Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Fräulein Marie Pistor
Kurfürstl. Hess. Kammersängerin
Cassel.
Leipzig d 28t Sept. 1837.
P.P.
Herr Dr. Herlossohn suchte mich so eben auf und verlangte von mir Aufklärung über Ihr letztes Schreiben an ihn. Ich allein konnte sie ihm geben und habe sie ihm gegeben. – Die Möglichkeit, daß Ihre freundschaftlichen Gesinnungen gegen Herr Dr. H. nur einen Augenblick im Zweifel übergehen könnten, legt mir die Pflicht auf, auch Ihnen offen zu sagen, wie ich zu Ihrem früheren Briefe gekommen bin.
Vor 8 oder 10 Tagen wollte ich, was ich fast täglich thue, den Hr. Dr. Herlossohn besuchen, traf ihn jedoch nicht zu Hause an. Seine Wirthsleute erwarteten ihn sehr bald zurück und öffneten mir sein Zimmer, wo ich etwa eine gute halbe Stunde verweilte. In jener Zeit unterhielt ich mich mit Lektüre der umherliegenden Journale und bemerkte auch mehrere offen liegende Briefe worunter einer aus Cassel. Es war der Ihrige, welcher zufällig mehr Interessantes enthielt, als ich ahnen konnte. Ich gestehe es daß ich Herlossohns Arglosigkeit und Abwesenheit zu mißbrauchen in Versuchung gerieht und ich beging die Indiscretion Ihren Brief zu lesen und stellenweise zu copiren. –
Ist noch ein Mißbrauch von der Copie gemacht worden, so geschah es gegen meinen Willen. –
Dies zu glauben darf ich von Ihnen nicht fordern, wohl aber darf ich hoffen, daß Sie den Hergang der Sache wie ich ihn beschrieben habe mir glauben werden, da kein anderer Grund als der Wahrheit die Ehre zu geben mich bewegen konnte, dieses1 offen und frei, das Bekenntniß meiner Schuld abzulegen und mich dadurch selbst zu prostituiren.
Ihr gegebener2
August Auerbach
Bedürfen Sie eines Zeugnißes, daß Sie mir Mittheilungen über das Casseler Hoftheater und seine Mitglieder nie zum Behufe eines öffentlichen Zeitungs-Referates gemacht haben, und daß ich dergleichen Mittheilungen auch nie zu Ihren Gunsten oder anderer Ungunsten benutzt habe – so steht es Ihnen zu Diensten und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf. Herr Auerbach sendet Ihnen beifolgenden Brief zu meiner Rechtfertigung.
Ihr Herlossohn.
Diese beiden Copien mögen Ihnen den wahren Bestand einer Sache darthun, hochgeehrter Herr Kapellmeister, welche mir schon so viele Unannehmlichkeit verursacht hat. Vermutlich darf es mir nicht gleichgültig seyn das Mißtrauen Einer hochlöblichen Direction zu erregen – deßhalb sehe ich mich veranlaßt Sie hochgeehrter Herr Capellmeister mit diesen Zeilen zu belästigen und mich von dem Verdacht zu reinigen – als machte ich hämische Angriffe zum Nachtheil meiner Collegen. Der Doctor Herlossohn ist mir schon seit Jahren befreundet3 nicht als Ancienent4, sondern als gemüthlicher, richtiger Mensch, und unsere Correspondenz hat nur den Zweck gegenseitigen Amusements. Die Äußerung welche ich über Dems. Loew gethan, war ganz absichtsloß, und durchaus nicht bößwillig zudem ist sie ja hier sogar allgemeine Meinung geworden nehmlich: daß ihrem Gesang und Spiel mehr Leben zu muthen sey etc. Sie hat sich auf eine Art gemacht die nicht zu billigen ist; indem sie mich den Mitgliedern gehässig gemacht, und die Copie meines Briefs welche sie durch Hrn. Auerbach auf die von ihm angegebene Weise erhielt vervielfältigt, zu meinem Schaden veröffentlicht.5 So daß ich zum Gegenstand eines Stadtgeschwätzes werde.6 Mir ist nichts so sehr zuwider als Intriguen und Theater-Cabalen – und ich rufe Sie daher hochgeehrter Herr Capellmeister, da mir an Ihrer guten Meinung alles liegt – im Fall beleidigender Angriffe von Seiten mancher Mitglieder – (deren sie sich schon recht hämischer haben zu Schulden kommen lassen) zu meinem Schutz auf. Ein wehrloses Mädchen kann gegen Rohheit und Ungezogenheit von Männern nicht ankommen. Ich bezeichne Niemand genauer. Und hoffe auf Ihre gütige Verzeihung wegen dieser Freiheit hochgeehrter Herr Capellmeister. – Die Original-Briefe stehen jeder Zeit zu Diensten. Es hat dieses Schreiben den Privat-Zweck mich bei Ihnen verehrter Herr Capellmeister zu rechtfertigen, und mir Ihr gütiges Wohlwollen zu erbitten. Mit vorzüglicher Hochachtung
ganz ergebenst
M. Pistor.
| Autor(en): |
Pistor, Marie |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Auerbach, August Herloßsohn, Karl Loew, Marie |
| Erwähnte Kompositionen: | |
| Erwähnte Orte: |
Kassel Leipzig |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837100143 |
Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Pistor an Spohr, 10.10.1835.
Pistors Brief selbst ist nicht datiert. Da dieser Brief jedoch nach dem zitierten Brief von Auerbach entstanden sein muss, den Herloßsohn aus Leipzig an Pistor weiterschickte, und Pistor selbst diese Briefe für ihren eigenen abschrieb, erscheint ein Briefdatum Anfang Oktober plausibel.
[1] Hier gestrichen: „Offe“.
[2] Sic!
[3] Zur Bekanntschaft zwischen Pistor und Herloßsohn vgl. Aloys Moldawsky, Karl Herloßsohn. Geboren zu Prag am 1. September 1804. Biographische Skizze, in: Libussa 8 (1849), S. 414-484, hier S. 472.
[4] „Anciennetät, fr. […] die Dienst- oder Alters-Folge, das Dienstalter“ (Friedrich Erdmann Petri, Gedrängtes Deutschungs-Wörterbuch der unsre Schrift- und Umgangs-Sprache, selten oder öfter entstellenden fremden Ausdrücke, zu deren Verstehn und Vermeiden, 3. Aufl., Dresden 1817, S. 28).
[5] Die Veröffentlichung des Briefs ist bislang noch nicht ermittelt.
[6] Vgl. L., „Kassel“, in: Allgemeine musikalische Zeitung 39 (1837), Sp. 665-668, hier Sp. 668.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (23.03.2026).