Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Hochwohlgebohren
dem Herrn Hof-Kapellmeister
L. Spohr
in
Cassel.


St. Petersburg d 26sten July 1839.

Höchstzuverehrender Herr Kapellmeister,
Höchstgeehrter Herr!

Ich kann meinen Brief nur mit der größten Schüchternheit und einer Bitte um Entschuldigung anfangen, denn was werden Sie von meinem Vater und von mir denken, daß wir bis jetzt kein Wörtchen von uns haben hören lassen. Glauben Sie ja nicht, daß Undankbarkeit oder Vergessenheit die Ursache dazu gewesen sind; wie, hundert und hundertmal haben wir davon gesprochen, aber wir schoben es immer auf, bis wir Ihnenzugleich meine Anstellung bei einem der hiesigen Orchester melden konnten, die wir uns als äußerst nah vorstellten, weil auch von dem Director und dem Ober-Kapellmeister der hiesigen Theater bei allen Gelegenheiten die Versicherung wiederholt wurde, daß die erste Vakanz mir zufallen sollte, und so verschoben wir es bei jedem neuen Versprechen immer weiter. Jetzt sehen wir aber leider, wie wenig auf Herrengunst zu bauen ist, da trotz der nicht vorhandenen Vakanz mehrere Musiker angestellt sind, wobei auch nichts weniger als auf ausgezeichnete Talente, sondern vielmehr, womit sich unsere Gönner selbst rechtfertigten, nur auf Rekommendation an Unsere Allerhöchste Kaiserin, gesehen worden ist. So mußten wir denn zu der Überzeugung gelangen, daß es sich mit meinem Engagement noch Jahre lang hinziehen kann, ich konnte es also nicht über’s Herz bringen es länger aufzuschieben an Sie zu schreiben.
Wie sehr bedauere ich es jetzt, daß ich nicht bei meiner Anwesenheit in Cassel den Versuch gemacht habe, durch den mir so äußerst gewogenen Herrn Schmelz und dessen vieljährigen Freund Herrn Hofmarschall von Osterhausen, wozu auch Sie gewiß die Güte gehabt hätten mitzuwirken, eine Rekommendation von der Frau Kurfürstin auszubitten, ein solches Vorwort hätte unfehlbar eine augenblickliches Engagement zur Folge gehabt. Jetzt, glaube ich, wird sich dieser Fehler wohl nicht mehr gut machen lassen, ich habe aber doch dem Herrn Schmelz deswegen geschrieben, und sollte es möglich seyn, daß noch etwas der Art geschehen könnte, so nehme ich mir die Freiheit, Sie um Ihre vielwirkende Beihülfe zu diesem Schritte zu ersuchen, von dem mein ganzes zukünftiges Schicksal abhängt. –
Ich habe in diesem Jahr nichts weiter thun können, als daß ich gesucht habe durch fleißiges Üben mich immer meh und mehr in meiner Kunst weiter zu bringen, und ich habe auch das Glück gehabt, die Zufriedenheit mehrerer Kenner zu verdinen, was mich um deswillen freut, als ich ehe, daß ich doch Ihrer Güte und Ihrer an mich gewandten Bemühungen nicht ganz un[würdig] gewesen bin.
Sollte Sie mich e[iner A]ntwort würdigen, so bitte ich Ihren Brief an meinen Vater: H. J. Hauck, Lehrer im 1sten Cadetten-Corps zu adressiren.
Indem mein Vater und dich uns Ihrer Wohlgewogenheit empfehlen, und Sie unserer unverwandelbaren Dankbarkeit versichere, habe ich die Ehre mit der vollkommensten Hochachtng zu seyn

Ihr
ergebenster und gehorsamster Diener

F. Hauck.

Autor(en): Hauck, Friedrich
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Auguste, Hessen-Kassel, Kurfürstin
Osterhausen, Karl von
Schmelz, Heinrich
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte: Kassel
St. Petersburg
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839072640

Spohr



Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.02.2022).