Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Hochwohlgebor.
Herrn Kappelmeister
Louis Spohr
zu Hessen Cassell
Germany.

H. Blagrove.1


Norten Street, Portland Place London.
Dienstag, den 7ten April, 1840. –

Geehrtester Herr Spohr!

Ich nehme mir die Freiheit Ihnen zu schreiben, u. hoffe daß diese Zeilen, Sie, u. Ihre wertheste Frau Gemahlin, wie ich das Vergnügungen hatte Sie hier zu sehen, bei bestem Gesundheitstande treffen werden. Ehe ich den eigentlichen Zweck dieser Zeilen erwähne, erlaube ich mir Ihnen Nachricht über die hiesige musikalische Welt zu geben. – Unsere Saison fängt jetzt an; gestern Abend fand das dritte Philharmonische Conzert statt, worin Herr Molique sein Début bei uns machte; er spielte sein drittes Concert aus D Moll, und wurde mit außerordentlichem Beifall empfangen, vorzüglich beim Schluß des Stück’s; er denkt zwei bis drei Monate hier zu bleiben: Herr Moscheles hat das Conzertstück von Weber als zweite Solopiece: außerdem, hatten wir Ihre neue Sinfonie über die 4 Perioden der Musik2; die F Dur Sinfonie von Beethoven3; Mendelssohn’s Overtüre „Isles of Fingal“4 und die der Oper Zaira von Winter; nebst diesen 4 Gesangstücke ff.5 – Ehe ich Ihnen die Programme der anderen zwei Conzerte beilege muß ich Ihnen mittheilen daß Ihre außerordentlich schöne und romantische Sinfonie, obgleich richtig nach Noten gespielt, durchaus nicht dem dem Styl gegeben wurde, als wenn die selben Artisten unter Ihrer Leitung gewesen wäre. – Ich bitte geehrter Herr Spohr, verzeihen Sie mir, daß ich mich über dieses und vielleicht anderes auf eine so frei Manier ausspreche, mir that es aber recht sehr leid, die schöne Sinfonie auf eine solche Weise gegeben zu hören; erstens, alle Tempi zu langsam genommen; – dadurch die schönsten Ideen und Effecte verlohren gegangen, und überhaupt in der ganzen Sinfonie einen Mangel an Geist, auch durch Leben6; – Die Ursache dieses ist klar; man hat bei diesen Conzerten Gebrauch bei jedem Conzert einen anderen Dirigent zu nehmen; Folgende7 mehmen diese Stelle abwechselnd, nämlich die Herren Moscheles, Sir George Smart, Potter, Bishop & J. Cooke. Unter diesen nur einer, (der erste) im Stande ist8 Stücke der besten Componisten gut zu dirigiren. – Durch dieses System werden fast alle gute Composizionen,9 Instrumental und Vocal, so zu sagen verdorben, denn obgleich das orchester ein wirklich vortreffliches ist, und, mit Ausnahme einger 10 bis 15 Musiker, das beste in London bleibt, doch können sich die braven Mitglieder nicht in rechen Lichten zeigen. – Im ersten Conzert wurden folgende Stücke gespielt 1ste Sinfonie, Beethoven10; Ihre schöne a moll Sinfonie/5)11 Overtüre, Euryanthe, Weber, Yelva Reißiger. – C Dur Clavier-Conzert Beethoven, gespielt von Bennett, und 1stes Conzert a moll, Rode gespielt von mir . – Diese Sinfonie ist beßer gegangen, aber doch nicht wie Sie, (meiner Ueberzeugung nach) sie gern gehört hätten. –
Im 2ten Conzert wurden gemacht: Sinfonie 7. a moll, Beethoven12, Sinfonie g moll, Mozart, Overtüre Preciosa, Weber, Overtüre, „Les deux journees Cherubini 1stes Conzert für Clavier Mendelssohn13 gespielt von Mrs Anderson und eine Fantasie componirt und gespielt von einem jungen Violinisten namens Hayward; der darin außerordentliche Schwierigkeiten, und viel Genie zeigte; Er ist selbst unterrichtet, und geborner Engländer.14 – Außer diesen Conzerten habe ich die persöhnlichen Quartett Concert gegeben, wovon 4 vorbei sind15 und noch 2 kommen.16 Im vorletzten17 machten wir das erste Doppel Quartett aus Dmoll, von Ihnen, was auch ganz gut ging, und außerordentlich gefiel.18 – Es kommen im Mai & Juni die Benefice Concerte. – Erlauben Sie geehrtester Herr Spohr, daß ich Ihnen eine Art Vorschlag auf eine Visite nach London, zu Ende der hiesigen Saison mache. – Ich würde nicht wagen, eine solche Freiheit zu nehmen, wenn ich nicht überzeugt wäre daß, wenn Sie es möglich machen können, sehr viel gute Erfolge zu erwarten sind; – sollte es Ihnen nicht conveniren, uns wieder zu beehren, so bin ich, aus Ihrer so oft gezeigte Güte und Notiz, auch überzeugt, daß Sie mir den Versuch verzeihen. – Da vermutlich die Caßeler Oper nur bis auf die erste Woche in Juni dauern wird, so würde ich vorschlagen, daß Sie, alsdann ohngefähr am 10ten Juni Ihre Reise angiengen; bis zum 17ten oder 18ten würden Sie gewiß hier ankommen könn[en], und in 10 bis 14 Tagen auf folgende Weise uns hier befreuen: am 22ten ist das letzte Philharmonische Conczert; darin könnten Sie eine Sinfonie und Overtüre dirigiren und vielleicht das neue Conzert „Sonst und Jetzt“ spielen, in Exeter Hall, oder anderswo, würden eine Comität ein oder zwei Abende Oratorium von Ihnen unter Ihrer Leitung geben können. – Vielleicht das neue welches wie ich höre Sie mit großem Orchester und Chor am 18ten dieses in Caßel geben.19 – Mein Conzert kann noch davor kommen, wo ich, wenn Sie mich beehren sollten, ein beßeres Orchester wie das Philharmonische zu schaffen versprechen könnte, und wo Sie Composizionen von Sich20 auf vortheilhafteste Weise geben könnten, und wie sie anders nicht zu geben wären. Auch während Ihres Aufenthalts könnten Sie in einem Quartett Conzert, welches sehr leicht zu arrangiren wäre, 2 Stücke von Ihren Kammer-Compositionen spielen.21 – Wenn ich sage daß alle Musiker so wohl die, die in Norwich waren, als die große Maße die nicht so weit gehen konnte, sich sehnen Sie, lieber und geehrter Herr Spohr zu sehen, hören und beehren, so sage ich nicht mehr wie die Wahrheit, und ich darf auch22 wol sagen dieses ist kein unsicherer Plan, sondern einer den ich23 schon damals wie Sie hier waren, wohl bedacht hatte. Ich habe ihn fürchte ich mich, auf eine sehr rohe Art gemalet, und hoffe nur daß Sie gütigst24 dieses nicht so genau nehmen. – Eine Deutsche Oper ist auch von 20ten April25 hier, und darin wäre gewiß26 eine Oper von Ihnen hervorzubringen. – Da Sie vielleicht nach der Aufführung Ihres Oratoriums zu Caßel etwas Ruhe haben werden so möchte ich bitten daß Sie mir alsdann einige Zeilen zur Antwort geben, und sollten die die Nachricht enthalten, daß Sie meinen kleinen Plan beehren so wage ich zu sagen daß bei den Arrangements das geringste nicht fehlen soll.
Ich mag vielleicht auf die Antwort rechnen, vor Ende dieses Monats, da jetzt die Post nicht so lange unterwegens ist, und werde indeßen Niemanden etwas darüber erwähnen, und nur überlegen, ob ich etwas verbeßern könnte dabei, was Ihnen die Visite angenehmer machte, im Fall Sie uns beglückten. – Seit Herbst habe ich mit gutem Erfolg 71 Conzerte in den Provinzen gegeben welches mich ziemlich au fait in Arrangements gemacht hat. – Was die Reise in Pecuniär Hinsicht anbelangt, so ist nichts riskant, und ich würde es entweder ganz allein unternehmen, oder es von anderen versichert bekommen,27 oder es Ihnen ganz überlaßen;28 über diesen Punkt würde ich im Fall Ihrer günstigen Antwort, ja einer Woche nach Ankunft Ihres Briefs ganz nach Ihrem Willen genau Nachricht geben. – Ich empfehle mich Ihrer geehrtesten Frau Gemahlin Madame Ida29 der Frau von Malzburg und Herrn Wiele und meinen sonstigen Freunden in Caßel – und verbleibe geehrtester Herr Spohr
Ihr ergebener Schüler Henry Blagrove



Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Blagrove an Spohr, 16. oder 17.09.1839. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Blagrove, 06.04.1843.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich der Poststempel „PAID / VS / 7 AP[RIL] / [1840(???)]“, auf der Rückseite des gefalteten Briefumschlags befinden sich die Stempel „LONDON / 7 / APRIL / 1840“, „14 Apr 1840“ und ein weiterer, stark verwischter Stempel.

[2] Historische Sinfonie.

[3] 8. Sinfonie op. 93.

[4] Die Hebriden.

[5] Vgl. „Philharmoni Society“, in: Musical World 13 (1840), S. 225ff.

[6] Vgl. „The fault lies, perhaps, rather with the design than with its execution; the composer ’s intention excludes unity of plan, and substitutes four unconnected movements in as many distinct styles, which, however clever, are, after all, but imitations; and, therefore, not only of minor interest, but open to the most ungracious species of criticism – that by comparasion“ (ebd., S. 225).

[7] Am Ende des Worts gestrichen: „ndes“.

[8] „ist“ über der Zeile eingefügt.
 
[9] Hier gestrichen: „und“.

[10] Op. 21.

[11] Spohrs 5. Sinfonie op. 102 steht in c-Moll (vgl. Programm und Kritik, einschließlich Verriss von Spohrs Sinfonie: „Philharmonic Society“, in: ebd., S. 161).

[12] Op. 92.

[13] Sic!

[14] Zum Konzert vgl. „Philharmonic Society“, in: ebd., S. 210f.

[15] Vgl. „Quartett Concerts“, in: ebd., S. 144f.; „Messrs. Blagrove, Gattie, Dando and Lucas“, in: ebd., S. 142; „Messrs. Blagrove, Gattie, Dando and Lucas“, in: ebd., S. 177; „Quartett Concerts, Hanover Square Rooms“, in: ebd., S. 209.

[16] Vgl. „Quartett Concerts“, in: ebd., S. 274f.; Quartett Concerts“, in: ebd., S. 322.

[17] Sic!

[18] „Spohr ’s double quartett in D minor terminated the concert, and was most beautifully executed“ („Messrs. Blagrove, Gattie, Dando and Lucas“, in: ebd., S. 177).

[19] Der Fall Babylons.

[20] Hier gestrichen: „geben“.

[21] Hier gestrichen: „könnte.“.

[22] „auch“ über der Zeile eingefügt.

[23] „ich“ über der Zeile eingefügt.

[24] „gütigst“ über der Zeile eingefügt.

[25] Hier zwei Wörter gestrichen („hofte Ich(???)“).

[26] Hier gestrichen: „wäre“.

[27] Hier ein Wort gestrichen.

[28] Hier ein Wort gestrichen.

[29] Spohrs Tochter Ida Wolff.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (22.02.2022).