Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Druck: Simon Moser, Das Liedschaffen Louis Spohrs. Studien, Kataloge, Analysen, Wertungen. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Kunstliedes, Kassel 2005, Bd. 1, S. 60 (teilweise)
Inhaltsangabe: Folker Göthel, Thematisch-bibliographisches Verzeichnis der Werke von Louis Spohr, Tutzing 1981, S. 462

Euer Wohlgeboren!
Hochzuverehrender Herr Hofkapellmeister!

Das Bedürfniß dem nach und nach gesunkenen Geschmacke in der teutschen Liedercomposition mit energischen Mitteln wieder emporzuhelfen, und ihm eine edlere Richtung zu geben, ist in unserem Vaterlande um so fühlbarer, da seid dem Tode Schuberts, Niemand aufgetrethen ist, der Kraft genug gehabt hätte diesem allmähligen Verfalle einen festen Damm entgegenzusetzen. Den wenigen hiezu berufenen fehlte es an aufmunternder Anerkennung und allgemeiner Würdigung ihres edlen Strebens; und so kam es dann, daß sie entweder ganz schweigen und sich in einem anderen Fache der Composition versuchten, oder die Anforderungen, welche das deutsche Lied an den Componisten stelle icht beachtend, genug gethan zu haben glaubten, wenn sie einzelne singbaren Melodien die dem allgemeinen Geschmacke entsprechen, deutsche Worte unterlegten. Auf diese Art ging natürlich die Würde des deutschen Lieder verloren, welcher ein Prototyp des deutschen Charakters voll Gemüth und Wärme Hand in Hand mit der Dichtung ein vollkommenes Ganzes dastehen sollte; später sank er in den Händen so vieler Unberufener, die dem eigentlichen Begriff von Gemüth und Einfachheit mißverstanden zu einer gemeinen, aller Kunst ledigen sentimental faden Liedeley herab.
Um nun diesem allgemeinen Bedürfnisse nach Kräften abzuhelfen, dem wirklichen Kunstwerke einen würdigen Platz zu sichern, dem jungen Talente aber Gelegenheit zu Eiferung erhabener Vorbilder in diesem Fache zu verschaffen, will die Jos. Riedl’sche Kunsthandlung in Wien ein musikalisches Taschenbuch unter dem Namen Orpehus erscheinen lassen, in welchem, dem literarischen Gehalte, der durchgehends auf musikalischen Hintergrund basirt ist, alljährlich Sechs deutsche Lieder bei gegeben werden, welche das Ausgezeichnetste im Liederfache liefern, und als noch ahnungswürdigen Beispiele der deutschen Liedercomposition gelten sollen. Dasselbe erscheine mit Septber künftiges Jahr für 1840, und so in der Folge alljährlich um dieselbe Zeit.
Die Verlagshandlung will außer der prachtvollen Ausstattung im Allgemeinen dieses Unternehmen durch eine Gallerie wohlgetroffener Portraits der berüchmtesten Tondichter unser Zeit verherrlichen, welche man dem ersten Künstler unser Residenz in Stahl gestochen, dem Werke vorangehen wird, während in dem Buch selbst die ausführliche Biographie der als Titelblatt jedesmal erscheinenden Tondichter enthalten ist. Da mir Herr Jos. Riedl die Redaktion des Orpheus und somit die Leitung des ganzen Unternehmens übertragen hat, so ist mein eifrigstes Bestreben dahin gerichtet, dieses ehrenvolle Zutrauen dadurch zu rechtfertigen, daß ich das Unternehmen nach meinen besten Willen und Vermögen fördern helfe, welches aber nur dann geschehen kann, wenn ich für den gewiß edlen Zweck die ausgezeichnetsten Männer dieses Faches zu gewinnen suche. Ich wende mich deshalb vertrauend auf die Kunstliebe Euer Wohlgeboren und überzeugt, daß mir durch Ihren Beitritt dieses Unternehmen so glänzend auftauchen kann, wie ich beabsichtigte, an Sie mit der Bitte, nicht nur durch eine Ihrer ausgezeichneten Compositionen1 uns zu beglücken, sondern auch durch die Erlaubnis mit Ihrem eigenen Bilde2 als dem würdigsten Representanten deutschen Gesanges diese Gallerie eröffnen zu dürfen, unserm Orpheus den höchsten Glanz zu verschaffen.
Sollte diese Bitte sich Ihrer Gewährung erfreuen, so wollen Euer Wohlgeboren mit gütigst bekannt geben, welches von den bereits erschienenen Portraits Sie für das bestgetroffene anerkennen, damit nach diesen der Stahlstich copirt werde; im falle sich aber keines von all diesen Ihres Beifalls erfreute uns gütigst einen dortigen Maler bekannt geben, den wir unbesorgt der Portraitirung auftragen können. In jedem Falle ersuche ich Euer Wohlgeboren mich gefälligst durch ein baldiges Rückschreiben zu beehren, und3 dasselbe an die Riedl’sche Kunst und Buchbinderhnandlung im Schottenhofe allhier zu adressiren
Mit ausgezeichneter Hochachtung

Dero
ergebenster
August Schmidt
k.k. HofKassenOffizier, Mitglied
mehrer nusikalisch. Vereine, Redacteur des Orpheus

Wien am 15/9 838.

Autor(en): Schmidt, August (Wien)
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Riedl, Joseph
Schubert, Franz (Wien)
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Lieder, Sgst Kl, WoO 99
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen: Riedl <Wien>
Zitierlink: www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1838091517

bitlx


Der nächste belegte Brief dieser Korrespondenz ist Spohr an Schmidt, 11.12.1838.

[1] Vgl. Orpheus 1 (1840), Notenteil zwischen S. 248 und 249.

[2] Vgl. ebd., nicht paginiert.

[3] „und“ über der Zeile eingefügt.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (16.08.2022).