Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr Wohlgeboren
Herrn Kapellmeister Dr Spohr
zu
Cassel

frei.1


Hochgeehrtester Herr Kapellmeister!

Daß Sie meinen herzlichen Glückwunsch in poetischer Form mit so vieler Nachsicht und Freundlichkeit aufzunehmen, die Güte hatten, dafür sag’ ich Ihnen meinen innigsten Dank. Möchte der Himmel, dessen unerforschte Weisheit und Liebe wir auch in den uns betreffenden harten Prüfungen nicht verkennen, und ihn im heiligen Schauer der Andacht bei allen Schicksalen preisen, doch meine und aller Ihrer Freunde und Verehrer innigsten Wünsche erfüllen, und Ihnen in diesem und allen zahlreich folgenden Jahren nur Frohes wiederfahren lassen, insonders aber Sie zum segensreichen Wirken in der him[m]lischen Tonkunst mit der dauerhaftesten Gesundheit stärken!
Nicht minder herzlich erfreulich ist mir Ihre gütige Mittheilung geworden, daß Euer Wohlgeboren mir ein zweites sehr erwünschtes Manuscript zugedacht, und zu meiner Disposition gestellt haben, und es ist mir Dero so höchst ehrenvolles Wohlwollen und Vertrauen um so erfreulicher, da Umstände es mit sich brachten, daß ich wider Willen beim Erstgeschäft nicht so pünktlich sein konnte, als ich es wünschte und seit je gewohnt bin.
Erlauben Sie, daß ich mit Aufrichtigkeit einige Worte zu meiner Rechtfertigung Ihnen mittheilen darf.
Vor etwa 5 Jahren erkaufte ich unweit Dresden für eine ansehnliche Summe das Rittergut Lehndorf, welches ich, nachher in baldiger Zeit an einen gewissen Nürnberger wiederverkaufte. Da ich nach meinem damaligen sehr glänzenden Verhältnissen des baaren Geldes nicht bedürfte: so überließ ich das Gut gegen eine sehr geringfügige Abschlagszahlung dem Käufer, und es genügte mir, die Kaufgelder in Höhe von mehrern Tausenden mir auf Lehndorf hypothekarisch eintragen zu lassen, danach aber blinkte mein Unstern. Unglücksfälle über Unglücksfälle stürmten auf mich ein; ein Betrug, ein Leiden folgte dem andern; und nur nach den mehrfachsten Erschütterungen blieb mir mein Musikgeschäft mit einigen Tausend Thalern für dessen Verwendung. Dieser Nürnberger zahlte bis dahin aber weder Zinsen noch Kapital, und nur erst im vorigen Jahre sah’ ich mich genöthigt, die Erndte in Beschlag zu nehmen, weshalb der Erlös erst etwas spät eintraf, um hernach auf Subhastation2 anzutragen; es ist zum Verkauf des Gutes, wie Sie gefälligst aus der Anlage ersehen wollen, ein Termin auf den 15ten Juli festgesetzt, wo sogleich die Kaufgelder baar bezahlt werden müssen, und ich dann unzweifelhaft in Besitz mehrerer Tausend Thaler komme. Hienach erlaube ich mir die gehorsamste Bitte und Anfrage, ob Sie wohl bis dahin mit der Berichtigung des Honorars Frist zu geben geneigt sein möchten, da ich nur in dieser angenehmen Voraussetzung Ihr gütiges und so ehrenvolles Versprechen anzunehmen im Stande bin.
Für diesen sehr gewünschten Fall, würde ich das Duo einem3 der allergeschicktesten Zinnschläger in Leipzig arbeiten lassen, und es würde binnen 6–8 Wochen vollständig im Druck fertig sein. Die vielen Fehler in den schönen Liedern sind mir höchst betrübend und ärgerlich! zum Glück aber ist nur zunächst eine sehr geringe Auflage gemacht. Die Schuld trifft aber am Meisten meinen dem4 Spirituosen so sehr ergebenen damaligen Lithographen, welcher von mir längst entfernt ist. Frau Hofräthin Hencke5 soll sogleich von der rectificirten Auflage haben, und befehlen Sie nur was Sie noch wünschen. Künftig werde ich im[m]er vor dem Drucke einen vollständigen Probeabzug zu senden.

Am Schluß mein herzliches Lebewohl und die Versicherung der unbegrenzten Liebe und Verehrung, womit ich zu ne[nnen]6 die Ehre habe 
Euer Wohlgeboren 
gehorsamster Diener
Dr. Sturtevant

Halle, den 19ten Februar
1839.

Autor(en): Sturtevant, James Sterlei
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Henke, Sophie
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Duos, Vl Kl, op. 112
Spohr, Louis : Lieder, Sopr/Ten Kl, op. 105
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Hellmuth <Halle>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1839021956


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Sturtevant, 01.11.1838. Der nächste erschlossene Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Sturtevant, erste Hälfte April 1839.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich links oben der Poststempel „HALLE / 13 / 3 / 3-4“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „15MERZ“.

[2]Subhastation, l. die Vergantung, öffentliche, bes. gerichtliche Versteigerung“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 441).

[3] Sic!

[4] Sic!

[5] Hier Verweiszeichen und unter dem Text Ergänzung bzw. Korrektur von anderer Hand: „Geheimräthin“. – Vermutilich Sophie Henke, Ehefrau von Spohrs Onkel, dem Hofrat und Medizinprofessor Adolph Henke in Erlangen.

[6] Textverlust.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Axel Beer (12.03.2026).