Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr!

Wenn ein Unbekannter es unternimmt sich an Sr. Wohlgeboren mit einem dringenden Anliegen zu wenden, so wird er von nichts anderem als von der unwiderstehlichen Sehnsucht nach dem vollen Genuß Ihrer Tonschöpfungen getrieben! Seit mehrern Jahren mit vielen Ihrer Kunstwerke vertraut, habe ich es mir als Mitvorsteher der hiesigen Singacademie zur Aufgabe gemacht, in unserer, gerade jetzt mit guten Musikern und Dilettanten (2 gute Soprane, 2 ausgezeichnete Tenöre, worunter der Jurist Blume, der so gar in Leipziger Concerten gehört wurde, als er daselbst vor kurzem studirte, 1 sehr braver Bass und ein leidliches Chor) versehenen Stadt, in welcher Friedrich u. Johann Schneider u. H. Marschner ihren Jugendunterricht empfingen. Sinn für ächte deutsche Musik zu nähren und zu pflegen. Bereits sind Spohrsche Clavierauszüge in manchen unsrer Familien, vorzugsweise einheimische. Spohrsche Quartetten u. Gesänge erfreuen in auserwählten Gesellschaften Geist u. Herz u. erst in diesen Tagen hat unsere Singacademie an Ihrem herrlichen Vater-Unser sich gelabt.
Ein Wunsch aber ists der immer und immer wiederkehrt und nun, wo an die für den Herbst u. Winter zu präparirenden Societaets-Concerte mit Ernst gedacht werden muß, sich nicht mehr zurückdrängen läßt; es ist der Wunsche eine oder die andere Parthie aus Ihrer neusten Oper: der Alchymist, wovon wir im vorigen Jahr durch unsern Musikdirector Sturm das wunderherrliche Finale des letzten Acts zu hören bekommen, mit Orchester aufführen zu können!!
Mir ist, (was ich überhaupt nur beklagen kann, daß es nicht stattfindet,) nicht bekannt daß die Partitur oder Theile derselben wie die Ouverture (welche ich in Orchesterstimmen besitze) im Musicalienhandel zu haben wäre. So nach bleibt mir nur übrig mich, und zwar unmittelbar, an Ihre längst bekannte Güte zu wenden und so spreche ich getrosten Muthes meine Bitte vor Ihnen also aus: Ich bitte um no. 12 Scena con Coro, no. 13 Recit. no. 14 Romanze con Coro, no. 15 Finale des IIten Acts, no. 16. Vision, no. 17 Recit. e Aria, no. 18 Aria mit Recit. & Larghetto, no. 19 Ballo e Fandango und no. 20. Recit. & Duetto. –
Freilich, dürfte ich wünschen, wie mein Herz spricht, so möchte ich wenn ich die einzelnen Nummern von Anfang der Oper im Clavierauszuge wieder durchsehe, liebe jede; aber ich wüßte mir einer Seits mit Recht den Vorwurf der Unbescheidenheit gefallen laßen, andrer Seits aber nicht erwägen, daß die Kräfte des Vereins doch nicht so sehr stark sind, um viel solcher Musicalien auf Einmal anschaffen zu können. Genug! wenn Ihr Wohlwollen uns das gegen sofortige Vergütung und die aufrichtigste Dankbarkeit spendet, was ich so gebeten habe.
Erfüllen Sie, hochgefeierter Verehrer, der nicht nur aus der Tiefe das Herzens hervorgegangen, sondern auch durch die seelenvollen Töne Ihrer Schöpfungen in mir und alle andern meiner Freunde und Freundinnen entzündet worden ist. Mit innigster Verehrung 

Euer Wohlgeboren
ganz ergebensten 
Carl Gottlob Friedrich,
Stadtgerichtsrath.

Zittau
den 23sten August
1837.

Autor(en): Friedrich, Carl Gottlob
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen: Blume (Jurist in Zittau)
Marschner, Heinrich
Schneider, Friedrich
Schneider, Johann Gottlob
Sturm, Carl Theodor
Erwähnte Kompositionen: Spohr, Louis : Der Alchymist
Spohr, Louis : Des Heilands letzte Stunden
Erwähnte Orte: Zittau
Erwähnte Institutionen: Singakademie <Zittau>
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1837082347


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Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (15.07.2026).