Autograf: Universitätsbibliothek Kassel - Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel (D-Kl), Sign. 4° Ms. Hass. 287
Hochgeehrtester Herr Kapellmeister,
Ich glaube mich wohl der freudigen Hoffnung hingeben zu dürfen, daß Ew. Wohlgeboren nicht mit die grenzenlose Nachlässigkeit, mit der die Absendung der uns von Ihnen so gütig geliehenen Oper Titur, hier betrieben worden ist, zuschreiben werden. Nach gemachtem Gebrauche und geschafener Copiatur habe ich bereits im Monat Januar die Paquetirung und Versendung der Oper angeordnet. Bei den verwickelten, ungeregelten Zuständen in der sich aber seit längerer Zeit das ganze hiesige Bühnenwesen befindet, konnte wohl ein1 Versehen vorfallen; jedoch ist eine solche Verzögerung, wie die in Rede stehende, unverzeihlich, und ich muß Ew. Wohlgeboren eben so dringend als ergebenst um Entschuldigung bitten, hoffend, daß bei der Revision der Casseler Bibliothek das Fehlen der Oper Titus unbemerkt geblieben ist.
Mich selbst hat seit dem April eine schwere, anhaltende Krankheit von allen Theatergeschäften fern gehalten. Eine geraume Zeit war ich nicht in Düsseldorf, und nachdem ich vor kurzem dahin zurückgekehrt bin, fand ich erst Ihr geehrtes Schreiben vor, was mir füglich nachgeschickt hätte werden können. Ich mußte nun selber die Respondirung der Oper vornehmen, die ich Ihnen anbei mit dem herzlichsten Danke und der nochmaligen Bitte um Entschuldigung übersende.
Daß ich Ihnen nicht bisher die 8 Rth. für die beiden mir anvertrauten Klavierauszüge2 übersandte, beruhte auf der langgehegten Hoffnung, dieselbe Ihnen persönlich einhändigen zu dürfen. Diese Hoffnung ist nebst manches andern durch den traurig verlebten Sommer zu Wasser geworden. Das Geld folgt anbei mit. der hinzugefügte 9te Thaler ist für die Bemühungen Ihres Orchesterdieners3, der die Oper im vorigen Jahr paquetirt hatte.
Die Aussichten für die Erhaltung des hiesigen Theaters u. seiner jetzigen Gestalt schwinden mehr und mehr. Die Einnahmen in dem Sommeraufenthalte wovon durchschnittlich schlecht. Henckel u. Dölle haben die Bühne bereits verlassen.4 Beide ohne Engagement anderweitig eingegangen zu sein. Die Meiselbach erhielt sich in der Gunst des Publikums. Ihr Sextus war bis auf die Passagen eine ihrer besten Leistungen. Ich glaube sie wünscht sich sehr nach Cassel zurück. – Ew. Wohlgeboren würden mich höchlist verbinden, wenn Sie mir den Empfang der Gelder, durch ein paar Zeilen gelegentlich anzeigen wollten.
Ich hoffe, daß dieser Brief Sie in erwünschtem Wohlsein antreffe, und mich IhrenAndenken bestens empfehlend, nenne ich mich mit aller Hochachtung u. Verehrung
Ihren ganz ergebenen
Julius Rietz.
Düsseld. d. 3t October 1836.
P.S.
So eben noch immer das von Ihnen erhaltene Schreiben überlesend, sehe ich in den zurückgeforderten Gegenständen auch die Partitur des Titus verzeichnet. Diese habe ich nicht von Ew. Wohlgeboren erbeten und auch nicht erhalten sondern nur das Buch, Orchesterstimmen u. Partitur u. Orchesterstimmen der Weiglschen Einlage5, wie es das von Ew. Wohlgeboren, angefertigte, im Paquet befindliche Verzeichniß besagt. Ich schaffte schon früher für Düsseldorf die in Leipzig erschienene Partitur an. Die dem Casseler Hoftheater eigene Partitur wird sich also wohl dort vorfinden.
J.R.
| Autor(en): |
Rietz, Julius |
| Adressat(en): |
Spohr, Louis |
| Erwähnte Personen: |
Dölle (Bass) Henckel, Wilhelm Meiselbach, Veronika |
| Erwähnte Kompositionen: |
Mozart, Wolfgang Amadeus : <%La%> clemenza di Tito |
| Erwähnte Orte: |
Düsseldorf |
| Erwähnte Institutionen: |
Hoftheater <Kassel> Stadttheater <Düsseldorf> |
| Zitierlink: | www.spohr-briefe.de/briefe-einzelansicht?m=1836100343 bitlx |
Dieser Brief ist die Antwort auf Spohr an Rietz, 15.06.1836. Der nächste erhaltene Brief dieser Korrespondenz ist Rietz an Spohr, 31.03.1837.
[1] Hier ein Wort gestrichen.
[2] Zu Spohrs Oratorium Des Heilands letzte Stunden.
[3] Julius Krauskopf.
[4] Vgl. Richard Fellner, Geschichte einer Deutschen Musterbühne. Karl Immermanns Leitung des Stadttheaters zu Düsseldorf, Stuttgart 1888, S. 462f.
[5] Ein Duett zwischen Titus und Sextus von Joseph Weigl (vgl. Milada Jonášová, „Neuentdeckte Prager Quellen aus Mozarts Zeit zu La clemenza di Tito, Le nozze di Figaro, Der Schauspieldirektor und La finta giardiniera“, in: Mozart Studien 27 (2020), S. 361-433, hier S. 396ff.).
Kommentar und Verschlagwortung, soweit in den Anmerkungen nicht anders angegeben: Karl Traugott Goldbach (10.06.2022).