Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Seiner Wohlgeboren
dem Kurfrüstlich Hessischen General
Kapellmeister
Herrn Herrn Spohr
Doctor ect ect
zu
Cassel
Villa Tronchin bei Schmiedeberg in Schlesien
den 8ten August 1840.
Ew. Wohlgeboren erinnern sich gewiß meiner nicht mehr, aber ich habe die Zeit nicht vergessen wo ich Ihre und Ihrer Frau Gemalin liebenwüridge Bekannschaft machte, und den hohen Kunstgenuß hatte Ihrer beider herrliche Talente auf Violine u Harfe zu bewundern! Erlauben Sie mir Ihrem Gedächtniß die Tage in Berlin und die Stunden die Sie beiderseits im Hause meines Vaters des Grafen von Hagen zubrachten1, zurückzurufen; lange Jahre sind seitdem verstrichen, wir wollen gar nicht nachrechnen wie viele; damals war ich ganz jung, und spielte auch ein wenig die Harfe, und um mich aufzumuntern schenkten Sie mir von Ihren köstlichen Compositionen für dieselbe – ich habe mich bemüth sie zu lernen, habe sie viel gespielt, u dabei immer dankbar das gütigen Gebers gedacht – und heut, wo ich schon seit mehreren Jahren das Harfenspiel aufgegeben habe, möchte ich, ohngeachtet des langen Zwischenraumsw der zwischen dem Sonst, und Jetzt liegt, doch mein gewiß längst vergessenes Bild in Ihr Angedenken zurück rufen, um Ihnen einen jungen Künstler der sich nach Kassel wenden will, zu empfelen, für den ich mich lebhaft interessire. Herr Otto Stotz, der vor 3 Jahren ein Fräulein von Grabonska geheirathet hat, die ich sehr liebe und die mehrere Jahre bei mir lebte, hat einen Ruf nach Kassel zu Gastspiel erhalten auf welches hoffe ich, ein Engagement bei dem dortigen Hof-Theater folgen soll. Er ist seit einigen Monathen mit seiner Frau hier bei mir zum Besuch gewesen, läßt mir noch die Gesellschaft seiner Frau, während er selbst die Reise nach dem fernen, ihm völlig fremden Cassel antritt, wo er sich recht einsam fühlen wird. Werden Ew. Wohlgeboren mich nicht für sehr vermessern und unbescheiden halten2, wenn ich mich auf eine, wohl längst vergessene Bekanntschaft stützend, bei der alle Annehmlichkeit u aller Vortheil nur auf meiner Seite war, es wage Sie zu bitten, sich des liebenswürdigen vortrefflichen jungen Mannes in der fremden Stadt anzunehmen, und ihm Schutz und Fürsprache, im Fall er derselben gebrauchen sollte, zu gewähren? Mit besserem Gewissen kann man aber auch niemand empfehlen wie Herrn Stotz, er verbindet den seltensten moralischen Charackter mit der feinsten Bildung und Erziehung, und hat nichts vom Schauspieler, als ein selten eminentes Talent, welches nur gekannt zu sein braucht, um geschäzt zu werden, so wie auch sein moralischer Charackter überall Anerkennung findet, u ist er denkender Künstler in ganzen Sinne des Worts. Seine Frau, meine liebe Freundinn, wird ihm nach Cassel folgen, wenn er dort ein Engagement findet, [un]d3 würde Ihnen gewiß gefallen.
[Zür]nen mir Ew Wohlgeboren nicht, daß ich mich so zutrauensvoll an Sie wende, und erlauben Sie mir Ihnen bei dieser Gelegenheit den innigsten Dank für all die schönen Stunden zu sagen die ich Ihre unvergleichlichen herrlichen Compositionen danke – in Ihrer Jessonda ist keine Note für die ich nicht schwärme; wie schön ists doch der Schöpfer solcher Meisterwerke zu sein.
In der Hoffnung daß Sie meine Bitte gewähren werden, nenne ich mich mit unbegränzter Hochachtung
Ew Wohlgeboren
ergebenste
Emma von Tronchin
geb. Gräfin von Hagen.
Hr. Stotz der sehr viel Talent für Musik u Malerei besitzt, hat auch recht niedliche Lieder componirt.
| Autor(en): |
Tronchin, Emma von |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Hagen, von Spohr, Dorette Stotz (Ehefrau von Otto Stotz) Stotz, Otto |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Schmiedeberg |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840080847 bitlx |
[1] Noch nicht ermittelt.
[2] „halten“ über der Zeile eingefügt.
[3] Textverlust durch Siegeldruck auf der Rückseite.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (13.04.2023).