Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Wohlgeborner Herr Kapellmeister
Mein Vertrauen zu Ihnen ist so groß, daß ich im Voraus überzeugt zu sein glaubte, daß Sie diesen Brief entschuldigen werden und mich gewis nicht misverstehen wollen.
Es ist mir als Mutter und Frau eines wie ich glaube achtenswerthen Künstlers nicht möglich sein und seiner Familie gänzlichen Untergang ruhig mit ansehen zu können. Er ist underhört das Componisten die das Unglück haben keine feste Stellung zu bekleiden so gut wie verhungern müssen, und das zu einer Zeit wo doch die Deutschen Componisten so selten sind.
Mit meinem Manne darf ich durchaus nicht darüber sprechen, Er hat neuerdings eine große Oper1 Componirt. Sie bleibt aber liegen wie seine schon früher Componirte Merope, mein Mann behauptet wie er seine Werke nicht an großen Bühnen aufführen kann sollen sie lieber liegen bleiben. Es werden ja fast keine Deutsche Opern in Berlin gegeben nur frazösische und die andern Theater folgen diesem Beispiel.
Gegen einen so würdigen Mann und Künstler wie Ew Wohlgeb. sind darf ich gewiß aufrichtig sprechen.
Durch die langen Jahre die mein Mann unbeschäftigt lebt und von Ihm so ganz die Kraft zu wirken benommen ist, wird er so unzugänglich das er von seiner Familie mehr gefürchtet wie geliebt wird. Dazu kömmt das wir in taglicher Noth die mein Mann mit den besten Willen nicht abändern kann zu kämpfen während seine Werke unbenützt liegen bleiben.
Wenn ich auch meinen Mann bedauern und gewiß ganz verstehe so liegt mir doch als Mutter die Pflicht am Herzen für die erhaltung und Erziehung meiner Kinder zu sorgen, und wie soll mir unter solchen Umstanden das gelingen bey einer so Zahlreichen familie von 7 Kinder.
Es versteht sich von selbst das mein Mann nichts von diesen Brief weis, allein Sie sind der einzige Mann den ich so hoch achte, das ich Ihnen alles offen mittheile.
ich kann meinen Mann durchaus zu keinem Schritt bewegen sich um irgend eine feste Anstellung zu bewerben, Er ist hir gesang Lehrer den der Prinzes Friderich die Woche 2 Stunden nimmt und jede mit einen Thaler bezahlt ist das nicht ein trauriges Loß für einen solchen Künstler der noch in seiner ganzen Kraft dastehet.
Verehrter Hr. Hapellmeister nun wollte ich mich an Sie wenden den doch einen so bedeutenden Nahmen in der Musickalischen Welt besitzt ob es Ihnen nicht möglich wäre meinen Manne ürgend eine Ihm würdige Stellung zu verschaffen die Ihm zu gleichen Zeit wieder in den stand setzen würden seine Familie anstandig zu erhalten, und ist es den gar nicht möglich seine Werke auf zu führen.
Meine Tochter ist jetzt wo ihr Beschäftigung so nöthig ist noch ohne Engagement der hisige Director hat warend ihre Reise die Stelle vergeben obgleich das Publicum ser unzufrieden damit ist solten Ew Wohlgeboren gelegentheit geben sich ihren zu erinnern so würden Sie mich Ihnen ser verpflichten in Cassel ist die Stelle der Subrette ja auch noch nicht anders besetzt, und wo könnte sie lieber sein.
Sehr glücklich würde es mich machen wollten Ew Wohl. mich mit einer Antworth beehren.
Indem ich mich nochmals ganz Ergebenst zu entschuldigen bitte bin ich mit der größten Hochachtung Ew Wohl.
Ergebenste Friderike Miller
Dusseldorf d 25ten Nov
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| Autor(en): |
Miller, Friederike (Ehefrau von Julius Miller) |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Miller (Tochter von Julius Miller) Miller, Julius |
| Erwähnte Kompositionen: |
Miller, Julius : <%Das%> erwiderte Gastmahl Miller, Julius : Merope |
| Erwähnte Orte: |
Berlin Düsseldorf |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Düsseldorf> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=18381125044 bitlx |
[1] Vermutlich Das erwiderte Gastmahl (vgl. [Gustav] Sch[illing], „Miller, Julius“, in: Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften, Bd. 4, Stuttgart 1841, S. 699ff., hier S. 701).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (09.09.2022).