Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Sr. Wohlgeboren 
den Herzogl. Hessenschen 
Hof-Kapelmeister 
Herrn Dr. L. Spohr 
in 
Hessen-Cassel. 

frei!1


Breslau den 17ten Decembr. 1838. 
Universitätsgebäude2

Hochverehrtester Herr Hof-Kapelmeister! 

Mit inniger Freude ergreife ich heut die Feder, und mache meinem bewegten Herzen Luft – Sie erlauben wohl, daß ich einige Lebenszeichen von mir gebe, und daß ich liebe Carlsbader Erinnerungen zurückrufe. Schon liegen beinahe 5 Monate dazwischen, seit ich Ihnen mein aus Innrer Seele bewegtes Lebewohl zurief.3 u. doch ist mir jeder Moment jede Unterhaltung, die ich mit Ihnen u. Ihrer werthen Familie pflog, so in Erinnerung, daß ich alles wörtlich wiedergeben könnte. 
Glauben Sie nur, daß ich von meinen lieben Breslauern vielfach beneidet worden bin, daß ich so glücklich war mit Ihnen 3 Wochen zusammen zu leben. Ja u dieses glückliche Geschik will ich genießen, u. mit wahrhaft dankbaren Herzen nahe ich mich Ihnen heut. Sein Sie versichert, daß ich durch Ihre freundliche Umgebung durch die herzlichen Genüsse, durch die so lehrreichen Unterhaltungen u. Belehrungen – durch Ihre milden Urtheile über meine Kunstleistungen – mehrfach angeregt u. in meinem Gemüth recht erheitert nach Breslau zurückgekommen bin. Von Freund Hesse habe ich wohl schon einen Brief gesehen der mir auch zu gleicher Zeit freundlichen Gruß von Ihnen brachte.4 Zu meiner Freude ersah ich auch, daß die Cur bei Ihnen, Ihrer Frau Gemahlin u. Frau Schwiegermutter5 guten Erfolg gehabt hat.
Der Himmel möge ferner Ihr Haus beschützen – u. Ihnen die dauerhafteste Gesundheit geben! 
Ich bescheide mich noch dieser Cur – die ich nun noch 8 Wochen fort setzte – weit wohler u. fühle mich besonders um den Unterleib sehr erleichtert. Auf mein rechtes Ohr hat es weniger gute Wirkung gehabt. Ich kann sagen: es ist nicht besser; es ist aber auch nicht schlimmer geworden. Die Aerzte fischen auch hierin sehr im Trüben. Vermuthlich werde ich wohl noch einmal nach Carlsbad wenden müssen.
Nun verehrtester Herr Kapelmeister, erlauben Sie wohl, einiges über unser Musiktreiben in Breslau zu berichten. Mit unserm Theaterpersonale steht es immr noch nicht zum Besten. Das Oper-Personale ist immer noch sehr mittelmäßig besetzt. Herr u. Madame Freimüller (Tenor u. Sopran) sind höchst mittelmäßig. Ihre schönen Opern Faust u. Jessonda waren in diesem Monaten auf dem Repertoire. u. gaben troz mittelmäßiger Besetzung ein gut besetztes Haus. 
Im October haben unsere Winter-Concerte begonnen. Ihre herrliche C mol Synfonie u. Ouvert . aus dem Berggeist – u. eine Bary.-Arie aus Pietro di Albano wurden gut executirt. 
Auch haben wir jetzt nach Art der Berliner Möserschen Soiréen einen Ciclus von 4 Quartett u. 4 Concert-Aufführungen eröffnet.
Da wir uns bemühen diese6 öffentlichen Aufführungen durch sorgsame Proben vorzubereiten, so ist freilich der Kostenanschlag sehr bedeutend. Jedoch erfreut sich ja(???) dies Unternehmen vieler Theilnahme. Musik-Director Wolf, Violinist Lüstner, Klingenberg, Cantor Kahl, Hesse, Richter Dr. Kahlert7 und meine Wenigkeit stehen an der Spitze dieses Unternehmens. Hrn Md Wolf haben wir als unsern Musik-Director gewählt. Ueber fernere Resulate bin ich so frei, Ihnen später zu berichten. 
Mein Freund u. Carlsbader Stubengenosse H. Hinkel empfiehlt sich Ihnen u. Ihrer verehrten Familie auf das herzlichste und dankt für die so vielen schönen musikalischen Genüsse, an denen er Theil nehmen durfte. Er brachte mir Ihren freundlichen Gruß aber auch die Hoffnung auf das Lied für Männerstimmen für unsere Künstler-Vereins-Liedertafel-Verein. Nicht wahr verehrtester Herr Capelmeister, Sie vergessen uns nicht – von Ihrer lieben Hand geschrieben – daß wir es in unserer Sammlung aufbewahren. 
Von fremden Künstlern und Künstlerinnen waren jetzt h[ier]8 Clavierspieler Tausig. Troz seiner eminenten F[ertig]keit genügt er uns Musikern nicht – weil er blos [Brav]ourstücke wählt – Klassische Compositionen sind [bei ihm] weniger brillant u. dann ist er zu wenig Musiker. Fräulein Botgorschek aus Dresden9 die Altistin gab mit Ihrem Bruder dem Flötisten binnen 14 Tage 5 Concerte mit überfülten Saal. Sie hat eine schöne Stimme – eine grandiose Tiefe jedoch auch Höhe. Dabei jung und schön – also machte sie Furore. 
Nach meiner Reise arbeitete ich ein Concertstück für Clavier welches ich im October das erstemal öffentlich vortrug und welches sich bei Musikern vielen Beifalles erfreute. Freilich muß ich offen gestehen daß mir Ihre schöne Form zu Ihrer Gesangs-Scene auch Ihr Concertino E sehr vor Augen geschwebt hatte.
Nun hochverehrter Herr Kapelmeister für heute eile ich zum Schluß. Möchten Sie mir Ihr freundliches Wohlwollen, welches Sie mir in Carlsbad schenkten, auch fernerhin erhalten. Gewiß darf ich mich recht bald einer freundlichen Antwort erfreuen, u. gewiß geben Sie mir die Erlaubniß, Ihnen von Zeit zu Zeit zu schreiben. Unter herzlichen Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin u. Frau10 Schwiegermutter begrüßt Sie in treuer Anhänglichkeit 

Ihr
ergebener 
Ernst Koehler, Ober-Organist 

Von H. A. Hesse den herzlichsten Gruß.



Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Köhler an Spohr, Mai 1839.

[1] Auf dem Adressfeld befindet sich rechts oben der verwischte Poststempel „BRESLAU / [???]“, auf der Rückseite des zusammengefalteten Briefumschlags der Stempel „24DEC1838“.

[2] Hierunter eine auf dem Briefpapier vorgedruckte Abbildung des Universitätsgebäudes.

[3] Vgl. Marianne Spohr, Tagebucheintrag 15.07.1838.

[4] Vgl. Spohr an Adolph Hesse, 06.09.1838.

[5] Louise Pfeiffer.

[6] Am Wortende eingefügt: „n“.

[7] „Dr. Kahlert“ über der Zeile eingefügt.

[8] Textverlust durch Siegelausriss.

[9] „ aus Dresden“ über der Zeile eingefügt.

[10] „Frau“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (29.06.2026).