Autograf: Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287

Hamburg den 25. Nov. 1836. 

Verehrter Herr Kapellmeister! 

Sie gehören unter die seltenen Menschen, die sich mir, trotz Zeit und Entfernung, immer gleich und wechsellos als Freund bewährt haben. Das gibt mir denn den Muth Sie auch jetzt wieder mit einer Bitte zu belästigen. 
Ich höre, daß mit der Redaction der Kasseler Zeitung eine Veränderung vorgeht. Nun veranlassen mich viele Gründe, physische, moralische und intellectuelle, so wie geschäftlicher Art zu dem Wunsche, Hamburg zu verlassen, ob mich gleich niemand von meiner Stelle vertreibt, und es wäre mir mit der Uebertragung der Redaction dieser Zeitung unendlich gedient. Nun wird Ihnen, wie denen, die über die neue Redaction verfügen nicht unbekannt seyn, daß die Bremer Zeitung 4 Jahre lang, zur Zeit ihres grössten Flors, unter meiner Redaction stand; es wird auch meine zwölfjährige Redaction der literarischen Blätter der Börsenhalle, sowie mein historisches Werk: Geschichte der letzten fünfzig Jahre1 und die Aufnahme, die es erlebt hat, nicht minder bekannt und in dieser Hinsicht, wenn sonst nicht schon darüber verfügt ist, vielleicht keine Abneigung vorhanden seyn, da es doch bey dem Absatz einer politischen Zeitung bedeutend auf den bekannten Nahmen des Redacteurs ankömmt.
Da ich nun2 nicht weiß, an wen man sich zu wenden hat, Sie das aber leicht erfahren3 und gewiß auch auf einen erwünschten Erfolg den grössten Einfluß haben können, so lege ich Ihnen freundschaftlich ans Herz nähere Erkundigung darüber einzuiehen und vorläufig, denn in dieser Art Angelegenheit ist oft periculum in mora4 die nöthigen Schritte in meinem Nahmen zu thun und mich dann ungesäumt von denen zu unterrichten, die ich zu thun hätte, wenn einige Aussicht vorhanden wäre. Oft habe ich die Erfahrung gemacht, daß ich nur darum um ähnliche Anträge gekommen bin, weil man sich fälschlich dachte, daß ich hier mindestens die Besoldung von 12-1500 Thlr genösse; das ist aber gar nicht der Fall und ich würde mich zu weit billigeren Bedingungen verstehen.
Lachen Sie mich, theurer Freund, nicht aus, wenn es ein Luftschloß ist und wenn Grund in der Sache seyn sollte, so haben Sie die Güte, mich bald davon zu unterrichten. Wie innig werde ich mich freuen, ja wie glücklich würde ich mich fühlen, wenn ich noch den Rest meines Lebens mit Ihnen in einer Stadt verleben könnte. 
Nehmen Sie vorläufig meinen Dank und die Versicherung, daß ich nie aufhören werde zu seyn

Ihr 
treuer Freund 
CarlFriedrichErnstLudwig

Ich frankire den Brief nicht, weil die schnellere Bestellung dadurch gewisser ist, ich bitte um gleiche Maasregel. 

Adresse,
Rath Ludwig, Hamburg, 2te Fehlandstraße
No. 6

Autor(en): Ludwig, Carl Friedrich Ernst
Adressat(en): Spohr, Louis
Erwähnte Personen:
Erwähnte Kompositionen:
Erwähnte Orte:
Erwähnte Institutionen:
Zitierlink: https://www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1836112547


Der letzte erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ludwig an Spohr, 04.06.1836. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Ludwig an Spohr, 10.06.1839.

[1] Carl Friedrich Ernst Ludwig, Geschichte der letzten fünfzig Jahre, Bd. 1, Altona 1832, Bd. 2, 1833, Bd. 3, 1833, Bd. 4, 1834, Bd. 5, 1837.

[2] Hier gestrichen: „aber“.

[3] Hier gestrichen: „können“.

[4] „periculum in mora“ (lat.) = „Gefahr im Verzug“.

Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (20.01.2025).