Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Verehrter Herr Kapellmeister!

Es wird Sie befremden von einer Ihnen völlig unbekannten Frau ein Schreiben zu erhalten. Ich selbst würde diesen Schritt nicht gewagt haben, wenn die Sorge um das Wohl eines geliebten Freundes mich nicht meine natürliche Schüchternheit überwinden ließe. Das Bewußtsein mich an den größten Musiker Deutschlands zu wenden macht mich zaghaft und vertrauend zugleich; und so erlauben Sie denn daß ich ohne Umschweife mit einem Namen beginne, welches Sich erst vor kurzem Ihrer eignen Theilnahme erfreuen durfte. Ich spreche von meinem Bruder, Christian Heydenreich, dessen Composition des 30ten Psalms, durch den Stuttgarder Musikverein auf so ehrenvolle Weise der Oeffentlichkeit übergeben wird.1
Es würde hier zu weit führen in einzelne Epochen seiner Lebensgeschichte einzugehen. Genug, daß von frühster Kindheit an, die Richtung seines innersten Wesens nach der Kunst, entschieden war. Widrige Verhältniße zogen ihn von der Bahn ab, welche die Natur ihm bestimmte. Er wurde2 dem Studium der Rechte hingeopfert, nach Kämpfen aller Art in die Reihe der Staatsdiener eingeschrieben und schmachtet nun, in einer nach allen Beziehungen drückenden Lage, seit einer Reihe von Jahren an der Amtskette. Dennoch hat er durch diese lange Zeit das Ideal der Kunst als höchstes Kleinod seines Lebens in seinem, treuen Herzen bewahrt, ohne Wanken, ohne Ermatten, selbst in der Hoffnungslosigkeit es je zu erreichen. So lebte er bisher abgeschieden von allem künstlerischen Verkehr, ohne Aufmunterung, ohne Unterstüztung als Landgerichtsassessor in einem kleinen Landstädtchen.
Er war nie an einem größeren Orte, er hatte nie einen Lehrer. Seine einzige Bildung ist allein das Werk seines Talentes. So, im Voraus jeder Erwartung entsagend, nur um dem einem Drange zu genügen, schrieb er die genannte Arbeit. Welcher Eindruck die Würdigung des ersten Künstler unsrer Zeit auf ihn bervor brachte, brauche ich nach dem Gesagten nicht zu schildern. Sie traf ihn, wie ein zündender Funke. Ein zweites Werk folgte in kürzester Zeit, ein Requiem, welches nach meiner schwachen Meinung den Psalm bei weitem zu übertreffen scheint. Eine Motette über den Kindermord zu Bethlehem ist im Entstehen. So schein ein neuer Geist, eine lebendige schöpferische Kraft in ihm aufgewacht zu sein. Je resamer und thätiger diese aber hervorfritt, desto hemmender ja unterträglich, wird seine bürgerliche Stellung. Den Tag über an den Kanzleitisch gefesselt, die Nächte durch am Notenpult schreibend, oder am Flügel phantasirend, leidet selbst seine sonst dauerhafte Gesundheit an übermäßiger Anstrengung, und es ist kaum möglich, daß dieser Zustand in die Länge ohne schlimme Folgen dauern kann. In Bayern ist keine Aenderung für ihn zu hoffen, so ist denn sein einziger Wunsch in einem benachbarten Lande ein Plätzchen zu finden, welches seiner Familie die nöthigsten Subsistenzmittel und ihm Zeit und Ruhe gewährt, durch ernstes Studium seinem Ziele näher zu rücken. In diesem Betracht hat er die Absicht, sich an den Protector des Vereines, Se. Durchlaucht, den Fürsten von Hechingen zu wenden. Und nun werden Sie die Bitte errathen, welche mein Bruder aus Schüchternheit nicht selbst wagen würde. Gönnen Sie ihm ihre3 Fürsprache, wenn Sie ihn anders dessen für würdig halten. Ein gewichtiges Wort von Ihnen ist die sicherste Bürgschaft für die Realisirung seiner Wünsche. Von dem Präsidenten des Musikvereins sollte ich freilich wohl nichts mehr erbitten, sondern nur danken, nicht nur für die meinem Bruder gewordene ehrenvolle Auszeichnung, sondern auch für das neue Leben welches dadurch in ihm erweckt ward. Jezt aber spreche ich zu dem Künstler Spohr an dessen Namen die halbe Welt ein Eigenthumsrecht hat, in der festen Hoffnung daß mein Anliegen im Intresse der Kunst eine gütige Erwägung gewürdigt werde. Ist es doch das schönste Vorrecht der Größe, der Unterdrückten sich anzunehmen.
Ich setze für den Fall, daß Sie früher oder später, in Bezug auf gegenwärtige Mittheilung ein Wort zu erwidern haben, die Adresse meines Mannes bei, und bitte mir noch die Versicherung meine vollste Hochachtung zu genehmigen.

Henriette v. Feuerbach
geb. Heydenreich

Freiburg
den 2ten Juni
1840.

Dr Anselm v. Feuerbach
Professor4 der Alterthumskunde
an der Universität zu Freiburg
im Breisgau

Autor(en): Feuerbach, Henriette
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Friedrich Wilhelm Constantin Hohenzollern-Hechingen, Fürst
Heydenreich, Christian
Erwähnte Kompositionen: Heydenreich, Christian : Motetten
Heydenreich, Christian : Psalm 130
Heydenreich, Christian : Requiem
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Deutscher Nationalverein für Musik und ihre Wisenschaft <Stuttgart>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1840060246


Spohrs Antwortbrief ist derzeit verschollen.

[1] Christian Heydenreich hatte beim Kompositionswettbewerb des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft, dem Spohr offiziell als Präsident vorstand, den zweiten Preis erhalten (vgl. „Referat über den letzten Preisconcours“, in: Jahrbücher des Deutschen Nationalvereins für Musik und ihre Wissenschaft 2 (1840), S. 89f., hier S. 90).

[2] Hier zwei Buchstaben gestrichen.

[3] „ihre“ über der Zeile eingefügt.

[4] Hier gestrichen: „von“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (08.07.2022).