeitschrift für Musik 13 (1840), S. 193f.

[2] Hier gestrichen: „nach“.

[3] Noch nicht ermittelt.

[4] „noch“ über der Zeile eingefügt.

[5] Sic!

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (17.02.2022).