Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Sehr geehrter Herr Capellmeister!
Im Vertrauen auf Ihre Güte, erlaube ich mir Sie mit einer Bitte zu belästigen, deren Erfüllung Ihnen einige Mühe verursachen wird, weshalb ich sehr um Entschuldigung Sie ersuchen muß. Sie nicht zu ermüden, weill ohne weitere Einleitung zur Sache übergehen.
Es betrifft nehmlich einen Gegenstand, wo es sich um die Richtigkeit des musikalischen Schreibers handelt, gegen welche ich, nach Angabe eines Anonyms, einen Verstoß begangen haben sollte.1
In einem unlängst hier gedruckt erschienenen Rondo von meiner Composition, befindet sich in der Einleitung folgende Stelle:
[Nbs.]
Ein Anonymus behauptete nun, das mit dem NB bezeichnete C, wäre eine falsch angebrachte enharmonische Verwechslung, jener Ton sollte his geschrieben seyn.
In einer ziemlich ausführlichen Erklärung, suchte ich dem Anonymus begreiflich zu machen, daß es mir als Componist freystehe, eine Accordenfolge zu wählen, die ich will; wenn sich dieselbe nur durch die musikalische Grammatik rechtfertigen laße; so sey es meine Absicht gewesen, nach dem Quintsext Accord von Fis moll, den Septimen Accord von D, gebrauchen zu wollen, daß an Harmonie die Töne des ganzen Tackts durchspringend, und erst die Schlußnote des Takts war ich genöthigt enharmonisch nach his zu verwechslen, um dem Trugschluß nach Cis vorzubereiten. Wollte ich schon zu Anfang des Takts das his in den Accord einzwängen, so würde folgende närrische Orthographie entstehen:
[Nbs.]
Der Anonymus war jedoch nicht zur Vernunft zu bringen, und bleib bei seiner Behauptung.
Um nicht allein Richter in eigener Sache zu seyn, nahm ich mir nun die Freyheit Ihren Ausspruch zu erbitten, womit ich meinen Gegner niederschlagen will. Halten Sie jenes mit NB bezeichnete C für eine falschangebrachte enharmonische Verwechslung von his, oder habe ich recht gethan den Septimen Accord von D zu gebrauchen pp?
Diese Angelegenheiten möchte ich von Ihnen beantwortet erhalten. Vergeben Sie die Belästigung die Ihnen dadurch verursacht wird, und genehmigen Sie die Versicherung größter Hochachtung womit verbleibt
Ihr
ergebenster
C. Krebs.
Hamburg d. 12 Sept 1837.
| Autor(en): |
Krebs, Karl August |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: | |
| Erwähnte Kompositionen: |
Krebs, Karl August : Rondo, Kl |
| Erwähnte Orte: | |
| Erwähnte Institutionen: | |
| Zitierlink: | https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837091243 |
Spohr beantwortete diesen Brief am 22.09.1837.
[1] Die entsprechende Rezension in der Hamburger Zeitschrift Freischütz Nr. 40 ist noch nicht ermittelt.
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (12.12.2022).